Von Geistern und Gewerkschaften

Ein Interview mit Andreas Spechtl und der neuen DJ-Gewerkschaft in Österreich.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: Die neue DJ-Gewerkschaft in Österreich. Das neue Album von Ja, Panik und Aktuelles aus der österreichischen U-Szene. Außerdem: 25 Neuveröffentlichungen für den April.

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Österreich hat eine DJ-Gewerkschaft. Es wurde berichtet. DECK wurde von Steve Hope, Electric Indigo, DJ Pandora, Kobermann und Disaszt gegründet. Sie alle kommen aus der Wiener DJ/Produzent*innen/Veranstalter*innen-Szene, sind vernetzt, haben international Erfahrung. Wie eine DJ-Gewerkschaft konkret aussehen soll, ist trotzdem eine andere Frage. Clubs stehen seit über einem Jahr still, die Anlagen verstauben, ein voller Dancefloor ist weiter weg als Kurz von einem Rücktritt. Neben übervollen Intensivstationen und der Sache mit dem Stich gibt es aber – hands down – wichtigere Dinge, als die Frage, wann CDJs wieder im Dunklen blinken.

Party-Hedonismus, ob in Existentialistenschwarz dem »ernsten« Technogeballer frönend oder mit drei Promille auf dem »zamm zamm zamm« Faschingsgschnas zum Biene-Maja-Lied schunkelnd, setzt aus. Sollte aussetzen. Muss aussetzen, bis es Lösungen gibt, die ein Zurück in den Club ermöglichen. Ob man dorthin zurückwill, wo man im März 2020 aufgehört hat … ich kann es mir vorstellen, aber nicht wünschen. »Die Pandemie hat die Probleme nur sichtbar gemacht, davon unabhängig gab es sie natürlich davor auch schon«, sagt Katja Dürrer alias DJ Pandora. Probleme, die von unbezahlten Gagen bis hin zu sexualisierter Gewalt im Club reichen.

DECK steht ganz am Anfang. Die Initator*innen erarbeiten organisatorische Strukturen, legen Arbeitsschwerpunkte fest, proben Kommunikationsabläufe. Das ist Pionierarbeit. Trotzdem: Erreichen will man »alle« DJs in Österreich – vom Bodensee bis zur ungarischen Grenze, von der Dorfdisco bis zum undergroundigen Kellerclub. Wie das funktionieren soll, welche Ziele DECK langfristig verfolgt und warum man sich als DJ der Gewerkschaft anschließen sollte, haben mir die Initatiator*innen im Gespräch erklärt. Das gesamte Interview ist bei mica erschienen.

Friendly Reminder an alle Corona-Partys

Interview: Die Gruppe Ja, Panik

Wenn am 30. April 2021 die neue Ja, Panik-Platte erscheint, macht der existentialistische Snobismus, getarnt in schwarzen Rollkragenpullis und Wiener Akzent, wieder Musik für Mittdreißiger, die ihren gesammelten spex-Jahrgang von 2001 für die Nachwelt laminieren. Da freuen sich auch melancholische Philo-Studis, die ihre politische Erweckung in der Hamburger Schule des letzten Jahrhunderts suchen. Ohne Ironie. Im Ernst. Mit Rilke unterm Arm. In der Sag-niemals-Pop-ohne-Diskurs-Blase herrscht jedenfalls Aufregung, wenn Ja, Panik eine neue Platte veröffentlichen.

Die übriggebliebenen Berufsjugendlichen aus der Gang für Silberrücken-Schreiberlinge ehemaliger Sprachrohre der sogenannten Popkultur dürfen inzwischen im Mainstream ran und sabbern ob der frohen Botschaft vor lauter Geilheit auf ihre FAZ. Was dürfen sie erwarten? Ein neues Manifest? Oder gar die Neuvertonung Bernhardscher Wutausbrüche als subtile Gegenwartsanalyse? Adorno, Nietzsche, Tralala – Ja, Panik geben keine Antworten, sondern stellen nur Fragen. Über den Ausbruch als Spielfeld, Gespenster im Kapitalismus und die Tatsache, dass man Dinge verlernen muss, um sie neu zu erlernen, habe ich mit Andreas Spechtl fürs mica gesprochen.

Die Leitung in den Proberaum in Berlin stand. Der Rechner von Spechtl hob während des Gesprächs mehrere Male ab. Wo er gelandet ist, hört ihr heute Abend im Interview bei Grundrauschen.


Weiterlesen, weiterdenken

Was diesen Monat rauscht

Grundrauschen präsentiert 25 Neuveröffentlichungen aus Österreich – zwischen A wie Ambient und Atonal bis Z wie Zisch-Zonk-Zack!

Abby Lee Tee – Hausberg IV-V (Never Anything Records)

16 Minuten für einen Ausbruch aus der Welt? Hört sich nach einem guten Deal an. Fabian Holzinger lässt die Kastenzither unterm Gebirgsbachl knistern und treibt das US-Tape-Label Never Anything Records auf die Alm. Do gibt’s ka Sünd! Do simma daham. In Gedanken, immerhin.

MS Mutt – »Fink« (smallforms)

Johanna Forster betreibt das queer-feministische Label unrecords mit, experimentiert sich durch die Wiener Klangszene und zerreißt als MS Mutt die E-Gitarre. Für smallforms hat Forster Mikro und Verstärker in den Wald gestellt. Vöglein zwitschern, Saiten driften, die Natur klingt. So wie sie ist. So wie sie sein sollte. Allein im Wald, die Platane umarmend, deep listening für die Baumschule.

The Sweet Janes – »Das deutsche Album« (s/r)

Zwei »Ladies« mit »Punk-Background« haben ein Album des Jahres veröffentlicht. Ohne Schmäh. Ohne Umwege. »DAS DEUTSCHE ALBUM« ist die Vergangenheit der NDW in der Tiroler Gegenwart. The Sweet Janes kommen aus Innsbruck, könnten aber genauso gut in einer Hamburger Hafenkneipe am Astra süffeln. Bärchen und die Milchbubi-Vibes, meinte der Journalist Benjamin Stolz zu mir. Recht hat er!

Loopbiz – »Menschine« (s/r)

Der Egyptian Lover kurbelt an der 808. Kraftwerk pusten auf der Tour de France. Loopbiz pflanzt seine Menschine in die Gehörgänge des FM4-Harems. Artwork ausbaufähig. Sound schon mal liiiit!

DJ Gusch – »Statisch 1-4/Akustisch« (s/r)

Hat hier jemand Oneothrix Point Never genuschelt? DJ GUSCH fetzt den Ami-Sound durch seine Filterbank, übrib bleibt nur Elektroschrott im Cover-Format. Statisch, akustisch, aufgetischt! Die Quadratwurzel aus 42 führt ins sonische Nirvana.

Brómus – »Too Yore« (s/r)

Wer diesen Newsletter liest, kennt seinen Namen. Brómus, der österreichische Celer, ein Ambient-Fantast, der mit den richtigen Bildern spielt, sich im Loop bewegt, in Schleifen denkt. Der Mann produziert im Akkord kleine Geschichten, im Fall von »Too Yore« sogar ziemlich lange. Bitte. Mehr!

Gran Bankrott – »Tanzbein« (s/r)

Wir klemmen uns den New Wave unter die Arme und rudern zurück ins stabile Prekariat. Florian Tremmel, aus dem Dunstkreis von Totally Wired, SSTR6 und Numavi entschwunden, schockfrostet das Tanzbein im Viervierteltakt, um auf Ein-Personen-Coronapartys im Wohnzimmer die Kniekehlen zu ölen.

IamAndre. – »Sayonara« (s/r)

Endlich mal wieder ein Beat-Tape. Zwar nur als Download. Aber hey – im neverending Lockdown wird man genügsam. IamAndre. zündelt am Sampler wie Biedermann und seine Brandstifter. Ein Seelen-Trip, nicht nur für Hip-Hop-Heads.

pauT – »Jackpot (Gernot Blümels Laptop)« (s/r)

Scheiß Wetter im Aprü – aber erst mal ne Runde mit dem Laptop drehen. Schließlich blümelts schon. Und das Kind muss an die frische Luft. Paul Schreier, der GOTT aller Problembären, stopft das Macbook in den Trolley und zieht seine Runden im Schönbrunner Schlosspark. Später kann er sich an nichts mehr erinnern. Für den Finanzminister bei Humboldt reicht’s allemal.

Ángela Tröndle & Pippo Corvino – »Distilled« (s/r)

Pippo Corvino gitarrisiert in Wien. Meistens akustisch. Meistens für sich. Während der Corona-Zeit hat er mit der Jazzerin Ángela Tröndle gearbeitet. Ihre Stimme, seine Gitarre. Das passt. Und sorgt für Sehnsucht unter der Steppdecke.

Waldfee – »Wenn die Wilden Pflanzen Tanzen« (s/r)

Zwischen Beifuß und Johanniskraut, Mädesüß und Löwenzahn pflückt man in Wien am liebsten Bärlauch. Kommt der Frühling, kraxeln Wiener*innen in Büschen herum, um sich als Privat-Prepper für die kommenden zehn Monate mit Knofel-Pesto einzudecken. In Niederösterreich verzieht man nur die Nase – und ruft die Waldfee. Die bringt ein »klingendes Herbarium« und verschenkt es an alle Hobby-Botaniker*innen.

Future Skylines – »0x460x340x310x2E0x32« (s/r)

Hätte Ben Frost irgendwann die rote Pille runtergespült, seine Maschinentheorie wäre doch noch abgetaucht. Future Skylines übergießt zwischen Crypto-Codes den Synthie-Schrein mit WD-40. Nix mit verborgenen Nieten und Fugen. Hier muss die Fachfrau ran.

MSTEP – »Random Forest« (s/r)

Martin Stepanek hat Basslines für Pulsinger und Tunakan gelegt und Kruder&Dorfmeister zu einer Zeit remixt, als in der Grundsteingasse noch keine Archive verloren gingen. Dass Stepanek als MSTEP nie aufgehört hat, an den Knöpfen zu drehen, hab ich bis gestern auch nicht gewusst. Die Maschinen tanzen wie 1998. Alles kommt wieder, nur die Wurst hat zwei.

Loather – »Relics« (s/r)

Loather, die beste unbekannte Band Wiens, hat wieder mal kein Tape veröffentlicht. Dafür Demos, oder wie man drei Meter unter der Erde sagt: Relikte. 17 an der Zahl, zwischen Proberaum-Geschrammel und Skizzen-Geklimper. Wo bleibt noch mal das Tape?!

V.A. – »grazil Records & Friends Volume 1«

Grazil Records kommt aus Graz, zerschreddert Gitarren und zerfetzt Trommelfelle. Der Griff in den Schritt überlässt man dem Wiener Machismo, hier hängt allerhöchstens der Bass unter der Gürtellinie. Für den ersten Label-Sampler hat man 20 Friends eingeladen. Alle haben einen Track beigesteuert. Scream, Space, Speed!

Martin Nonstatic – »Reflecting Glaciers« (s/r)

Die Ambient-Exegese arbeitet sich an Eisbergen ab wie südkongolesische Minenarbeiter an Cobalt. Es gibt jede Menge davon, aber irgendwann ist genug. Sollte man glauben, aber dann kommt die nächste Platte bei Minus 35 Grad um die Ecke gekratzt – und man ist wieder hooked. Martin Nonstatic, ein Linzer, steuert mitten rein in das Eisberg-Modell. Recht so.

BYDL – »They Would Have Been Happier With The Cave Not Being Empty« (s/r)

Zu Ostern gabs nur das Beste: Lindt-Hasen, Casali-Eier und … eine Messe, die nicht nach Weihrauch zwischen Geschichten aus Pfaffenhofen mieft, sondern das Kirchenschiff mit der heiligen Dreifaltigkeit aus Rauschen, Drones und Orgelpfeifen säkularisiert. Überm Stephansdom steigt schwarzer Rauch auf. BYDL zieht sich die Kapuze über den Kopf. Jetzt wird wieder der Finsternis gehuldigt!

Peter Evans, Christian Lillinger, Petter Eldh, Wanja Slavin – »AMOK AMOR« (Boomslang Records)

Gehört Boomslang Records schon zum Vorarlberger Kulturerbe? Aus Bezau im Bregenzerwald tönen Klänge, die so reif daherkommen wie Räßkäs in ORIGINALEN Kässpätzle. Wäalder halt. Für »AMOK AMOR« trommelt, posaunt und bassiert die Deutsch-Amerikanische Freundschaft mit einer Schwedenbombe. Körig!

Sole Plane – »Brandneuerwagen (Single)« (s/r)

Texte so deep wie das Konto in der Mindestsicherung, aber hey: sole plane ridet in seinem »Brandneuerwagen« und »put his shades on, baby«. Die Beats stabil. Der Vibe laid-back. Alles easy also. Alles so … easy.

Jul Dillier – »solétudes« (s/r)

Jul Dillier erzeugt Klänge, Geräusche, manchmal Melodien. Öfters aber einfach Stille. Stille, die man hören kann. Oder fühlen muss. Der Schweizer in Wien erzählt damit Tongeschichten. Am Klavier, das nicht wie ein Klavier klingt. Und auf der Alm, die keine Alm ist. Wer sich im Spannungsfeld der Geräusch-Losigkeit aufhält, profitiert. Garantiert.

Martinz – »locations« (s/r)

Endlich Neues von Alexander Martinz. Der Producer aus Wien hat ein Händchen für die Simulation, sein Sound schmirgelt über Seapunk, LSD und Blümchenpflücken. »location« ist Ambient am Scherbenhaufen der Geschichte. Nur in den Bruchstücken erkennt man das Ganze. Traum. Wirklichkeit. Martinz!

Terz Nervosa – »Dreams, Always« (Tender Matter)

Tina Bauers Lieblingsfarbe ist Schwarz. Keine Schattierung. Nur Dunkelheit, in die sie als Terz Nervos solange hineinhaucht, bis ganz hinten, im allerletzten Eck, in einer winzigen Nische ein Lichtlein aufleuchtet und man plötzlich weiß, dass Hoffnung besteht. Kommt mir nicht mit »Zug von vorne«, das ist Gruselmukke für Optimist*innen.

Fabio Keiner – »Threnody« (Virtual Soundsystem Records)

Schwierige Zeiten einfach wegpennen. Fabio Keiner, ein Wiener Ambientastiker mit Hang zur Proto-Klassik, hat eine Totenklage komponiert, zu der man sich am besten die Decke über den Kopf zieht, weil das manchmal der einzige Weg ist, die Welt auszuhalten. Die Orgel säuselt Erinnerungen an früher, »Threnody« ist das Gewesene im Jetzt.

Ghost Ally – »PAST LIFE« (Feral Sanctuary)

Manche Dinge brauchen Zeit. Viel Zeit. Ghost Ally aus Wien hat Anfang der 10er Jahre an seinem Solo-Projekt in Ableton rumgeschraubt. Es rauschte, es knarzte. Das Ergebnis waren Tracks, die nirgends reinpassen, wahrscheinlich nicht mal fertig sind, also eher wie College-Block-Schmierereien funktionieren und genau deshalb bei Grundrauschen landen. Die Symbiose zwischen Merzbow und Psychose.

Bevor wir auseinandergehen …


Kennst du jemanden, der am Newsletter von Grundrauschen interessiert sein könnte? Cool! Dann leite ihn gerne weiter. Wir rauschen dann gemeinsam! Und heute ab 21 Uhr auf O94!

Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

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