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Über Orakel und Blutopfer

Mit theatercombinat-Leiterin Claudia Bosse, dem neuen Album von Fauna und neuen Cuts aus dem Ö-Underground.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur gleichnamigen Radiosendung auf Radio Orange 94.0. Hier bespreche ich Neues aus der österreichischen Underground-Szene, verlinke zu aktuellen Lieblingsstücken und schaffe Raum für Gedanken, die rauschen.

Grundrauschen zum Tag

»Der November wird ein dunkler Monat«, wusste der Gesundheitsminister schon im Oktober. Angesichts der ganz umfänglichen Gesamtscheiße, mit der sich 2020, dieses ohne Prämie abzuwrackende Seuchenjahr, beschmiert hat, kann man nur hoffen, dass nach der Finsternis so etwas wie das Licht am Ende des Tunnels auf uns wartet. Oder anders gesagt: Dass wir die Klärgrube nicht nur auspumpen, sondern nächstes Jahr durchlüften und anschließend zwei oder zwölftausend Duftbäume im Land verteilen, um den Karren durch den TÜV für Gesellschaftsanliegen und psychisches Eigenwohl zu bekommen.

Alles halb so schlimm, alles nicht ganz so ernst, das haben sich wohl auch die Kulturbetriebe erhofft, bevor sie geschlossen und auf Nachdruck zusperren mussten. Während man beim allwöchentlichen Samstagsgebet der Bundesregierung drei Kerzlein entflammen darf, fährt das ganze Land herunter wie ein Microsoft-Computer nach 95 Fehlermeldungen. (an dieser Stelle ein ernstgemeintes Gottseibeieuch für all jene, die morgen mit verweinten Augen am Stadtrand vor dem Baumarkt stehen und nicht mehr wissen, wo sie jetzt den systemrelevanten Fugenmörtel herbekommen).

Blöd nur, dass Ironie allein dem allgemeinen Wärmeempfinden trotz freudigem 18-Uhr-Geklatsche mit anschließendem Abschluss in autogenem Training auch nicht einheizt. Zumindest nicht dort, wo man es brauchen könnte. Denn: Der Kultur ging es schon besser, das hört man von allen Seiten. Das Geld fehlt, die Proben fallen aus, und wer sich ans letzte Konzert im Frühjahr diesen Jahres erinnern kann, ging mit Sicherheit nach Hause.

Dabei herrschte noch im Oktober leichte Zuversicht. Die Hygienekonzepte von großen wie kleinen Häusern, Clubs und Veranstaltungslocations funktionierten – oder versagten nicht. Man saß zwar mit Maske in überdimensionierten Sälen oder abgefuckten Kellerlokalen und übergoß sich bei jeder zweiten Gelegenheit mit Desinfektionsmittel – aber wenn die neue Normalität nach Ethanol riechen sollte, hat wenigstens auch die Inländer-Fraktion etwas davon.


theatercombinat-Leiterin Claudia Bosse im Gespräch zu Opfermythen und Orakeln

Dass sich die Regisseurin, Choreografin und theatercombinat-Leiterin Claudia Bosse in ihrer Analyse des Gegenwärtigen keinen passenderen Untertitel für ihren Auftakt als Solo-Performerin aussuchen hätte können, passt dabei zwar nicht ins Bild, aber auf die Bühne. »Die Evakuierng der Gegenwart« soll – Vorsatz: Oracle and Sacrifice vonstatten gehen. Das erste Stück brachte Bosse im vergangenen Oktober noch vor dem lighten Lockdown in den von ihr zum Whitecube umformierten Tanzquartier in Wien.

Ein performatives Forschen in der Zukunft und in der Vergangenheit zu Orakeln und Opfermythen habe man zu erwarten gehabt. Ein Betasten des Inneren und Äußeren von Körpern und des Inneren und Äußeren unserer Umwelt, kündigte Bosse an – und arbeitete sich an babylonischen Mythen zu Blutopfern genauso ab wie zu den Leber-Orakeln der Etrusker. Immer im Mittelpunkt stand und steht dabei: die rituelle Opferung, das opfernde Ritual – »ein kollektiver Transformationsprozess«, wie die Choreografin erklärt.

Eine zentrale Frage zum Auftakt ihrer Performancereihe ‒ »ein Denken mit dem eigenen Körper« ‒ lautet: »Was wäre, wenn wir unsere Zukunft in unseren Organen tragen?« Inspiriert von babylonischen Blutopfern und etruskischen Eingeweideschauen werden assoziative und performative Verbindungen des Körperinneren mit dem Äußeren der Welt gesucht.

Das Gespräch mit Claudia Bosse, dass ich mit dem Journalisten und Stadtforscher Michael Franz Woels aufgenommen habe, ist ab 18. November über das Archiv abzurufen. Hier einige Ausschnitte:

Claudia Bosse: Die Evakuierung der Gegenwart geht damit einher, dass wir die meiste Aufmerksamkeit in einen merkwürdigen Zeitraum des Digitalen verschieben. Mit der Live-Performance habe ich den Versuch unternommen, den Moment dieser geteilten Anwesenheit zu retten und zu feiern. Sofern das unter diesen Bedingungen möglich war.

Was interessiert dich an den Begriffen der Orakel und Opferungen?

Der offensichtliche Wunsch, Auskunft zu bekommen, interessiert mich. Man befragt Mensch oder Dinge und dieses Auskunftgeben passiert häufig in einer uneindeutigen Weise. Sätze und Zeichen benötigen den Leser und Interpreten, um sich aus einem Moment der Vieldeutigkeit die Möglichkeit eines offenen Raumes, einer Deutung, offenbaren zu lassen. Das ist auch der Moment der Kunst generell. Es liegt etwas vor, mit einem offenen Ausgang, das sich einer rationalen Eindeutigkeit entzieht.

Den Begriff des Orakels oder Opfers verbindet man mit etwas Archaischem. Dabei gibt es auch heute Orakel und Opfer in allen Lebenssituationen, man nennt sie nur nicht so. Apps bestimmen unsere Zukunft , man passt sich an sie an, trackt seinen Körper und bringt damit ein Opfer, das in seiner Ausführung ritualisierten Mustern folgt.

Das bessere Ich obliegt ja häufig in unserem neoliberalen Kapitalismus einer Optimierung, von Körpern und Wegen, der Pflege von Kontakten, sexuellen Präferenzen, der Kontrolle seiner Ernährung, etc. Im Zwischenraum des Orakels versucht man durch die Voraussehbarkeit darüber Kontrolle zu bekommen. Man will dem Einbrechen von etwas Unverwartetem tunlichst aus dem Weg gehen.

Ein anderer Aspekt, der mich am Orakel interessiert hat, ist diese bestimmte Form der Verknüpfung im Denken der Babylonier oder auch Etrusker, dass im Detail eines Körpers, in einem Organ, die Entscheidungen des Kosmos lesbar sind. Wenn man diese Grammatiken der Verbindungen des Körperinneren zu dem, was uns umgibt, kennt, kann man die Zukunft ermessen. Damalige Gesellschaften mussten für, auch politische, Entscheidungen ein Orakel, also eine Gottheit, ein metaphysisches System befragen. Nur ein positives Orakel gab einem Herrscher neben strategischem Kalkül eine gesellschaftliche Legitimierung, um zum Beispiel in den Krieg zu ziehen. Dieses Denken scheint unserem scheinbar recht rationalem Denken, wie wir Politik begreifen – wenn auch   zuletzt in Amerika nicht sehr rationalen Art und Weise – doch eher fremd zu sein.

Du hast verschiedene Zeitphilosophien erfahren, da du viel international reist und performst. Kannst Du Deinen Versuch, von einem rein chronologischen Zeitdenken wegzukommen, erörtern?

Es gibt zwei Tendenzen. Das eine hängt mit dem Kern meiner Arbeit zusammen. Die letzten zehn Jahre habe ich ganz stark versucht, politische Hybride, wie ich es genannt habe, zu erarbeiten. Es war der Versuch, O-Töne, dokumentarisches Material, Vor-Ort-Recherchen zu kombinieren mit Texten und Material aus anderen Zeiten.  In den Performanz- und Installationsarbeiten habe ich versucht, Kompositionen unterschiedlicher Zeiten zu schaffen. Poetische Texte wurden mit politischer Philosophie, oder einem fragilen politischen Denken aus Situationen des gesellschaftlichen Umbruchs zu verfugen und in ein Verhältnis zu bringen. Es war ein Versuch des Begreifen, um aus der Hysterie der Gegenwart heraus zu geraten. Diese negiert ja oft Geschichte. Andere Verhältnisse und Polyphonie wurden dadurch hergestellt, zwischen autorisierten Denkern und Menschen, die verunsichert im Moment denken und dadurch noch einmal ein ganz anderes Material geben, über die Porosität und die Fragilität bestimmter politischer Situationen. Diesen performativen und theatralischen Raum begriff ich als einen Raum der Verschneidungen unterschiedlicher Zeiten, nicht im Sinne eines klaren Narrativs, sondern im Gegenüberstellen unterschiedlicher Zeitmaterialien. Ein Verweisen auf unterschiedliche Dimensionen und Sprachen, in denen sich Wirklichkeiten und Gedanken verkoppeln und äußern. 

Zuletzt erfuhr ich im künstlerischen Arbeiten einen Konflikt, weil ich den Eindruck hatte, dass das Beikommen von internationalen Konflikten, diese Überschlagung von Ereignissen, mich nur noch zu einem Konsumenten von Gegenwarten macht, die sofort zu Geschichte wurden. Ich fühle mich dem gegenüber hilflos. Deshalb habe ich versucht, einem poetischen, nicht erklärbaren, einem nicht auflösbaren Denken Raum zu geben und intuitiver zu komponieren und einer anderen Ressource des Denkens zu vertrauen – die, vielleicht auch unverständlich, etwas zum Ausdruck bringt, eine Wirklichkeit produziert, wie man sich im Moment mit Körpern und Material im Raum auseinandersetzten kann.   

Über das Reisen merkt man ganz stark, von welchen Prämissen unsere Kultur und unser politisches System getrieben wird, sei es im Kunstbereich, oder in Form einer politischen Kultur. Arbeitsreisen sind ein großes Geschenk, da die Relativität der eigenen Wirklichkeit auf eine befreiende, erschreckende, oder sehr klare Weise spürbar wird. Wovon hängen der Common Sense oder die Einsichten, mit denen man sich umgibt, eigentlich ab? Meine letzte Reise ging aufgrund einer Arbeitseinladung nach Indonesien. Ich bin da auf eine Kultur gestoßen, die auf eine spezifische Weise Religion synkretistisch geformt hat. Es gibt animistische Religionen, die mit sich, mit dem Islam oder auch einigen wenigen Christen sich verfügen. Dort existiert ein anderes Zeitverständnis, das nicht linear ist. Alle Zeiten sind gleichzeitig anwesend. Unser Verorten mittels rationaler Kausalitäten auf einem Zeitstrahl steht einer Zusammenschau der parallel existierenden Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit gegenüber. Und speziell auf Java gibt es auch die Vorstellung, dass es keine Leere gibt, sondern dass jede Leere mit Spirits besetzt ist. Trotzdem gibt es daneben auch wieder ganz rationale Zusammenhänge, aber diese für mich erst mal nicht nachvollziehbaren Übergänge – Gedanken, die unsere Gegenwart komplett anders verorten – haben mich wahnsinnig interessiert. Ich habe auch begonnen, mich wieder mit den Biokosmisten auseinanderzusetzen. Sie sagen zum Beispiel, Gerechtigkeit kann erst entstehen, wenn all die Toten wieder teilhaben können an der Gegenwart. Es hat dem Gefüge meines rationalen Denkens über Elemente, Natur, Zeichen und Material, wie ich den Alltag oder Beziehungen kontrollieren kann, etwas entgegengesetzt.

Das gesamte Gespräch mit Claudia Bosse ist in der November-Sendung von Grundrauschen zu hören.


Neues im Plattenschrank

Eigentlich hätte Rana Farahani aka Fauna bereits im Frühjahr 2020 ihr zweites Album vorgestellt – bei einer Release-Show am Hyperreality Festival in Wien. Daraus wurde nichts. Jetzt rutschte die Platte still und leise auf Bandcamp raus. Und: »Syncronia« ist eine späte Platte des Jahres, die Weihrauch schwenkend vom Blauburgunder kostet. Ergebnis: Ambient-Rausch im Outer Space, Oratorium im Kirchenschiff, Pop-Entwurf für Cyberpunks und Cyborgs.

Bisher gibt es »Syncronia« nur als digtalen Release. Sollten die Viren bis nächstes Jahr krepieren, stellt Farahani die Platte am 11. Februar 2021 in der Gustav Adolf Kirche vor. Fingers crossed!


Was diesen Monat rauscht

Susanna Gartmayer und Christof Kurzmann – »Sadder Forms« (smallforms)

smallsforms vereint das Beste, was man aus der wohl-temperierten Suppe des Wiener Undergrounds aktuell fischen kann – bissl dada, immer Avant-Garde und damit mindestens fünf Schritte weiter in die Zukunft trippelnd. Bass-Klarinettistin Susanna Gartmayer und Impro-Wunderwuzzi Christof Kurzmann haben letztes Jahr im Rahmen von smallforms, dem Event, ein Konzert im Château Rouge in Wien gespielt, bei dem es blubberte und bleepte, als wäre der Fortbildungskurs im Holzblasverein ins Museum für moderne Kunst verlegt worden. Genau richtig, um sich vor dem Kaminfeuer genüsslich drei Sazeracs in die Taille zu löten.

LDY OSC – »Species Of Beasts« (s/r)

Alyssa Auvinen Barrera kommt aus Mexiko, lebt in Wien und schaufelt tonnenweise Schlamm aus Kick-Drums, die so lange beben, bis der Stephansdom zusammenkracht und am Graben Platz für eine coronafreie Mehrzweckhalle entsteht. Auf die Idee, dass die Ballett-Lehrerin und selbstbezeichnete Yogi Barrera erst im Frühjahr eine Meditations-Platte mit tibetanischem Klangschalen-Gewitter und feingetunten Synthesizern veröffentlicht haben könnte, muss man nach dem Geballer auf »Species Of Beasts« auch erst mal verdauen.

Mia Legenstein – »See.Land.Fluss« (s/r)

Musikwissenschafterin, DJ, Model und Soundwissenschafterin Mia Legenstein hat sich im Sommer nicht untätig an den See gepflanzt, sondern die Mikrofone baumeln lassen. Am Lunzer See, zwischen Bachforellen und Flussbarschen, gründelt ein Tiefseerausch, der an eine Zeit im letzten Sommer erinnert. Kinder plantschen, Wasser plätschert, das ganze ist so weit weg wie Österreich von einer vernünftigen Corona-Lösung.

Conny Frischauf – »Die Drift« (Tapete Records)

Endlich. Endlich. Endlich! Conny Frischauf, der wunderbarste Pop-Export mit Leftfield-Weirdo-Electronica-Ausfallschritt aus Österreich, bringt nächstes Jahr ihre Debüt-Platte auf Tapete Records raus. Mit »Roulette« gibt’s den ersten Auszug, eine Windmühle gegen den Hochnebel, die Soma-Pille für November-Leichtigkeit, ein Lichtblick zum Maskenball. Tschau, Kakau!

Maurizio Ruben Massaro – »Parking Lot: Various Soundtracks« (s/r)

Stöpselt Maurizo Ruben Massaro, so der ziemlich coole Straßenname von Winkelschleifer, die Gitarre ein, brummt und keift es im Maschinenraum, als hätte man eine Horde Babyelefanten mit Desinfektionsmittel abgefüllt. Der neue Streich von Massaro lotet die lange Weile zwischen zwei Akkorden aus, schmeißt Drones in den Ring, und Synthesizer-Fetzen über das Feedback-Gebrüll. Vienna’s finest Krachmacher!

Kinetical & P.tah – »Lift« (Duzz Down San)

Grime und UK-Bass-Banger made in Austria? Kann man haben! Kinetical und P.tah, der Linzer Bua und der Wiener Ghetto-Strizzi ballern mit »Lift« die Triple-Ryhmes über Beats, bei der sich jeder Käfigkicker in die Hosen scheißt. Wenn Wien nach Bristol klingt und man Kreditkarten unterm Riesenrad in die Fresse rammt, nimmt man den »Lift« und schießt sich in den zwölften Stock. Ritsch, ratsch, bum!

Brómus – »Breathes and Trembles« (s/r)

Keine Ahnung, wer hinter diesem Ambient-Projekt an den Reglern herumdreht, aber an Tagen, an denen die Sonne sich nach halb fünf verpfeift, könnte man seinen Frontallappen mit keinem besseren Soundtrack massieren. Brómus, der Mann (?) hinter dem Projekt, teilt zwar weder Namen noch Adresse, ist aber so etwas wie der Wiener celer, ein Ambient-Gönner mit Output, bei dem man nur applaudierend am Beckenrand stehen kann. Allein im November kamen auf Bandcamp drei Alben raus. Jedes einzelne könnte hier stehen.

Lonesome Hot Dudes / Holnaplányok – »s/t« (Wilhelm show me the Major Label)

Österreich-Ungarn – endlich wieder vereint. Bevor man aus Versehen drei Flaschen für die Habsburger köpft, die Flagge zu Ehren des Kaisers hisst und das Gulasch durch die Kanone pfeift, schiebt man lieber das Split-Tape der Wien/Graz-Band Lonesome Hot Dudes und den ungarischen Avant-Anything-Post-Rockern Holnaplányok ins Kassettenfach. Riot Grrrl-Attitude mit einsamen hotten Dudes, besser wird’s nicht.

Discoromantik – »Besoffene Lover« (Heiße Luft)

Autotune, Beats zwischen Ganja und Lean, Probleme der Millennials – die heilige Triade für jeden Sag-niemals-Cloud-Rap-Song haben die lieben Leute von Heiße Luft in einem Zug inhaliert – und mit »Besoffene Lover« auf Albumlänge wieder ausgehustet. Discoromantik sind die MCs Jonas Herz-Kawal und Hiphop Joshy mit Producer Melonoid (u.a. Hunney Pimp), EDWIN und Gloriettenstürmer jodeln auf Features mit. Double-Sheesh!

Max Pertl – »Stars In Her Eyes« (s/r)

Bonobos und Four Tets dieser Welt, vereinigt euch, huldigt dem Pertl und chillt eure Basis. Klingt so, als hätten Boomer freche OK Boomer-Memes geteilt, zwar drei TikTok-Jahre zu spät, aber egal. Max Pertl, ein Wiener Produzent, schippert mit »Stars In Her Eyes« stilsicher auf Spotifys Relax-Sex-Playlists und kümmert sich einen Scheißdreck um 24/7-Lofi-Streams auf YouTube. Why not, eigentlich?


Weiterhören, weiterlesen, weiterdenken

Zu Raves während Corona kann man stehen, wie man will (ich argumentiere dagegen), aber wer innerhalb der bestehenden Regelungen feiern will, soll das tun können. Oder besser: hätte das tun sollen dürfen. Was die Polizei Ende Oktober (vor Lockdown) in Berlin abgezogen hat (Fetisch-Party trotz Hygienekonzept aufgelöst, Leute verbal diskriminiert, Safe Space zerstört) und was den Medien dazu eingefallen ist (Spoiler: Re-Viktimiserungen), hat längst den Bezugsrahmen der Corona-Diskussion verlassen. Laura Aha dokumentiert für die Groove nicht nur den aktuellen Fall, sondern stößt die Tür ein wenig weiter auf: »Die Rücksicht auf vulnerable Gruppen ist seit Beginn der Pandemie das – absolut richtige – Hauptargument zur Legitimation umfassender Grundrechtseinschränkung. Nach fast neun Monaten Pandemie wird deutlich, dass die Frage der Vulnerabilität sich jedoch nicht rein auf die physische Gesundheit beziehen kann.«


… bevor wir auseinandergehen


Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

Grundrauschen im Oktober – Dorothee Elmigers »Aus der Zuckerfabrik« trifft nicht nur auf Terry Rileys »Persian Surgery Dervishes«

Der Underground-Podcast auf Radio Orange 94.0 jetzt auch als Newsletter zum Mitlesen

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur gleichnamigen Radiosendung auf Radio Orange 94.0. Hier bespreche ich Neues aus der österreichischen und internationalen Underground-Musik-Szene, verlinke zu meinen aktuellen Lieblingsstücken und schaffe Raum für Gedanken, die sich ums Grundrauschen in der Musik drehen.

Grundrauschen zum Tag

Richtig gehört, Grundrauschen gibt es auch als Radiosendung. Seit 2017 bespreche ich jeden dritten Dienstag im Monat interessante Neuveröffentlichen aus Österreich, aus der internationalen Kassettenszene oder generell: dem Bandcamp- oder YouTube-Äther. Was in Grundrauschen in der Rotation landet, findet sonst keinen Platz im Formatradio. Das ist schade. Das will Grundrauschen ändern – und produziert Sendungen und Features zu Themen, die so untergründlich abtauchen, dass man in der finsteren Kammer erst einmal den Lichtschalter finden muss.

Grundrauschen ist aber auch ein Gefühl, das sich mit dieser Musik beschreiben lässt. Es ist der Underground, der Punk, das Auf-die-Konvention-Scheißen und natürlich: das Versteckte und Verlorene, das Wiedergefundene in der Musik und ihrer Szene, die wir mit Interviews und Hintergründen beleuchten. Wer Grundrauschen nicht gehört hat, kann es nicht verstehen. Wer es nicht versteht, kann es nicht hören. Das ist das Ziel der Sendung auf Radio Orange 94.0.

Diese Zeilen, die zukünftig als Newsletter die Sendung begleiten, sollen als Seismograph für die interessanten Ecken abseits des Mainstreams dienen, ohne gleichzeitig das Drumherum aus den Augen zu verlieren. Das besprechen wir hier –, weil Newsletter 2020 so obligatorisch in unser Postfächer flattern wie Apple Pods in den Lauschern stecken und E-Scooter unter den Füßen klappern.

Lust auf die Senudung? Hier geht’s lang: Grundrauschen im Oktober online oder auf Radio Orange 94.0 in Wien – ab 21 Uhr.


Neues im Bücherschrank

Eigentlich geht’s hier ja um Musik. Ab und zu stolpere ich aber über Bücher, die Musik nicht nur als Anknüpfungspunkt zulassen, sondern in sich (und für sich) eine Entität des Rhyhtmischen und Verwobenen ausmachen, die wir mit Grundrauschen beleuchten wollen. »Aus der Zuckerfabrik« von Dorothee Elmiger ist so ein Buch.

Die Schweizer Autorin und Literatin hat einen Versuch angestellt über den Zucker, den Genuss – und die Gewalt, die er auszulösen vermag, dieser Kristall des Süßen, der Inbegriff des Reinen, Sauberen, des raffinierten Weißen. Sie hat Fragmente einer Recherche aufgeschrieben, Zitate verbunden, eine Geschichte außerhalb der Geschichte erzählt und, eben: einen Versuch über das Geschichtliche eines Süßstoffes gemacht, der durch das Erzählen zu dem wird, was er ist: eine Unmöglichkeit des Fassbaren, ganz so, als würde man die zuckrigen Körner durch die eigenen Finger rieseln lassen. Der Drang nach Form bleibt bei einem Versuch, er verwischt, bleibt amorph – und beginnt trotzdem zu kleben. Die Allegorie passt. Das Buch „Aus der Zuckerfabrik“ vermittelt eine ehrliche Sehnsucht, in dem es sich nicht fassen lässt. Zumindest nicht, ohne sich dreckig zu machen, also einzutauchen, anzufeuchten, aus Kristallen und ihrer chemischen Zusammensetzung etwas zu formen, das – um es auf gutdeutsch auszudrücken – einfach picken bleibt wie Popsongs über – genau: Zucker.

Dorothee Elmiger hat mit »Aus der Zuckerfabrik« keinen Roman geschrieben, auch wenn das ihr Lektor all zu gerne auf dem Cover des Buches gesehen hätte: einen Roman, kein literarisches Essay oder eine Journalie über eine Recherche zum Zucker, seinen Bedeutungen und dessen Begehrungen. Elmiger erzählt aus verschiedenen Perspektiven, die mit dem mörderischen Spiel der Entdeckerggeschichte, dem Expansionsdrang des modernen Westens und der Marx’schen Kolonisationstheorie einhergehen. Man erfährt von der Biografie des Schweizer Lottokönigs Werner Bruni, der vieles gewinnt, bevor er nach einer Reise in die Karibik alles verliert – und man liest von existentiellen Gedanken eines schreibenden Ichs, das weder Ort noch Bezugsgeschichte offenlegt, sondern alles miteinander verbindet: koloniale Ausbeutung, Zuckerrohrplantagen, postkolonialer Kapitalismus. Der rote Faden der Erzählung ist die imaginäre Kordel, die zwischen Buchdeckel und einzelnen Seiten baumelt. Man könnte ihn als Angebot zur gedanklichen Reise auffassen. Oder als Offerte für freimütige Begegnungen. Aber eben auch als all zu offene, fast unverständliche Chance innerhalb einer Erzählung, die eigentlich gar keine ist.

Hingeworfene Skizzen einer Geschichte darf man sich einverleiben, literarische Paraphrasen schmecken wie die Bruchstücke historischer Biografien, an denen sich Elmiger manchmal mehr, manchmal weniger abarbeitet. Ellen West, eine Figur in ihrem Nicht-Roman »Aus der Zuckerfabrik« zum Beispiel. West wurde Ende des 19. Jahrhunderts in den USA geboren, erfährt man. Sie siedelte als Kind nach Europa über und wurde als Erwachsene wegen Depressionen und schweren Essstörungen behandelt. Ihr Fall, der mit Selbstvergiftung endete, wurde durch die Analyse des Schweizer Psychologen Ludwig Binswanger bekannt. Da wäre aber auch Theresa von Ávila: Ihr Gang ins Kloster ermöglicht erst jene Zustände der mystischen Verzückung, die ihr in der Mutterrolle verwehrt geblieben wären. Oder Evelyn aus einer Erzählung von James Joyce: die Schiffspassage in die Neue Welt, die sie sehnsuchtsvoll erwägt, wird sie nie antreten.

Elmiger bezeichnet sich selbst als Brinkmann-Leserin, die auch gerne zu den Büchern von Roland Goetz greift – wegen den Ich-Erzählerinnen, die raumgreifend wie souverän erzählen. »Aus der Zuckerfabrik« ist der Versuch, einen Tonfall zu finden für eine Frau, für sich, für die eigenen Gedanken, um sich durch einen Text zu hangeln, dieses Unterfangen aber gleichzeitig wie einen Sonntags-Spaziergang aussehen zu lassen. Das zeigt sich in der ständigen Suche nach Alternativen, dem Austesten von Möglichkeiten, einer Affirmation der Kontingenz, derer sich Elmiger mutwillig aussetzt. Die Erfahrung ist gleichzeitige Erkenntnis. Der Prozess des Erkennens wird übersprungen. Elmiger setzt den Willen voraus, darauf einzusteigen – oder besser: auszusteigen, um nie wieder einzusteigen. Der Tod der Autorin wird zu ihrer Auferstehung. Der Leser mag mitdenken, soll querlesen, ergänzen, sich in einem fiktiven Raum der Realität stellen, um draufzukommen, dass doch alles in Verbindung steht.

Der Besuch von mit Sehnsucht und Tod aufgeladenen Orten, also insbesondere Sanatorien, Irrenhäuser und Psychiatrien werden unter verschiedenen Vorzeichen wieder und wieder besucht, in der Realität wie in der Fiktion. Im selben Moment wird der Parkplatz in Philadelphia zum Bezugspunkt, ein Nicht-Ort zum Anker, innerhalb eines Nicht-Romans, der keine Anker wirft. Das alles geschieht mit einem beeindruckenden Gespür für atemporale Synchronizität, im Zusammenfließen von beidem, ohne beides jemals dezidiert aneinanderzustellen. Man weiß nie genau, wo man sich wann und aus welchem Grund befindet. Nur die Überschneidung persönlicher Reiseerfahrungen mit den Protokollen fiktiver oder historischer Gestalten lässt Rückschlüsse auf eine autobiographische Erzählung zu. Der Rest bleibt so vage wie die Konsequenzen der Corona-Ampel.

Das muss man aushalten wollen. Gleichzeitig spart Elmiger nicht mit biblio- und cinephilen Verweisen: Das Spektrum reicht von Heinrich von Kleists Novelle »Die Verlobung in St. Domingo« über Max Frischs Erzählung »Montauk« bis hin zu Chantal Akermans Experimentalfilm »J’ai faim, j’ai froid«. Die Autorin schält »gespenstische Überlagerungen und Abweichungen« aus den Werken und zeichnet sie auf einer Kontrastfolie der sogenannten »Realität«. Wie etwa läse sich Frisch, drehte man die Geschlechterverhältnisse um? Und wären sich seine Figuren bewusst, dass der Landstrich, den sie so selbstverständlich beschreiten, einst den amerikanischen Ureinwohnern gehörte, ergäben sich gar die Einstellungen eines Horrorfilms?

»Aus der Zuckerfabrik« ist ein Buch ohne Anfang. Oder wie Elmiger selbst sagt: ein Buch mit vielen Anfängen. Die Querstreben der Geschichte gleichen einem rhizomatischen Konstrukt ohne Zentrum, das allein gedanklich existiert, sich also in einem ständigen Werden befindet. Als Leser erzeugt man es mit. Man verschiebt das Zentrum im Rahmen historischer Bezüge, die letztendlich doch starr sind. Elmiger versteht sich in der Schaffung von Räumen, die man als Leserin dekoriert. Das fällt nicht immer leicht, weil es das literarische Selbstverständnis hinterfragt. Was setzt man voraus? Was will man vorausgesetzt wissen? Allein für dieses Aufdringen des situierten Wissens sollte man Elmiger lesen und studieren. Um in einem scheinbar zusammenhanglosen Dickicht die Machete anzusetzen, sich einen Weg freizusäbeln und das subalterne Unbekannte zu erforschen.


Sugar, Sugar, oder: »Persian Surgery Dervishes«

Kein Wunder, dass sich Dorothee Elmiger an einer Stelle ihres Buchs auf »Persian Surgery Dervishes« von Terry Riley, bezieht. Es ist ein Inbegriff des Minimalen, der Entdeckung von Verbindungen und der Offenlegung von Unverbundenheiten. Ein 1972 in zwei Live-Konzerten entstandenens Album, dass Terry Riley mit einer Orgel und einem Effektgerät einspielte, sich quasi vor den Augen der Zuhörerinnen und Zuhörer in Paris und Los Angeles der Transzendenz hingab, um sich – gleich dem sufistischen Drehtanz – in immer gleichen Kreisen einem ekstatischen Moment der Verbindung innerhalb des Universums einzureihen. »Persian Surgery Dervishes« ist ein Dialog, ein In-Verbindung-Treten zwischen Innerem und Äußeren, der Übergang und gleichzeitig das Übergehen.

Die Orgel kreischt, mäandert, pulsiert – die Ruhe kommt von außen, vom Zuhören, oder – dem Aushalten. Denn gleich den endlosen Drehbewegungen in Sufi-Ritualen kreiselt die Musik Rileys in endlosen Bewegungen übers Band, hinein in unsere Psyche, wo sie sich festkrallen möchte, um Wirkzung zu entfalten. Stille wäre hier ein Widerspruch. Stillstand gibt es gar nicht. Die Erleuchtung wartet in der Kraft, sich den Bewegungen hinzugeben, ihnen standzuhalten oder: sie zu überstehen. Damit gleicht »Persian Surgery Dervishes« den Fragmenten von Elmiger, deren Text zwar erst im Lesen seinen Sinn und seine Verbindung erfährt, aber eben auch so, als Anreihung verschiedener Bruchstücke, existiert.

Die Musik, die sich auf zwei Konzerte und über eineinhalb Stunden erstreckt, ist eine deutliche Erinnerung daran, dass die auffälligsten und wichtigsten Alben nicht immer die perfektesten sind und auch nicht immer die mit der fokussiertesten Vision. Im Gegenteil: Rileys Komposition ist hier unbestreitbar chaotisch, unvollkommen und manchmal überlang, bleibt am Ende aber eine Tour de Force, die – und auch dieses Bild haben wir schon bemüht – picken bleibt. Wer »Persian Surgery Dervishes« einmal gehört hat, kann es nicht mehr vergessen. Es entwickelt ein Nachleben, das weiter wirkt, sich in den Gedanken zusammensetzt, neu konfiguriert und weiterführt als es die einzelnen Teile jemals möglich gemacht hätten.

Es ist kein Zufall, dass Elmiger dieses Album in ihrem Text erwähnt, sondern das gewollte Weiterspinnen eines Gedanken, den sie in der Verbindung einzelner Stücke und Fragmente bemüht. Wir wissen nichts, solange wir nicht das ganze Stück kennen. Der Anfang, das Ende, die Übergänge und – die Knotenpunkte machen niemals die Ganhzeit des Albums aus. Autorin und Komponist stellen den Rahmen dessen zu Verfügung, innerhalb dem die Erschaffung einer neuen, anderen Welt, möglich wird. Das setzt die Bereitschaft voraus, sich mit der Zusammensetzung auseinanderzusetzen. Gleich einem Puzzle ergänzt man Teil für Teil ein Bild, das sich vor unserem inneren Auge manifestiert und doch immer anders erscheint. Weil der Abschluss gleichzeitig Teil des Anfangs ist, also nur dann beendet ist, wenn er beginnen kann.


Was diesen Monat rauscht

Rojin Sharafi – »Zangaar« (Zabte Sote)

Rojin Sharafi ist eine Künstlerin, die Grundrauschen-Hörer*innen bekannt sein dürfte. Wir haben sie in dieser Sendung schon einige Male gehört, vor allem das letzte Album der in Wien lebenden Komponistin und Klangkünstlerin lief öfter. Inzwischen veröffentlicht Sharafi mit »Zangaar« einen Nachfolger auf dem Label Zabte Sote, das als musikalische Bastion für iranische Künstler*innen seit geraumer Zeit als Zweigstelle für spannende Diaspora-Musik herhält. Jedes der acht Stücke, die Sharafi auf »Zangaar« zusammenfasst, geht aus einem Gedicht hervor, dass sie während einer Reise geschrieben habe. Zum Eröffnungsstück schreibt sie: »One lets go to the calm sea, allowing the waves to seesaw. Another comes, and like light shining through a crystal, an explosion occurs. Light shatters into golden pieces, and the sea becomes ferocious. An attraction pulls them together. Like fish in water, moving and turning, dashing and jumping, they stretch and bend in unison.«

Max Maitz – »Privat I«

Da soll noch ein dahergelaufener Tik-Tok-Influencer sagen, dass Gitarrenmusik tot sei. Sowas von in your face drückt man ihm die Musik von Max Maitz ins ausgeleuchtete Antlitz. Von Maitz, einem Grazer Musiker, existiert zwar nur ein Foto auf Bandcamp, dass ihn ein wenig so aussehen lässt als würde Kurt Cobain 1991 an einem Calippo in der Wiener Arena schlecken. Aber das war’s dann auch schon wieder mit den ziemlich peinlichen Grunge-Vergleichen, die man seinem durchaus sympathisch betitelten Album »Privat I« andichten möchte. Die Musik ist rough, die Stimme glänzt nach fünf Packerln Tschick auch nicht mehr ganz leiwand, aber genau das macht den Charme dieser Platte aus, die bisher zwar gar nicht als Platte erschienen ist, aber via Bandcamp für lau – oder besser: als pay as you wish-Album zu haben ist.

Babe, Terror – »Horizogon«

Claudio Szynkier bezeichnet sich selbst als »Headphone Gardener«, zu Deutsch also als »Ohrwaschel-Gärtner«, der die Corona-Zeit in der Millionenmetropole Sao Paulo genutzt hat, in dem er sich in seinem Bedroom-Studio eingesperrt und mit »Horizogon« ein neues Lebenszeichen am eh schon ziemlich finsteren Horizont Brasiliens produziert hat. Quarantäne-Album sagen wir lieber nicht dazu, das klingt nach dilletantischen Eskapaden, von denen wir in nächster Zeit noch ausreichend zu lesen, hören und sehen bekommen werden. Aber: »Horizogon« klingt alles andere als utopisch. Der Ausblick ist grau, verschleiert, verstellt und hört sich ein wenig so an, als hätte man Leylands Kirbys Caretaker mit den Wiener Philharmonikern in einen Raum gesperrt, um so lange in der Vergangenheit herumzubohren, bis man mit ein paar gehusteten Jazz-Einschüben den Nazi-Geist von Karajan austreibt.

Grace Cummings – »Sweet Matilda« (Looking Glass)

Während Kollege Ostermayer Im Sumpf regelmäßig die Nico-eske Vergleichstrommel anwirft, sobald Feuilleton-und-Silberrücken-Band Die Heiterkeit mit Chanteuse Stella Sommer einen neuen Song in den Äther schießen, wollen wir hier, im Rauschen am Grund, weder Nico noch Faithfull noch sonst irgendeine zigarettenmalträtierte Kratzbürste der Vergangenheit bemühen –, sondern einfach nur zuhören. Allerdings nicht der Heiterkeit – und auch nicht Stella Sommer. Sondern einer australischen Sängerin, die erst im letzten Jahr ihr Debütalbum »Refuge Cove« auf Flightless Records veröffentlichte. Dessen Inhaber, also die versammelte King Gizzard & the Lizard Wizard-Truppe, hatten zuvor ein Video entdeckt, dass Cummings dabei zeigt, wie sie die Patina von Bob Dylans »It’s All Over Now, Baby Blue« abklopft und, man kann es gar nicht anders sagen, das ganze verstaubte Ding aus seinen Angeln hebt, um es gülden wieder aufzustellen. Zum Zeitpunkt des Videos spielte Cummings gerade ihre ersten Konzerte in Melbourner Kellerlokalen. Dann, im November 2019, kam das Album, schlicht, in schwarz-weiß gehalten, der Blick richtete sich schon damals mehr in die Vergangenheit als in eine Zukunft, die es ohnehin nicht gibt. Und tatsächlich könnte man sich vorstellen, wie Grace Cummings irgendwo im Mittleren Westen auf ihrer Gitarre herumschranzt, die Harmonika bearbeitet und dem Sixties-Idealismus mit einer Stimme zurechtrückt, die man gehört haben muss. Auf Looking Glass, einem Sub-Label von Mexican Summer, erschien nun »Sweet Matilda«. Eine Single, die so bitterböse funkelt, wie Whiskey on the rocks nach vier Uhr früh in einem schlecht durchlüfteten Jazzclub.

Geneva Skeen – »The Double Bind« (Room 40)

Geboren in Idaho, aufgewachen in Tokio, umgezogen nach Washington, seßhaft geworden in Los Angeles – die Stationen der US-amerikanischen Soundkünstlerin Geneva Skeen lesen sich wie eine kleine Reise um die Welt, dabei verbinden wir mit all diesen Städten ganz eigene Geschichten. Geschichten, die in »Double Bind«, dem neuen Album von Skeen, das im November auf Room 40 erscheint, keinen Platz haben. Denn das Leben zwischen zwei Kontinenten hat für Skeen nicht zur klangästhetischen Appropriation von unterschiedlichen Kulturkreisen geführt, sondern direkt hinein – zum Opferritual im Betonbunker, zwölf Meter unter der Erde, ohne Licht, nur Dunkelheit und Wasser aus Kanistern. Skeen produziert Musik, die aus der Stille kommt und eben dann zu kreischen beginnt, wenn Böses bevorsteht. Konsequent also, wenn sich die Soundkünstlerin auf ihrem neuen Album mit der Widersprüchlichkeit von manchen Kommunikationsfiguren auf dieser Welt auseinandersetzt, sich als Bildhauerin versteht, die mit Klängen arbeitet, sie formt und formbar macht.

Rosa Anschütz – »Morph Me« (Quiet Love Recordings)

Düster-dark und mit Hang zur Dystopie verkörpert die Musik von Rosa Anschütz eine Go-To-Begleiterin in ehemals beschissenen und mittlerweile munter abgefuckten Zeiten. »Morph Me« ist Vorbote für die Debütplatte, die im November erscheint. Ein monotones Rauschen in der Offenbarung, dass das Ende bevorsteht und das Licht am Ende des Tunnels nur die Eisenbahn ist, die zwar nicht mit 130 Sachen, aber gerade noch schnell genug auf uns zuknattert, um für Kaltverformungen zwischen Frontallappen und hinterem Cortex zu sorgen. Nennt es Drüberhauch-Techno für ein Jahr, das keines ist. Oder Gehirnwichserei für Atonal-Spießer mit zu viel Cash. Eine bessere Bestandsaufnahme der allgemeinen Nicht-Situation hat in diesem Jahr niemand zusammengebracht.

Pasithea / Akrüül – »Untitled« (nutriot)

Ambient zum Gärtnern, zum YouTube-Yoga oder für Reisen in eine imaginäre Vergangenheit produziert Julian Klien als Akrüül. Der aus Vorarlberg stammende und in Wien lebende Künstler und Gründer des Kassettenlabels Goldgelb Records hat sich nun für ein Split-Tape auf nutriot mit Pasithea zusammengetan – und uns mit drei Tracks eine krautige Mischung in die Ohren gepflanzt, die im Kopf für Rauschen und im Geist für Reinheit sorgt. Wer hier nicht zu den Streichhölzern greift, um den Raum mit Patchouli-Stäbchen auszuräuchern, hat entweder keine Seele oder keinen Geschmack. Beides schlecht für diese Welten, in die uns Akrüül hier mitnimmt.


Weiterhören, weiterlesen, weiterdenken

Wer sich am Plattenmarkt umsieht, kommt kaum an den vielen Neuveröffentlichungen und Reissues türkischer Rock- und Gitarrenmusik vorbei. Bands wie Altın Gün und Derya Yıldırım & Grup Şimşek beziehen sich auf Anadolu-Pop der 50er und 60er Jahre, graben Platten aus der Vergangenheit aus und immitieren eine psychedelisch angehauchte Soundästhetik. »Handelt es sich also um ein handfestes Revival?«, fragt Journalist Kristoffer Cornils in einem wunderbar recherchierten zweiteiligen Beitrag »A Journey Into Turkish Music« im hhv-Magazin ( Full Disclosure: für das ich auch manchmal schreibe). Der zweite Teil der Reihe erforscht die Gastarbeiter*innen-Musik in der BRD. »Sich mit ihr zu befassen, bietet aber nicht nur tiefe Einblicke in die jahrzehntelangen Versäumnisse deutscher Politik und die mangelnde Dialogbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft, deren lebensbedrohliche Konsequenzen nicht erst seit den rechtsradikalen Attacken Anfang der 1990er Jahre, dem NSU-Terror, Hanau und allen anderen angeblichen Einzelfällen auf sozialer Ebene mehr als deutlich hervorgetreten sind«, schreibt Cornils. Große Lese-Empfehlung!


Was sonst noch rauscht

Unter dem Radar im März erschienen ist »Music for Save Rooms« von John Also Bennett das verspätete Album des Monats bei Grundrauschen. Bennett, der als JAB bereits bei Shelter Press veröffentlicht hat, huscht auf dieser Platte auf leisen Sohlen über Dielenböden. AOTY, mindestens!


Christoph Benkesre ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.