Über Stock und Stein

Walk-Talk durch Schönbrunn, die Neue von Frischauf und 23 Veröffentlichungen aus dem Ö-Underground.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Radio Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und schaffe Raum fürs Rauschen.

Heute im Newsletter: Vier Absätze Kopfgärtnerei, ein Interview mit Conny Frischauf, 23 neue Veröffentlichungen aus Österreich, Gaming-Musik-Madness und ein Bänger!


Grundrauschen zum Tag

Bald ist es ein Jahr her, dass ich einen Club von innen gesehen habe. Zum Feiern. Mit Menschen. Im selben Raum. Der Gedanke daran wirkt eigenartig fremd. Schwitzend in der Masse und doch für sich zu tanzen. Ohne Masken, ohne Abstand. Wehmut schwingt Wehmut mit, wenn ich darüber nachdenke. Die Nächte, in denen man den Alltag hinter sich lassen konnte, sind verschwunden. Bleiben es. Werden nicht mehr wiederkommen? Wenn sich kurz Zuversicht einmischt, weil man sich einredet, dass es schon irgendwann wieder gehen wird, holt einen zwei Klicks später Ernüchterung ein. Meldungen über neue Virus-Mutationen, den nächsten Lockdown, die Idioten vom Heldenplatz. Es ist zum Heulen.

»Weißt du noch, das letzte Mal in der Forelle/Im Werk/fluc oder Venster??« ist ein Satz, der wie ein melancholisches Bruchstück einer Vergangenheit in der Gegenwart nachhallt und sich aus Spuren speist, die langsam verwischen, bis nur noch Rauschen übrigbleibt. Rauschen, das sich nicht auflöst, zumindest nie ganz. Denn die Erinnerung hat sich festgefressen in den Köpfen derjenigen, die sich einmal im Club, in diesem ganz eigenen Raum mit seiner ganz eigenen Zeit verloren und wiederentdeckt; die in ihm nicht nur getanzt, sondern sich bewegt haben, um ihn als Möglichkeitsraum zu erforschen.

Das ist schnell gesagt. Aber was macht einen »Raum« zu einem »Möglichkeitsraum«, zu einer »Möglichkeitsmaschine«, zu einer fragilen Konstellation, die man nur »umschreiben« und niemals »beschreiben« kann, weil jede Fixierung, jede Definition, jede »Zuschreibung« der Erfahrung seiner Wahrnehmung widersprechen würde? Vielleicht ist es die unbeschreibbare Tatsache, dass der Club die Zeit aussetzt, sie ritualisiert und in »Science Fiction« verwandelt, nicht aber, um bedingungslos nach vorne zu blicken oder sich in utopischen Szenarien zu verlieren, sondern um die Gegenwart zu verzerren, den »present shock« aus einem Moment des Gegenwärtigen zu provozieren und damit ein Feedback zwischen bevorzugter Zukunft und werdender Gegenwart zu produzieren, es gleichzeitig zu konsumieren und damit zu »erleben«.

Ja, vielleicht ist der Club das gelebte Entstehen im »Zeitraum«, ein Zusammenprallen von Bewegungen, Geschwindigkeiten und Intensitäten, die aus sich heraustreten, um nie wieder zu existieren, aber empirische Ereignisse erzeugen, denen ein immanntes Potenzial, die Möglichkeit eines räumlichen In-der-Zeit-Seins genauso zukommt wie ein zeitliches In-den-Raum-Treten. Das lässt sich nicht beschreiben. Wie auch, wenn sich die Vernunft im Trockeneisnebel verliert, bevor sie sich auflöst wie Kristalle im Magen?


Über Stock und Stein – Conny Frischauf im Interview

Conny Frischauf schreibt Melodien für Menschen, die sich nach einem Seuchenjahr noch gspürn – oder wieder gspürn wollen. Dafür muss man auf die Couch, denn die in Wien lebende Künstlerin und Musikerin triggert mit ihrer Debütplatte für Bureau B einen Flashback in die Kindheit. Bauklötze stapeln, Sand futtern, einfach nur existieren, ohne fürs TikTok-Portfolio performen zu müssen. Man kennt das, weil man’s schon wieder vergessen hat. Picasso soll gesagt haben, dass er ein ganzes Leben gebraucht habe, um wieder so malen zu können wie in der Regenbogengruppe. Conny Frischauf braucht dafür eine halbe Stunde.

Altersempfehlung von »Die Drift«: vom ersten Milchzahn bis zur letzten Kukident-Tablette. Zehn Tracks bimmeln über Pop-Pisten, kreiseln in Sprach-Schleifen und bohren der Ästhetik des Mainstreams den Corona-Test in die Nase. Um drei Mal umzudrehen und das Gehirnstaberl wieder rauszureißen. Unkontrollierte Gesichtszüge. Tränen. Ein Gefühl, dass gerade so geil ist, dass man nach einer Woche wiederkommt, um sich vom nächsten Bundesheerler penetrieren zu lassen. Von vorne, nasal. Eh klar.

Damit ist alles gesagt und nichts. Passt aber, weil alles in Bewegung ist. Immer. Der dialektische Schlendrian umarmt persönliche Integrität, die Liebe zum Alten setzt sich im Neuen zusammen, das Gedankenroulette rotiert. Rien ne va plus, nichts geht mehr. Die Kugel fällt. Die Scheibe dreht sich. Jemand schreit »Bingo«. Wir driften.

Noch vor dem Jahreswechsel habe ich Conny Frischauf zu einem Walkie-Talkie in Schönbrunn getroffen. Es war nass und stürmte. Ideale Bedingungen für ein Gespräch über das Driften im Gedankenroulette, Kindergartensongs und Selbstpräsentation in sozialen Medien.

Wir treffen uns zum Spaziergang in Schönbrunn. Warum hier?

Conny Frischauf: Spaziergehen tut gut. Außerdem treffen wir uns draußen. Innerstädtisch etwas Weitläufiges zu finden, wo man seine Ruhe hat, ist gar nicht so einfach. In Schönbrunn geht das aber.

Ich war nach dem ersten Lockdown für eine Führung hier. Das Einzige was hängengeblieben ist, ist die Geschichte mit der Teebutter. 

Conny Frischauf: Welche Geschichte?

Wieso die Teebutter Teebutter heißt.  

Conny Frischauf: Weil … sie zum Tee gereicht wurde?

Weil sie von der Teschener Erzherzöglichen Butter kommt. Das aber nur am Rande, weil Butter sich als – zugegeben – furchtbar schlechte Metapher für dein Album eignet: Mit „Die Drift“ rutscht man wunderbar ins neue Jahr hinein. Das waren aber sicher nicht deine Gedanken. 

Conny Frischauf: Ich habe mich im letzten Jahr viel mit Wasser und Wind auseinandergesetzt. Die Drift ist ein spannendes Moment, das passiert, wenn der Wind auf Wasser trifft und dadurch neue Bewegungen auf der Wasseroberfläche entstehen. Es ist ein Zusammenkommen von Elementen, bei dem neue Formen entstehen.

In welchen Situationen hast du dich damit auseinandergesetzt? 

Conny Frischauf: Unter anderem war ich vergangenen Sommer in Marseille, wo ich für einen kurzen Experimentalfilm Umgebungsgeräusche aufgenommen habe. Mit diesen Aufnahmen und weiteren Klängen, die in Wien entstanden sind habe ich den Film vertont. Aber die Auseinandersetzung mit Wasser an sich war das ganze letzte Jahr sehr präsent, auch in meinen visuell-künstlerischen Arbeiten und in einer theoretischen Auseinandersetzung.

Was ist an Wasser spannend? 

Conny Frischauf: Wasser hat eine ganz eigene sichtbare Materialität und nimmt die Formen der Körper an, die es umgeben. Da spielen viele andere Gedanken mit hinein, die hier zu weit führen würden.

Du kannst dir gerne Zeit lassen.

Conny Frischauf: Wenn man als Mensch ins Wasser hineingeht, passt sich das Wasser diesem Körper – und auch allen anderen Körpern, die sich im Wasser befinden – an. Dabei ist es nicht nur spannend, wie sich Wasser aufgrund geologischer Gegebenheiten verhält, sondern auch wie es in unterschiedlichen soziokulturellen Praktiken eingebettet ist.

Was meinst du damit? 

Conny Frischauf: Wie Wasser sich in der Wahrnehmung des Menschen verändert hat. Wie es im Alltag verwendet wird und welch unterschiedliche Praktiken im Laufe der Zeit entstanden sind.

Welche Veränderungen sind das? 

Conny Frischauf: Dass Wasser reinigt als wichtige medizinische Erkenntnis, zum Beispiel. Damit geht eine Form von Hygienemaßnahme in der Gesellschaft einher – und das Aufkommen von frühen Wellness-Formen. Es entstanden Heilbäder und Wasser wurde immer mehr zu einem Synonym für Erholung und Gesundheit. Darauf konnte jedoch nicht jede Person zugreifen, weil es nur gewissen Gesellschaftsschichten vorbehalten war. Zwar hat sich das schon maßgeblich verbessert, aber dennoch ist der Zugang zu Wasser generell für viele Menschen nicht möglich, was gesellschaftliche und politische Folgen hat. Ganz abgesehen davon, welche ökologischen Schäden dabei entstehen. Mittlerweile ist auch klar, dass diese Ressource irgendwann erschöpft sein wird.

Wie legst du die Ästhetik des Wassers auf deine künstlerische Arbeit um? 

Conny Frischauf: Es gibt eine Auseinandersetzung, weil mich verschiedene Inhalte daran faszinieren. Aber ich kann es nicht einfach übersetzen, da es keinen konkreten konzeptuellen Ansatz gibt. In der Beschäftigung wird diese Teil meiner Arbeit und dessen, was sich aus ihr ergibt. Man denkt anders über gewisse Dinge oder bekommt neue Perspektiven.

Du hast vorhin auch den Wind erwähnt. Welche Perspektiven ergeben sich aus ihm?

Conny Frischauf: Als generelles Thema und in Kombination mit Wasser, wobei ich mich mit dem Wind nicht auf dieselbe inhaltliche Art und theoretische Weise wie mit Wasser auseinandergesetzt habe.

Welche theoretische Auseinandersetzung bedingt der Wind? 

Conny Frischauf: Man kommt von einem Thema zum anderen. Ich lese etwas, bewege mich wohin, schaue mir Neues an – es ist eine Spirale an Dingen, die entsteht und in der man sich treiben lassen kann, wenn man sich darauf einlässt.

Ein Treibenlassen wie auf Wellen. 

Conny Frischauf: Ja, die Drift hat auch mit Treiben zu tun, sie ist nicht nur der Wind, der sich auf der Wasseroberfläche bewegt, sondern hat auch mit Treibholz und dessen Bewegungen zu tun. Es ist alles und nichts. Weil es eh beides immer gleichzeitig ist.

Das ganze Interview läuft heute auf Grundrauschen und ist bei mica erschienen.


Was diesen Monat rauscht

Auvinen – »Akkosaari« (Editions Mego)

Neue Platte von Tin Man – ohne die gepressten Smileys aus den Pillen zu lutschen und trotzdem auf Acid und unter eigenem Namen: Johannes Auvinen zerdeppert zwischen drei Stunden mit Tarkovskys »Stalker« und dem Back-Catalog von Pan Sonic drei Platten von Jean-Michel Jarre und gießt die finnische Sauna mit Sliwowitz auf.

Aze – »Dead Heat« (s/r)

Drei Uhr morgens, noch immer nicht geschlafen – aber diese Platte gehört. Vielleicht ist es das Gefühl der Nacht oder einfach nur chronischer Schlafentzug aber – hach – wenn Ezgi Atas und Beyza Demirkalp ins Mikro säuseln, hate ich nie mehr gegen Berufsjugendliche auf Jugendsendern und kann sogar verstehen, warum man fürs Fotoshooting die Drangler-Bar im Siebten appropriiert. Die Gentrifizierung bin ich!

Mario Rom’s INTERZONE – »Eternal Fiction« (Traumton Musikverlag)

Bock auf Jazz, der einem die Ohren durchputzt wie unverdünntes Listerine aus der Abteilung für Naturkosmetik? Mario Rom, der mit Lukas Kranzelbinder und Herbert Pirker die Interzone eruiert, trötet auf seiner Trompete solange herum, bis nicht nur die Horcherln, sondern auch alle anderen Organe ausreichend penetriert wurden. Kann man geil finden und sich trotzdem für den Zigarrendampf der verjazzten Hochkultur schämen.

DREGS – »built to rot EP« (Refuse Music)

Apropos Ohrenspülen. DREGS aus Wien sind ein Hardcore-Vierer, der straight-edge auf die Zwölf ballert und trotzdem nicht so klingt, wie ein steckengebliebenes Punk-Projekt aus den 90ern. Wer schon mal das Vergnügen hatte, die Gesalbten live zu erleben, klaut beim Heimgehen zwei Mercedes-Sterne und baut sich daraus keine Kette. Yolo!

Vinzenz Schwab – »She took a bucket full of muck, mud and ashes« (smallforms)

Nach drei Runden im Moshpit wieder was aus der Abteilung Thomapyrin für Heads von Heads. Vinzenz Schwab macht Computermusik, bastelt also an Patches herum und lässt es – hust – rauschen, dass es eine helle Freude ist. Für die Wiener Leute von smallforms läutet er das neue Jahr mit 20 Minuten Endzeit-Stimmung ein. Garantiert ohne Weihrauch-Geschwenke!

flimmer – »cirrus« (s/r)

Ambient ist eine Entscheidung, im besten Fall eine Religion. Die einen ballern sich für zwei Stationen in der U-Bahn eine Stress-Medidation rein, checken auf der Rolltreppe ihren Resilienzratgeber und schütten sich literweise Yoga in Tropfenform rein. Die anderen lehen sich zurück, schalten die Musik von flimmer ein und wünschen sich … nichts.

Christina Ruf & Markus W. Schneider – »264 Hours of Sleep«

Was kann mit verzerrter Gitarre und elektrischem Gefiedel schon falsch laufen? Eben. Christina Ruf hat sich als Experimental-Cellistin einen Namen gemacht, Markus W. Schneider (das W steht für Widerspruch) als Impro-Gitarrero – zusammen haben sie zwischen erstem und, äh, dritten (?) Lockdown Aufnahmen hin- und hergesmasht. 264 Stunden schlafen, dann ist wieder Sommer!

Johnny Geiger – »Human« (Epileptic Media x Cut Surface)

Johnny Geiger lebt in Linz, werkelt bei POSTMAN und Musheen und fabriziert solo luzide Tagträume, bei der man die Rollläden der Welt für die Dauer von fünf Tracks runterlässt. »Human« ist eine Schmuckkiste, ein Geschenk, das wir eigentlich gar nicht verdient haben. Danke Geiger! Danke epileptic media! Danke Cut Surface.

Sky Burrow Tales – »Seafarin’ & Backporchin’« (Feathered Coyote Records)

Was epileptic media für die Linzer DIY-Szene ist, schärft Feathered Coyote Records mit psychedelischen Pilzen aus dem Wienerwald nach. Swantje und Ulrich Musa-Rois packen auf ihrem ersten gemeinsamen Album (gibt’s auf Vinyl!) die Wolkenmaschine aus und fürzeln die schönsten Gebilde in den Himmel. Bitte niemals aufhören!

Various Artists – »Es Brodelt in der Kernzone 100« (Vienna Underground Traxx)

Bei all der frommen Schwelgerei könnte man glatt darauf vergessen, dass es in Wien noch Subwoofer gibt, die in Clubs darauf warten, ordentlich durchgepustet zu werden. Die lieben Leute von Vienna Underground Traxx verkabeln nicht nur das Streckennetz der Wiener Linien, sondern sorgen auch dafür, dass sich die U-Bahnen weiter durch die Nacht bewegen. Mind the gap, please!

Ruinen – »Ruinen der Gegenwart« (s/r)

Während Taylor Swift ihre Folklore-Appropriation verkackt, bügeln Ruinen die Lederjacken: Noise, Doom und Black Metal, der aus norwegischen Nadelwäldern stammen könnte, aber irgendwo in Wien gipfelt – wahlweise einzeln aufgebahrt oder gemeinsam im Sarkophag verpackt. »Fuck fascism« in die Release-Beschreibung zu hämmern, schadet übrigens auch 2021 nicht. Sollte man sich merken!

Tiny Crater – »A Play With Bodies« (s/r)

Tiny Crater ist Johannis Baer Strysl und verschwurbelt den eh schon schwammigen Pop-Begriff bis zur Auslöschung. Es bleept und klackert, düdelt und klatscht, dass sich Diedrichsen vor Entsetzen das Haupthaar ausreißt. Das Gesäusel ist eine einzige dilettantische Katastrophe und gerade deshalb ziemlich so geil wie veganes Zwiebelschmalz. Halb Oper, halb Epiphanie – 100% Verstörung!

The Smilling Buddhas – Acoustic Postcards (s/r)

Wer die Neujahrsvorsätze Mitte Jänner mit ein paar Pillen zum Mate runtergespült hat, darf sich wie ein lächelnder Buddha unter die Autobahnbrücke pflanzen und von Sehnsuchtsorten wie Barcelona, Rotterdam und Hamburg träumen. Der Linzer Fadi Dorninger beglückt uns mit Postkarten, die die Österreichische Post ausnahmsweise nicht vergessen kann. Mit den akustischen Dingern vermeidet man nicht nur den gelben Zettel im Briefkasten, sondern klatscht sich im Vierviertelgestampfe auch noch vor Geilheit auf den Bauch. Huh-hah!

Silent Cubes – »10 Years« (s/r)

Nothing wrong mit Dubstep und seinen Technomutationen in 2021. Silent Cubes mischt seit zehn Jahren abgelaufenen Ingredienzien zusammen, verschreibt die doppelte Menge und legt nach der Inventur trotzdem noch was drauf. Feine Sache, wo darf man einchecken?

Скубут (Skubut) – »Меланхоличен« (s/r)

Es gibt kalte Winter in Wien. Und es gibt Russland. Sinkt das Thermometer, steigen die Promille. Die Stimmung bleibt trotz Wodka-Bull aber angespannt und … kühl. Skubut hat den Kälteschock schon hinter sich und lebt inzwischen in Wien. Die sanfte Brise aus Sibirien reicht aus, um den Eistraum auf die Donau zu verlegen.

Basic Reaction – »Rhythm of Space« (s/r)

Was haben wir über Dubtechno gesagt? Genau, geht immer! Vor allem, wenn jemand was davon versteht. Basic Reaction lebt in Wien, sein echter Name bleibt noch (gut gehütetes) Redaktionsgeheimnis. Mit »Rhythm and Space« dürfte Moritz von Oswald jedenfalls ein paar verhallte Gedächtnis-Akkorde in den Basic Channel hauchen. Pure Bliss, sag ich ja!

Thyklos – »too good for human ears« (s/r)

Heilige Scheiße, 2021 hat den ersten Preisträger für das Stipendium der Genialen Dilettanten. Ich weiß nicht, wer Thyklos aus Graz ist, aber der Mann mit der nasalen Grummelstimme klopft acht Tracks raus, bei der man nicht so genau weiß (oder wissen möchte), ob ein Zweijähriger sich an Ableton vergangen hat oder jemand verdammt viel Freude an der absurden Albernheit des Lebens mitbringt. Anders kann man sich Sätze wie »Meine Kraft kommt aus meinen Mitmenschen, sie versorgen mich mit Kraft und Tradition« nicht erklären.

Michele Spanghero – »loopdown« (bb15)

bb15 ist eine alternative, nicht-kommerzielle Location in Linz. Im Rahmen von Residencies entstehen künstlerische Projekte, zuletzt von Michele Spanghero. Der italienische Sound Designer hat die Möbelmusik aus ihrem Tiefschlaf gerissen und einen Loop gebaut, der gleich bleibt und – Achtung Dialektik! – sich doch verändert. Gutes Projekt, schöne Sache!

Calais – »Ennui« (s/r)

Wieder Linz. Wieder Kopfgärtner-Mukke. Drones grummeln durch Verstärker, das Feedback brummt bis Ried im Innkreis. Alles paletti, soweit!

Frin – »Y EP« (s/r)

»Experimentellen Dream-Pop« versprechen Frin, ein zum Neujahrsauftakt gegründetes Quartett aus Wien. Besonders gut: Dietlind Zehetgruber mit einer Röhre, die zwischen Sinéad O’Connor und Haley Fohr ins Nasenfetzerl rotzt. Ich sage nichts, nicke und leite weiter – demächst wohl im Sumpf ihres Vertrauens.

Clemens Denk – »Reserviert« (Cut Surface)

Die Magnetic Fields hatten 69 Love Songs, einem »politisch sensiblen Nonkonformisten« (Thomas Raab) wie Clemens Denk genügen 44 Ausfallschritte, um über die Liebe nachzudenken und dann doch was anderes zu schreiben. Oder so.

Mala Herba – »Demonologia« (Aufnahme und Wiedergabe)

Die Wiener Exportweltmeisterin in Sachen Darkwave hat die Discokugel angeworfen. Während irgendjemand die alten Italo-Schinken auf doppelter Geschwindigkeit rauswürgt, schmust Zosia Holubowska mit Geistern der Vergangenheit in dunklen Clubecken.

Gashtla – »Flight Mode« (s/r)

Florian Wörgötter besitzt einen Magister und baut Beats. Damit hat er manchem Proponenten aus Politik und Wirtschaft nicht nur einiges voraus, der Mann checkt auch noch Samples von Krankl (Kurtrazelli-Style aber auf geil!) und jazzt sich durch die »Netflix&Chill«-Playlisten für Twentyfor-Seven-Aufzugsmukke. Wie sagte man so schön: Beats von Ashtla sind wie Seepocken an der Seite eines Tracks, sie verlangsamen uns!


Weiterhören, weiterlesen, weiterdenken

Gaming ist groß! So groß, dass es Musik mittlerweile als wichtigsten Aspekt einer (wie auch immer definierten) Jugendkultur abgelöst hat. 180 Milliarden Dollar soll der weltweite Gaming-Markt in einem Jahr ausmachen. Eine Zahl, die nach oben schnellt, weil immer mehr Leute den Controller in die Hand nehmen. Ein Drittel der Weltbevölkerung hat im vergangenen Jahr an der Konsole, am Handy oder Computer gezockt. Niemand geht ernsthaft davon aus, dass es 2021 weniger werden. Die Pandemie hat außerdem zu einem Boost auf Streaming-Portalen geführt. Soll heißen: Wer zockt, streamt gerne. Wer streamt, zockt gerne. Eine Rechnung, für die man sich nur durch Twitch klicken muss. Gamer*innen sind ein engagiertes Publikum. Sie erwarten immersive Erlebnisse. Dafür braucht es Interaktion, bei der stinknormales ~Musik-Streaming~ nicht mithalten kann. Deshalb leckt sich das Music-Business alle Finger, wenn man – wie in Cyberpunk 2077, Fortnite oder GTA V – die Musik(konzerte) ins Game implementiert. Für Gaming- und Musikfirmen macht es Sinn, die beste beider Welten zu suchen und sie zu verbinden, um das Engagement in ihren einzelnen Bereichen zu steigern. Sie treten zwar gegeneinander an, haben aber gecheckt, dass sich in feindlicher Koexistenz mehr Kohle scheffeln lässt als in freundlicher Konkurrenz. Was übrig bleibt, ist die Simulation einer Realität, die es bald nicht mehr geben könnte.


… bevor wir auseinander gehen

ein Bänger für alle Davellas!


Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator bei Grundrauschen. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

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