Newsletter

Heute denken wir an früher

Weil früher auch nicht alles besser war

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat neues aus dem österreichischen Underground, bespreche aktuelle Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: kritische Nostalgie zwischen Viva-Videos und dem einzigen R-Wert, der zählt: Rave. Außerdem: Die Fitten Titten + Mermaid & Seafruit im Interview. Und Neuveröffentlichungen aus der Dunkelkammer.

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Der Sommer rauscht vorbei wie ein Regionalexpress an Korneuburg. Von Sommerloch soll also keine Rede sein, was zählt, ist die Frische. Deshalb verabschiede ich mich. In den Urlaub. Nach Italien. Heute Abend hört man sich trotzdem. Zur gewohnten Zeit. Ab 21.00 Uhr. Wer will, bekommt was auf die Lauscher. Von den Fitten Titten, die endlich ihren Wisdom auf zwei Vinylseiten gepresst haben. Von Matte/Glossy, die in Wien bald kein Geheimtipp mehr sein wird. Und vom neuen Wilhelm show me the Major Label-Sampler, der zwischen Stonerkrach und Hymnenbumms zwei Kathedralen abfackelt.

Außerdem linsen wir nach Berlin. Genauer gesagt: in die Paloma Bar. Die Taubenfänger vom Kotti haben viel neue Musik von Freund:innen und Bekannten veröffentlicht, zu der man – Stichwort Sommerplatte, jetzt aber echt – das ein oder andere Aperölchen wegrüsseln mag.

Generell rauscht heute viel experimenteller Kram. Aus Wien. Österreich. Der Welt. Nachdem wir im Juli noch den »Endless Summer« beschworen haben, baumeln wir im August zwischen zwei Bäumen im Vorhof des komatösen Powernaps, noch nicht ganz weggezischt, aber auch nicht mehr ganz da. MSYLMA klackert für Éditions Appærent mit den Synthis. Wir träumen mit dem superpolar Taïps-Label von Detroit in Köln und naschen mit dem Peach-Pals-Sampler in Gedanken vom Pfirsichkuchen.

Apropos Pfirsich: Weil ich mich fürs DJ-Lab in den letzten Monaten durch unzählige alte Viva-Videos und YouTube-Finds von Ravereien aus der Vergangenheit klicken durfte, musste ich oft an früher denken – Pfirsichnektar aus dem Tetrapak mit knickbaren Plastikstrohhalmen schnüffeln und Nachmittage vor der Playsi verbringen. Zwischen Tanz und Tekken ließen sich mindestens drei Verbindungslinien ziehen. Warum, das klären wir vielleicht ein andermal.

Schließlich wirkten die unzähligen Stunden an VHS-Footage von Warehouse-Raves, der Loveparade oder den Gasometern für mich wie ein nostalgischer Anker. Einer, den ich auswerfe, um die Gegenwart anzuhalten. Mich neu auszurichten. Und das Zukunftsgeplapper für drei Sekunden zu vergessen. Vor einigen Monaten las ich Shannon Lee Dawdys Buch »Patina. A Profane Archaeology« von 2016. Darin schreibt sie zwar über die Hurrican-Katastrophe in New Orleans. Ihre Überlegungen und Unterscheidungen zwischen reflexiver und kritischer Nostalgie lassen sich trotzdem ziemlich gut auf gegenwärtige Phänomene übertragen.

Der reflexiven Nostalgie, so schreibt Dawdy, sei eine Gegenüberstellung zwischen past and present inhärent. Durch sie könne die Vergangenheit auf utopische Alternativen in der Gegenwart befragt werden. Damit kommt der Ausformung von Nostalgie ein progressives Momentum der Vergangenheit in der Gegenwart gleich. Man blickt zurück – nicht um sich in der Vergangenheit zu verlieren oder sich nach ihr zu sehnen, sondern um ihre Potenziale am Standpunkt der Gegenwart zu messen. Das geht mit einer Trauer um den verunmöglichten Fortschritt einher, der sich an den Idealen des Modernismus misst, was nicht zwangsläufig zu einer Romantisierung der Vergangenheit führen muss, sie aber begünstigt.

Die reflexive Nostalgie trägt damit Züge, die in sich traditionalistisch wirken, weil sie eine Zukunft verstellen, die in der Wiederholungsschleife der Nostalgie eine absolute Gegenwart hervorbringt. Man tritt in einen Zustand der Geschichtslosigkeit ein, der jede Form von auf eine Zukunft gerichtetes Emanzipationsbewusstsein abhandengekommen ist. »The dead are a creative force in ongoing life« – das Gewesene besitze schöpferische Kraft in der Gegenwart. Nichts endet, gleichzeitig beginnt nichts neu.

Im Vergleich dazu, will Dawdy ihrem Neologismus der kritischen Nostalgie eine aktivere Rolle der Rezipierenden einschreiben und umschreibt das am Begriff der Patina. Patina sei nicht nur eine politische Ästhetik, sondern eine politische Kraft, die durch moralische und materielle Kreisläufe fließe. Die Affirmation der Patina birgt politisches Potenzial, das weder »gut« noch »schlecht« sei. Das ist der Grund, wieso Dawdy Benjamins Theorie des dialektischen Stillstands im Bild auf jene der Artefakte, Objekte und Orte ausweiten will.

Im dialektischen Bild, so Benjamin, komme es zur Koexistenz von Bewegung und Stillstand. Das Gewesene drängt sich sprunghaft in das Wesen des Jetzt ein, tritt aus ihm heraus, während es still steht. Wo also das Denken zum Stillstand kommt, erscheint das dialektische Bild, weil die Dualität der Pole zu einer Spannung führt, in der Gewesenes und Jetzt gleichzeitig anwesend sind. Das ist eine Zäsur in der Denkbewegung, weil das Denken nicht mit dem Betrachten zusammenfällt – ich denke nach, und nicht während des Betrachtens.

Folgt man diesem Schluss, tut sich der Konnex zum Begriff der kritischen Nostalgie auf. Durch sie erkennen wir die progressive Kraft der Vergangenheit, während die reflexive Nostalgie das Erkennen verstellt. Die politische Kraft der kritischen Nostalgie geht aus der Aufmerksamkeit hervor, sie ermöglicht das Erkennen. Im dialektischen Stillstand tritt das Objekt hervor, offenbart seinen Abdruck, wirkt nach im Wesen des Jetzt. Man »liest« das Objekt, wie Benjamin schrieb. Es ist das »Herauslesen« aus den Objekten, das dieses Nachleben, in einem Abdruck hervorbringt. In ihm entsteht so etwas wie ein anachronistischer Denkraum, innerhalb dessen sich verschiedene Zeitlichkeiten überlappen und eine Aura entwickeln. Ein Abdruck gehört dadurch der Vergangenheit wie der Gegenwart an. Er erzeugt eine visuelle Form in einem Wechselspiel zwischen Berührung und Entfernung, ist materialisierte Gewesenheit zu einem bestimmten Moment in der Jetztzeit, aus der das Nachleben wirksam wird.

Dawdy zeigt das u.a. anhand ihrer Beschreibungen von Parfum und dessen Bedeutung zu New Orleans. Parfums (oder generell Gerüche) aus der Region können Erinnerungen »triggern« – sowohl bei Menschen, die in New Orleans leben, als auch bei Touristen, die nach New Orleans reisen. Dawdy sieht den Unterschied in der Vergangenheit, die das Parfum auslöst – als geerbtes Gewesenes, das an einen Moment in der Kindheit erinnert oder als Souvenir, das eine »exotische« Vergangenheit hervorruft, die man nie erlebt hat.

In beiden Fällen wirkt die Erinnerung chronotopisch, man reist durch die Zeit, überspringt räumliche Grenzen, die sich trotzdem immer in Bezug auf eine Vergangenheit – ob man sie nun erlebt hat oder nicht – beziehen, sie durchdringen und in die Jetzt-Zeit des Erlebnisses beamt. Vielleicht ließe sich das als die Immanenz der Gegenwart bezeichnen. Ein Moment, das ihr eingeschrieben ist wie die Verbindung zu einer Vergangenheit oder ihrer Fragmente.

Nennt mich also einen verklärten Träumer – ich glaube in den Videos von einem Mayday-Set aus 1994, einem Technokeller in Minneapolis der 2000er oder Aphex Twins Freak-Geballer von 1993 etwas gefunden zu haben, das sich nicht mit Kommentaren wie »Früher war alles besser« in ein depressives Tal der Tränen wirft. Ich empfand beim Sehen vielmehr etwas, das man nicht erlebt haben muss, um es tatsächlich zu fühlen. Eine Hoffnung, die aus der Tatsache entsteht, dass alles vergeht – aber gerade deswegen immer auch weiter geht. Man schaut zwar zurück. Nicht aber, um sich eine Welt wie früher zu wünschen, sondern um eine politische Ästhetik zu erkennen, in der politische Wirkkraft zu finden sei. Diese Kraft entspringt der Aufmerksamkeit, die man Dingen entgegenbringt. Und die einen zeitlichen Raum öffnen, in dem etwas passiert.

Mein Blurb (mit den Videos!) zu den Rave-Videos der 90s und 00s ist bei DJ-Lab erschienen.

Neuzugang im dänischen Bettenlager

Die Fitten Titten im Interview

Die Fitten Titten sollte man nicht googeln. Man muss sie sehen, um sie zu begreifen. Das von Julia Riederer und Claudia Lomoschitz gegründete »Lo-fi-Electro-Pink-Punk«-Projekt grätscht seit 2017 mit Titeln wie »Zahnmedizin« oder »Koks« in Wiener Gürtellokale und stellt Boys wie Toys in die Ecke. Inzwischen hat sich das Irgendwas-mit-Kunst-Ding zu einer Band entwickelt. Ihre Shows sind Séancen für Food-Fetischistinnen, Happenings für Angewandte-Strizzis und ein Fest für alle, die einen Knall haben.

Die Leute sollen sich ruhig Mühe geben, eure Musik zu hören.

Claudia Lomoschitz: Ich habe die Platte bisher mit Dates angehört. Alle wollten danach eine haben.

Julia Riederer: Mein Plattenspieler ist kaputt. Ich habe mir deshalb extra ein Tinder-Date bei jemandem mit Plattenspieler ausgemacht, um die Platte hören zu können.

Anna Barbieri: Ich habe sie bis jetzt nur einmal gehört. Das war schön.

Claudia Lomoschitz: Nur einmal?

Anna Barbieri: Ich kenn die Lieder ja schon! Aber ich würde allen empfehlen, sie anzuhören.

Das vollständige Interview ist bei mica erschienen.


Zwischenrauschen

Kennst du jemanden, der an Grundrauschen interessiert ist? Cool! Dann leite es gerne weiter. So bleibt das Ding am Leben. Und wir rauschen gemeinsam!


Mermaid & Seafruit im Interview

Magdalena Chowaniec und Markus Steinkellner produzieren Musik, die reinfährt wie drei Runden im Tagada. Stehend in Buffalo-Sneakern. Bauchfrei zum Ritalin-Entzug. Irgendwo zwischen Gabber-Revival und Laser-Show ballern die beiden mit dem Spirit der 90er, der Ästhetik der Nuller- und der Wut der Zehnerjahre auf die Realität der 2020er. »Screens are my new clothes« heißt das auf Ashida Parks erschienene Album – weil Bildschirme längst zur Bühne wurden und unsere Identität widerspiegeln.

Die Pandemie hat euch sanft gemacht?

Magdalena Chowaniec: Es gab einen Wunsch nach Sanftheit. Nach Berührung. Und es entstand die Frage der Isolierung, die ich als Tänzerin nicht gewohnt bin. Das Album heißt nicht ohne Grund „Screens Are My New Clothes“. Als Tänzerin war ich während des Lockdowns gezwungen, meine Kunst in andere Medien zu übersetzen. Ich musste mich online präsentieren, Filme drehen und all das, was die Live-Performance ausmacht, hinterfragen. Die Screens wurden zu unseren Bühnen, zu unseren neuen Persönlichkeiten. Das hatte ich satt, weil das Dazwischen mit dem Lockdown wegfiel. Es konnte – wenn überhaupt – nur über Distanz entstehen. Das echte Dazwischen aber, das für unsere Denkweise so zentral ist, war weg. Gleichzeitig redeten alle von einem Zurück zur Normalität.

Genau, warum eigentlich immer zurück?

Magdalena Chowaniec: Ja, eben! Die Normalität war davor schon unfair und ungleich für so viele.

Markus Steinkellner: In welche neue Normalität man gehen möchte, hat sich kaum jemand gefragt. Die meisten wollten zurück zu dem Davor. Von einer Chance auf Veränderung hat niemand gesprochen.

Das vollständige Interview ist bei mica erschienen.

Weiterlesen, weiterdenken

  • Tristan Bath hat einem Nachruf auf Peter Rehberg verfasst

  • Sebastian Fasthuber hat mit Shilla Strelka gesprochen

  • Und Shilla Strelka mit mir über ihr Unsafe+Sounds Festival

  • Berfin Silen war bei der Pressekonferenz vom angesagten abgesagten Nova Rock

  • Martin Ho(ho) will in der Mahü einen Club als Candybar eröffnen.

  • Max Fritz spricht mit Ellen Allien in einem Interview, das erahnen lässt, wohin sich techno capitalism bewegen wird

  • Kristoffer Cornils schreibt über die »größte Fußnote der Musikgeschichte«, Conrad Schnitzler

  • Beim letzten Salon skug wurde mit Zapatista-Vertreter:innen getalked – das Gespräch gibt’s zum Nachhören

  • Amira Ben Saoud hat über Lil Nas X eine Glosse geschrieben

  • Detroit-(in dem Fall wirklich)-Legende K-Hand ist gestorben. Claus Bachor mit einem schönen Nachruf

Was diesen Monat rauscht

Dino Spiluttini – »Live Versions« (smallforms)

Wo Dino draufsteht, ist Spiluttini drin. Der Wiener Producer ballert neun Millimeter große Löcher in die Zuckerwattemaschine, schlitzt den Kaugummiautomaten auf und kapert das Autodrom – um Hymnen zwischen Trance-Party unter der Tangentenauffahrt und außerkörperlichen Erfahrungen im Rauschzustand zu machen.

Der Mann mit dem Colt – »Alle Angaben ohne Gewehr« (s/r)

Hip-Hop aus Wien. Kann schiefgehen. Der Mann mit dem Colt würde aber sogar Roger Moore die Anzughose runterziehen. Mit Coltlines. Crack Ignaz-Feature. Und Corleone-Beats von Kapazunda. Sheesh.

Toad – »Frog« (Vienna Underground Traxx)

Vienna Underground Traxx ist Dauergast in diesem Newsletter. Aus Gründen. Einen davon liefert Toad mit sechs Tracks, die das UK vor Garage streichen und mit Wien, Oida ersetzen. Wer mit Subbässen derart sanft das Bauchi streichelt, darf hier alles. Hoffentlich gibt’s davon mehr!

Matte/Glossy – »La Soledad es mi Palacio« (s/r)

Faustregel: Der Sommer endet, wenn man den Sommerhit erfolgreich vermieden hat. Wer bei 40 Grad im Sprühnebel steht, soll zwar keinen Blödsinn labern. Als Fata Morgana können diese Scheibe aber selbst Wüstenhunde nicht abtun. Die in Wien lebende Sängerin Matte/Glossy hat eine Oase eröffnet, die auf den Namen »La Soledad es mi Palacio« hört und mehr Abkühlung bringt als das kommunale Klimaschutzprogramm von Wien. C U im Pop-up-Pool!

jschanghal – »#0c4a0d« (s/r)

Apropos Abkühlung. jschanghal, ein Krach-Duo aus Wien, schlittert mit ausgestreckten Beinen in die Tiefkühlabteilung – und zupft auf Violine und Gitarre einen Marsch, bei denen Feedback-Fetischist:innen sogar die Metal Machine vergrämen. So geil wie Letscho auf der ungarischen Seenplatte.

INAWHIRL (Graewe / Kowal / Dieb13) – »Streugebilde« (Trost)

Sara Kowal, Dieter Kovačič und Georg Graewe – so etwas wie die heilige Trinität der modernen Improvisation. Allesamt Chefität:innen im eigenen Fach zwischen Harfe, Turntable und Piano. Und eine Kombo, die fähig ist Geräusche zu erzeugen, deren Echo direkt in den Ursprung des eigenen Seins führt.

Blasser Kyren – »Butter&Stress« (Numavi)

Fünf Guys, die Indie-Rock tröten und in hochgekrempelten Röhrenjeans posieren klingt nach Horror-Flashback – silberne Denims, die 2000er, eine schlimme Zeit. Was da auf Numavi das Licht des Plattentellers erblickt ist aber wert, zumindest einen Lauscher zu kalibrieren und Low zukünftig ohne Fi zu buchstabieren.

Ensemble Kuhle Wampe – »Kuhle Wampe Extended« (Waschsalon Records)

Die wunderbaren Leute von Waschsalon Records filettieren wieder Morgenjournals und ZIB2s. Um mit Fusion aus der Jazzecke drüberzuprusten, Kuraz (sic!) aufs gegelte Haupthaar zu scheißen und den »Kuhpitalismus« auszurufen. Mehr! Hurtig! Bitte!

Various Artists – »Just Friends and Covers« (Wilhelm Show me the Major Label)

Für acht Euro bekommt man zwei Krügerl im Käuzchen, 240 Seiten von Richard David Prechts geistigen Verwirrungen – oder den neuen Label-Sampler von Wilhelm show me the Major Label. Fairer Deal. Kaufen.

Bevor wir auseinandergehen …

… chillen wir noch ein bisschen im Elend.


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Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hi« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

Endloser Sommer

Crap! Crapidi! Crap Crap!

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: »Endless Summer« von Fennesz wird 20. Der endlose Sommer in »Crap« von Scott McClanahan. Ein Interview mit Rausch- und Reinigungsmaestro Robert Schwarz, Kultursommer-Highlights und Festival-Ausblicke. Außerdem: Rezensionen von Die Fitten Titten, Vienna Underground Traxx – and more!

Grundrauschen zum Tag

Schlechte News für alle Berufsjugendlichen, die ihre Sommerfrische in St. Pölten gebucht haben – das Frequency fällt aus. Wer auf zwölf Dosen Inzersdorfer und zwei Paletten luluwarmen Pittinger sitzen bleibt, preppt schonmal für den nächsten Lockdown. Bei Infektionszahlen, die schneller steigen als das Thermometer in der Altbauwohnung und einer Gesellschaft, die lieber ihren Alltagsrassismus hochhält, als sich ein Jaukerl in den Oberarm zu schießen, ist der eh nur eine Frage der Zeit.

Apropos L-Wort: Auf YouTube bekommt man derweil Werbung für einen Sommer wie früher reingespült. Soll heißen: Rimini und Strada del Sole für alle Badebomben, die sichs nach eineinhalb Jahren Pandemie noch leisten können. Der Rest darf mit oder ohne grünen Pass irgendwo zwischen Sprühnebel und Betonlandschaft in Wien herumbrutzeln. Leiwand!

Da hört man sich vom Bundes-Basti natürlich gerne an, dass die Pandemie – hört, hört! – für all jene vorbei sei, die eine Impfung haben. Alle anderen dürfen sich spuren. Wer sich jetzt noch ansteckt, sei selber Schuld. Gernot streichelt von hinten über die Schulter, das Problem ist gelöst. Wer hätt gedacht, dass es so einfach sein könnte!

Übrigens: Die Birkenstock-Thatcher und ihre Bio-Bobos aus der grünen Parlaments-Parzelle halten der neoliberalen Slim-Fittisierung natürlich nichts entgegen. Das ist nach den letzten Monaten zwar keine Überraschung, weh tuts trotzdem … da kann man sich noch so lange unter die Freiluft-Dusche auf der Hauptallee stellen.

Anyway: Wir ham aber besseres vor, als die ganze Zeit herumzusudern. Immerhin ist es Dienstag – der Tag für rauschende Ohren und ein bisserl was fürs Herz. Im Sommer umso mehr. Deshalb springen wir direkt ins Vergnügen und holen uns den endlosen Sommer zurück.

20 Jahre »Endless Summer« von Fennesz

Vor 20 Jahren, als Christian Fennesz’ Signature-Album erschien, stand Sommer noch für Frische. Mittlerweile klingt der Titel wie eine Drohung – endloser Sommer, für immer Schwitzen. Anlässlich des Jubiläums hab ich fürs HHV-Mag über die Platte geschrieben. Hier gibt’s den Cold Cut, heute Abend in der Sendung den hotten Shit.

»Endless Summer« ist computerisierte Musik für Hundstage. Es saugt mit der zerhäckselten Kraft von Gitarren-Akkorden, die aus den Saiten in die Software fließen, zu Daten werden, nur Bits ausspucken und immer wieder in Daunendecken einhüllen, während sie einem gleichzeitig Eiswürfel in den Nacken stecken.

Früher war »Endless Summer« eine Platte, die man sich kaufte, weil man das mit dieser experimentellen Musik jetzt auch mal ausprobieren wollte. Mittlerweile besitzt man sie, weil das Ding in der restlichen Sammlung aus Knister-Knarz-und-Rausch-Musik wie ein zweiwöchiger Pauschal-Urlaub am Mittelmeer wirkt – und damit so etwas wie das coole Guilty Pleasure für Leute ist, die sonst nur in der Dunkelkammer ihre Erfüllung finden.

»Endless Summer« ist eine Erinnerung, die jede*r in sich trägt. Eine, die nie gleich ist und sich wandelt wie Patina an den Wänden von Clubs. Gerade durch die Kombination der beiden Wörter – »Endless« und »Summer« – erhalten sie eine gemeinsame Bedeutung, die ihre Wirkkraft nicht verdoppelt, sondern potenziert – und sie mit einer Aura auflädt, die die Präsenz der Absenz betont. Das Gefühl des endlosen Sommers. Und die Einsicht, dass er doch vergehen muss, um nicht verloren zu gehen.

Der endlose Sommer ist unsere Geschichte. Seine Vergangenheit steht genauso wenig fest wie seine Zukunft. Eben weil er eine perfekte Geschichte erzählt, ohne sie jemals zu Ende zu erzählen. »Endless Summer« ist der Reisebegleiter, die Reise und ihre Geschichte. Alles, was davon übrig bleibt, löst sich im Hören auf. Und setzt sich in unseren Köpfen neu zusammen.

»Crap!«

Aber: Der endlose Sommer ist immer auch eine Drohung. Dass alles so bleibt, wie es ist. Totaler Stillstand. Bei Temperaturen wie in der Betonwüste im Sechsten.

Das ist für mich kein Ausblick. Sondern das Symptom von Ausweglosigkeit. Man erzählt eine Geschichte, die niemals endet. Die sich immer weitererzählen muss. Und dessen Ende aufgeschoben wird wie das Versprechen nach einem besseren Ich.

Das kann zu nichts führen, außer der Einsicht, dass alles beschissen bleibt. Dass alles um uns herum so bleiben muss. Und sich niemals verändern wird.

Für mich hat dieses Gefühl zuletzt niemand besser eingefangen als Scott McClanahan. Ein US-amerikanischer Autor aus der Einöde von West Virginia, der auf die literarische Konvention scheißt, weil es eh schon wurscht ist. In seinem Buch »Crap«, das der österreichische Autor Clemens Setz ins Deutsche übertragen hat, porträtiert er sein eigenes Leben. Und damit auch das seiner Familie. Er erzählt von durchgeknallten Verwandten, die alle Selbstmord begingen; von Unglücken, die ganze Ortschaften auslöschten; und von einer Jugend, die Harmony Korine schon mal so ähnlich in »Gummo« gezeigt hat.

In »Crap« trifft Armut und Perspektivlosigkeit auf White Trash und Rassismus. Das eigene Leben ist beschissen. Aber man weiß, dass es anderen noch beschissener geht. Das hilft nicht nur dem Protagonisten durch den Tag. Sondern hält das ganze Werkl am Laufen. Darin schwingt pure Selbstaufgabe mit. Das Leben erscheint nicht zu kurz, sondern endlos. Wie der Sommer, von dem wir sprachen. Crap!

Interview: Robert Schwarz

Normalerweise quakt, zirpt und zwitschert es in den Stücken von Robert Schwarz. Seine Field Recordings führen um die ganze Welt. Inzwischen betreibt der Wiener Musiker auch andere Projekte. Allein in den letzten Monaten kamen mit Augsburger Messer, PRIVAT, She was a Visitor und L/R vier weitere dazu.

Robert Schwarz: Es ist lustig, selbst meine Freunde verlieren inzwischen den Überblick über meinen Output.

Weil du deine Spuren verwischst.

Robert Schwarz: Ja, das ist ganz angenehm. Mir sind die einzelnen Projekte wichtiger als ein Name, den man zuordnen kann. Bis vor zwei Jahren habe ich nur unter meinem eigenen Namen produziert. Das hat mich zunehmend eingeengt – vor allem, weil das bisherige Projekt so spezifisch an Field Recordings gebunden war. Gleichzeitig habe ich viele andere musikalische Leidenschaften. Manche verirrten sich in dieses Projekt. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass ich für jedes musikalische Konzept einen eigenen Kanal habe, in dem diese Leidenschaften hineinpassen. Das macht mein ursprüngliches Projekt frei von dem Drang, es zu sehr musikalisch aufzuladen.

Das gesamte Gespräch ist bei mica erschienen.

Weiterlesen, weiterdenken

  • Die Auschwitz-Überlebende und Microphone Mafia-Frontfrau Esther Bejarano ist gestorben. Kerstin Kellermann mit dem Nachruf

  • Die IG Kultur Wien lädt am 21.07. zum »Fair Pay« Zoom-Gespräch. Ein Überblick.

  • Peter Tschmuck analysiert die Einkommenssituation von österreichsichen Musiker*innen während Corona

  • Über die Dominanz patriarchaler Strukturen im Stadtraum spricht Ania Gleich mit dem Elsa Plainacher Kollektiv in Wien

  • Trishes schreibt über die Entwicklungen von österreichischem Hip-Hop der letzten 15 Jahre

  • »Kann Kunst die Welt verändern« fragt Sandro Nicolussi

  • Kulturanthropologin Bianca Ludewig sieht den Club als Druckventil

  • Wie es dem DasWERK am Donaukanal nach eineinhalb Jahren Pandemie geht, hat Alfred Pranzl gefragt

  • Und Shilla Strelka hat mit Matthias Kranebitter vom Black Page Orchestra gesprochen

Weil du es dir wert bist

Mit Dino Spiluttini. Am 7. August @ Volkspark Laaerberg. Alle Infos

See You @ the Festival-Sommer

Der Wiener Kultursommer findet noch bis 16.8. an verschiedenen Locations in Wien statt. Eine unvollständige Liste an Must-Sees >>>

ausgesprochen: neu (Nev.) – live (23.07.)
Antonia XM und BrunoKaos – Clubs closed down forever, so we’re having a sleepover (23.07.)
Elizabeth Ward – Phototropism & Dance (24.07.)
Ein Gespenst – Ich tanze nur aus Höflichkeit (24.07.)
Yvonne Moriel – live (25.07.)
Sakura (05.08.)
ZINN – Lethargie, dich wollt ich nie (08.08.)
Wipeout – total wipeout (08.08.)
Restless Leg Syndrome (15.08.)

Mehr Feeling als Festival

Hyperreality Festival am 28. bis 29. Juli in Wien – u.a. mit Dopplereffekt, Lucrecia Dalt, Schacke und und Rosa Anschütz
Elevate Festival in Graz von 04. bis 08. August in Graz – u.a. Anna von Hauswolff, Asfast und Dr. Rubinstein
Unsafe+Sounds Festival 2021 am 18. und 19. + 26. und 27. August – u.a. mit Lucy Railton, KMRU, Puce Mary und Gischt
Heart of Noise von 03. bis 05. September in Innsbruck – u.a. mit Die Sterne, François J. Bonnet/Steven O’Malley und Robert Henke
JazzWerkstatt Festival von 12. bis 18. September in Wien – u.a. mit Manu Mayr, Rojin Sharafi und Beate Wiesinger
Donaufestival am von 01. bis 03. + 08. bis 10. Oktober in Krems – u.a. mit Arooj Aftab, Deena Abdelwahed und Ghostpoet

Was diesen Monat rauscht

Die Fitten Titten – »Die Fitten Titten« (s/r)

Wer schon mal bei einer Show von Die Fitten Titten war, den Namen gegoogelt oder generell etwas für genialen Dilettantismus übrig hat, muss diese Platte kaufen. Am besten direkt in den nächsten Media Markt rennen und nach den Fitten Titten fragen. Irgendein »Kollege« in der Spülmaschinenabteilung wird davon gehört haben, trust me!

Various Artists – »Schwitzen in der Kernzone 100« (Vienna Underground Traxx)

Genau das, was man an Hundstagen braucht, während man in einer überfüllten U-Bahn mit hunderten schwitzenden Teenagern gefangen ist, die sich morgens mit einer Dose Axe Africa duschen. Acht Tracks führen vom Donaukanal zum Gürtel. Melodien verschwimmen, die 909er galoppiert wie Lipizzaner auf Speed. Eine Platte als musikgewordener Sprühnebel!

Mermaid & Seafruit – »Screens Are My New Clothes« (Ashida Park)

»Wir wollten Gabber sanft machen«, sagt Magdalena Chowaniec über Mermaid & Seafruit – ein Projekt, bei dem sie mit Markus Steinkellner seit Mitte der 2010er zu Hardstyle über den Beton shuffelt. Ob ihr damit wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!

Elisabeth Harnik – »Superstructure / Holding up a Bridge« (Trost Records)

Elisabeth Harnik kann Musik komponieren, die einem den Teufel austreibt. Von vorne und hinten. Für zwei ihrer Stücke haben das All Ears Area Ensemble und die blasenden und schlögelnden Kolleg*innen vom Studio Dan den Mephisto gemacht. Big up für den oder die Ersten*, die das auf der Bluetooth-Box am Karlsplatz pumpen!

Kontrollierter Absturz – »Heute ist der Tag« (s/r)

»Heißer als Helene, geiler als Gabalier, ärger als die Ärzte – und mindestens so kool wie Kraftwerk auf zu viel Acid. Techno-Toys: Watch out for the B-Seite!

Spiral Joy Band – »I Was Born Under A Wandrin‘ Star« (Feathered Coyote Records)

Die Sonne geht unter, die Wüste heult – yours truly Feathered Coyote Records aus Wien wischt sich das Salz aus den Augen. Und schmeißt mit den US-Dronisten um Spiral Joy Band eine luziden Wachtraum ins Kassettenfach. Und verpufft wie eine Fata Morgana.

Lowlands – »Total Fun« (s/r)

Schrammel, Krach, Bumm, Peng. All said!

HORIZONT – »kunst-mordend« (s/r)

Als hätte der Wilde Westen an einem Peyote-Kaktus genutschelt und in die falschen Schaltkreise gegriffen, um danach in einen langen, erschöpfenden Schlaf zu fallen. Das Kollektiv HORIZONT belasst es jedenfalls nicht bei Rauchzeichen, sondern pustet den vielleicht besten Rausch rüber, den man im Juli inhalieren kann.

Anna Lerchbaumer – »Falling Objects« (smallforms)

Ein Akt die Treppe herabstürzend, zwei Akte die Treppe herabstürzend, drei Akte die Treppe herabstürzend. Anna Lerchbaumer lässt für smallforms einiges fallen. Es scheppert und deppert. Halleluja Hurra!

NADESHDA – »Das Haus des Teufels« (beach buddies)

Andreas Haslauer quetscht Musik aus Tapes, die keine ist, aber genau deswegen so gut funktioniert. Blind gekauft.

Isabella Forciniti – »Music for Churches and Bicycles« (s/r)

Mit dem Velo in die Kirche dem Pfaffen drei Rosenkränze runterpfeifen und heimlich den Tabernakel plündern. Huch. Isabella Forcinits Klangexperimente lösen in mir das bildungsbürgerliche Paradeequivalent von drei Litern Messwein aus.

Modecenter – »mode für jung und alt« (Numavi)

Schuhe, Socken, Bluse, Hemd und Hose, fertig ist das Mondgesicht. Oder das Firmoutfit für alle, die zwischen Parndorf und Großenzersdorf gefälschte Guccis (Gutschis) im Hinterkammerl des Modecenters suchen, aber nur überteuerte Sneaker gegen Verstärker treten. Brüll!

Rolltreppe – »s/t« (Bachelor Records)

Post-Punk. Rolltreppe. Linke Seite. Stehend. Wer die Band nicht kennt, war noch nie im Venster (sollte das aber dringend nachholen!).

Peppy Pep Pepper – »Forced Distance« (Modern Tapes)

Violet Candide, die Synthpop-Queen aus Wien, liest für das New Yorker Modern Tapes-Label eine Séance. Wer sich im Dunstkreis der Schönbrunnerstraße 6 rumtreibt (oder rumgetrieben hat, als das noch öfter ging), kennt Violet auch als bessere Hälfte von Mitra Mitra. Als Peppy Pep Pepper zeigt sie uns, wo der Pfeffer wächst. Ha. Blöder Schmäh. Aber gute Musik. Ciao.

… bevor wir auseinander gehen

Summer Vibeeees!


Kennst du jemanden, der am Grundrauschen interessiert ist? Cool! Dann leite ihn gerne weiter. So bleibt das Ding am Leben. Und wir rauschen gemeinsam! Heute ab 21 Uhr auf O94!

Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hi« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

Fußball? Nein Danke!

Hier gibt’s wirklich gar nichts zur EM.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: Anna Mabo im Interview, ein Porträt über Elektro Guzzi und der Teaser für die heutige Sendung zum Wiener Produzenten Asfast. Außerdem: Leseempfehlungen für den Juni, 17 Kurz-Reviews zu Neuveröffentlichungen aus dem Ö-Untergrund – und garantiert kein Fußball-Content, olé olé!

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Ich stoß wahrscheinlich ein bisserl spät zur Party, aber: Die erste Person, die mir erklärt, warum die Welt NFTs braucht (nicht was sie sind, das lässt sich googeln – es ist »digitales Zeug«, das man tatsächlich besitzt), bekommt von mir einen originalen (schwör!) Linkin-Park-Drumstick, den mein pickliges Möchtegern-Ich 2007 auf einem Konzert in Graz gefangen hat. Also for real! Was ist das Problem, das man mit NFTs lösen will? Oder was macht diese virtuelle Kunst zur Lösung?

Warum erzielt ein verpixeltes Cryptopunk-Etwas bei einer Versteigerung von Sotheby’s zuletzt 11,8 Millionen Dollar, während bei derselben Auktion ein ziemlich durchdachtes NFT-Konzept (sobald die globale Erwärmung zwei Grad Celsius erreicht, verbrennt sich das NFT von Terra0 selbst) gerade mal für 37.800 Dollar unter den digitalen Hammer kommt?

Zu dieser Frage habe ich mich bei Google sogar auf die zweite (!) Seite gewagt. Ich will aber keine aktualisierte NFT-Abhandlung über Walter Benjamins »Kunstwerk«-Aufsatz lesen, sondern eine Erklärung bekommen für das PROBLEM, das Crypto-Art zu lösen versucht. In einer Sprache, für die man keinen Abschluss in Maschinenbau braucht. Wer was weiß, hit me up!

Anna Mabo im Interview

»Wir haben unsere Jugend in Stanniolpapier verpackt«, singt Anna Mabo. Die Wiener Regisseurin und Musikerin veröffentlicht mit »Notre Dame« ihr zweites Album, das mit Leichtigkeit beginnt und nach der Apokalypse endet. Eine Platte wie eine Sammlung an Wienerliedern ohne Wiener*innen – ein Abend beim Heurigen als Vibe, der sich dem Instagram-Blickwinkel verstellt. In einem Ausschnitt aus dem Interview (bei mica erschienen) erklärt sie, warum sie »erfolgreich« in Wien aufgewachsen ist.

Anna Mabo: Ja, ich wollte als Kind immer ein Bub sein. Lustigerweise hatte mein Bruder immer lange Haare. Dabei waren meine Eltern schon eher konservativ – das würden sie sicher auch über sich selbst sagen – aber im Gender-Bezug hatten sie eine hippieske Einstellung! Wir durften anziehen, was wir wollten. Ich lief zum Beispiel eine Woche mit einem Shirt rum, auf dem stand: Schule gefährdet die Gesundheit. Mit sieben wünschte ich mir einen rosafarbenen Ski-Overall. Den bekam ich aber nicht, weil meine Mutter wusste, dass ich ihn im nächsten Jahr nicht mehr gut gefunden hätte.

Die Mama! 

Anna Mabo: Ja! Sie hat mir auch Bücher von Christine Nöstlinger gegeben. Die Geschichten vom Franz fand ich toll. Gretchen Sackmaier auch. Das sind Geschichten über ein Mädchen, aber es ging um den Umgang als Frau und nicht um die Voraussetzung, die das ganze Leben als Frau beeinflusst.

Das ganze Interview liest du drüben bei mica.

Weiterlesen, weiterdenken

Grundrauschen-Teaser: Asfast im Porträt

Der in Wien lebende Musiker Leon Leder feiert seine eigenen Messen. Allein. Im Dunklen. Am besten mit drei Litern Messwein und den Geistern der Vergangenheit. Als ASFAST gräbt sich der gebürtige Grazer seit Jahren durch dunkle Nischen der Wiener Elektronik-Szene. Er brachte Platten auf dem Paradelabel für untergründliche Experimente, Ventil Records, und zuletzt auf dem deutschen Düster-Rausch-und Nebel-Label Denovali raus.

Auf »Earth Walk With Me«, seiner neuesten Veröffentlichung, die im vergangenen April erschien, David Lynchelt es nicht nur von Namen her gewaltig. Sondern auch im Vibe und in der Stimmung des für Post-Corona-Zeiten überhaupt nicht hedonistisch angelegten 23-Minuten-Epos.

Ich habe im vergangenen April mit Leon gesprochen. Eingeladen hat er mich – getestet und auf Abstand – in sein eigenes Wohnzimmer, das gleichzeitig als Studio herhält. Wir haben lange geplaudert und viel theoretisiert, weil das gut geht mit Künstlern, die ihre Arbeit auch als Konzepte verstehen und das allerliebste Wörtlein »Post-Club« nur dann in den Mund nehmen, wenn es darum geht, es in seiner Anwendung zu hinterfragen.

Das Porträt hörst du heute Abend bei Grundrauschen auf Radio Orange.

Das Interview mit Asfast liest du drüben bei mica.

»Trip«: Elektro Guzzi im Porträt

Zum Frühstück serviert man Rührei und Orangensaft. Die perfekte Kombination. Und eine Erinnerung an Zeiten, in denen man frühmorgens aus dem Club stapfte, um sich das Breakfast for Champions klarzumachen – reichlich Fett und genügend Elektrolyte. Wenn Elektro Guzzi kurz nach halb zehn Uhr in einem Wiener Café von ihrem »Trip« sprechen, ist das Erlebnis im Club so weit entfernt wie die Österreich vom Europameistertitel. Das gerne mal als »Techno-Band« bezeichnete Trio um Bernhard Breuer, Jakob Schneidewind und Bernhard Hammer hat eine neue Platte produziert, die so heißt: »Trip«.

Das Porträt zu Elektro Guzzi liest du drüben im DJ-lab.


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Wien-Stream

  • David Krieger legt bei Booth Hub auf

  • vlan.radio hat aus dem Wiener Fortuna gestreamt – mit Welia, Kobermann und Akrüül

  • Die neue Sendung von DiaspoRa-dio auf Res.Radio ist online

  • Und O-Sounds sendet am 20. Juni über feministische Utopien für Clubkultur


Was diesen Monat rauscht

17 Veröffentlichung aus dem Ö-Underground.

Abby Lee Tee – »At The Beaver Lodge I«

Die Biber sind los. An der Donau. In Linz. Von Abby Lee Tee zu einer hörbaren Rudelbildung aufgescheucht. Wenn Österreichs Parade-Field-Recorder das Mikro in den Bau hängt, stimmt die ganze Bande mit ein. So schön natschelt niemand am Treibholz.

alllone – »Something Wrong« (s/r)

Wie wobbelt Dubstep 2021? Genau so! alllone, ein Producer-Trio aus Graz und Wien, schnippelt vier Bänger aus dem Woofer. Wer die Teile am Badestrand auf der Drahtlosen pumpt, lässt Unterhoserln schlackern und Köpfe rollen. So was von no Fux given!

ZERFRANZT – »Turing« (s/r)

Der Synthesizer-Opi aus Tirol, ZERFRANZT, hat ein Konzeptalbum über Alan Turing produziert, das sich so anfühlt, als würde man Mathematik tatsächlich checken. Applaus für diese Traumatherapie.

Jimi Tenor – »Music For Elevators« (Music for Elevators)

Quatschkopf und Elevate-Festival-Stamm-Dilettant Jimi Tenor schickt finnische Grüße nach Graz. Wer keinen Bock hat, bei der Hitzen den Schloßberg raufzukräuen, lauscht zukünftig im Dom-im-Berg-Aufzug seiner Vorstellung von zeitgemäßer Zahnartzwartezimmermukke. Hier als downloadbare Klingeltöne.

Kobermann – »Monochrome Vol.1« (s/r)

Darf man eigentlich schon vom Kobermann-Stil sprechen? Man sollte! Das grau-grindige Niemandsland, das der gute Mann aus Wien in beständigen Abständen vertont, liegt irgendwo zwischen Actress’ 88er-Mixtape und der theoretischen Abhandlung von Ben Frosts Maschinenpark. Rau wie kleinkörniges Schmirgelpapier.

Rudi Ae, MF Tom – »Ein Paar Tracks« (s/r)

»Du brauchst einen Beat und eine Stimme als MC, einen Namen brauchst du nur für die Musikindustrie.« Damit ist alles gesagt. Ob die Stimme nun Rudi Ae, Pablo Pikachu oder sonst wem gehört – scheißegal. Auf »Ein Paar Tracks« rieselt mehr Vibe als durch Yung Hurns linkes Nasenloch. Stabile Seitenlage, das!

Ein Gespenst – »Ich tanze nur aus Höflichkeit« (s/r)

Alle wissen: In Wien wird nicht getanzt. Ein Gespenst, der neue Irgendwas-mit-Indie-Double-Whopper aus Wien, schunkelt wenigstens aus Höflichkeit mit. Auf eineinhalb Füßen: Poetry-Slammer Elias Hirschl. Deshalb kommt das Ganze auch so, als hätte man die FM4-Redaktion zwei Wochen lang in ein Soziologie-Seminar gesteckt, um den Berufsjugendlichen vom Künigl die Wokeness auszutreiben. Nais.

Max Zaloudek – »Vom Statisten« (s/r)

Wenn man sich von einem Album in den Schlaf wiegen lässt, was ist das dann? Eine Platte für Träumelinchen? Oder eine Sammlung an Wiege-Liedern? Max Zaloudek, der in Wien lebende Gitarrero mit der Virtuosität dreier Fluchtachterl nach dem Besuch beim Heurigen in Grinzing, sediert mich seit drei Wochen aufs Neue. Im allerbesten Sinne.

Zukunftsstadt – »Fear & Repulsion 2015 / 2020« (Five by Five publishing)

Hat hier jemand Sommeralbum für Synthie-Fetischist*innen gesagt? Zukunftsstadt vercheckt es gerade in superpersonalisierter Minimalauflage. Als Tape. Mit DIY-Artwork. Das klingt in den besten Momenten so, als hätten sich Kraftwerk mit Vangelis auf ein Packl gehaut, um sich mit Chiptuning, Autobahnfahrten und Casio-Anleitungen auseinanderzusetzen.

Restless Leg Syndrome – »Ya Nass // Hammasichanimmada« (Little Beat More)

Na bumm! Die Restless Leg Syndrome-Crew hat die Bänger ihres Debut-Albums von 2013 ausgeräumt – und auf eine schicke orange Seven Inch geritzt. So viel Groove gabs das letzte Mal beim Magic-Life-Cluburlaub in Antalaya. Ciao!

Keji Otarii – »Mixtape ´94« (s/r)

Den ganzen Tag im Wiener Prater sein Taschengeld verprassen, beim Autodrom raven, im Tagada zu den Coolen gehören, und sich irgendwann im Spiegelkabinett die Nase brechen – als Vibe.

Winkelschleifer – »Tiramigiù« (s/r)

Maurizio Massaro, der zur Mensch-Maschine mutierte Winkelschleifer der Wiener Krach-Bums-Zisch-Szene zerfetzt wieder Mal seine Gitarren-Saiten, um sie in einem elektronischen Nadelwald so lange feedzubacken, bis sich im Unterholz ein Riss auftut. Das Ende der Welt? Oder doch nur der Geschichte?

čatta – »Helle Verwirrung« (s/r)

Bester Ambient, den ich im Juni aus Österreich gehört hab. Punkt.

Johnny And The Rotten – »Foam Party« (s/r)

Irgendwann die falschen Pillen geschluckt, zack – schon wacht man mit Trompetenhosen in den 70ern auf, säbelt an der Elektrischen rum und macht irgendwas mit Liebe, Schaum und guter Laune.

Nino Šebelić – »End of City Pt. 1« (s/r)

Nino Šebelić aus Wien produziert Techno von der Sorte: Gerade raus, ohne Umwege. Vier Tracks für eine Kieferneujustierung kurz vor halb Sechs am Mainfloor. Und einer für den Kaugummi danach.

Kanoi – »Come in Alone (A My Bloody Valentine Cover) (s/r)

Von My Bloody Valentine gibt’s circa fünf Millionen Cover-Songs. Davon sind drei nicht absolut beschissen. Einer kommt von Kanoi, der Ein-Mann-Space-Maschine aus Wien. Seine Version von »Come In Alone« ist Kosmonauten-Gold und vielleicht die einzige Hommage an Kevin Shields, die es braucht.

Bevor wir auseinandergehen …

ein paar SuMmeR-VIbEs von Sakura aus Wien.

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Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

»Synthesizers? Come on! This is cheating!«

An interview with Mme Psychosis

MME PSYCHOSIS has released »BSV«, her first album on Cut Surface. As a trained pianist, beats, synths and vocals – the holy trinity for cut surfaces and the counterpart to aristocratic tragedy – offer something like an eerie factor for souls of the night already alienated from the system. »BSV« is like a trip to the Böhmische Prater after closing time. The soundtrack for a sci-fi film that was never made. A tape that celebrates the beat and sends the synthesizer a friend request. Christoph Benkeser met MME PSYCHOSIS in Augarten. In the shadow of the Flakturm, the Vienna-based researcher and musician discusses her youth playing the piano, her love-hate-relationship with synths and why an optimistic person doesn’t necessarily have to believe in humanity.

DISCLOSURE: This interview has been published in German via mica

They say you’re active only in the dark.

Mme Psychosis: Ha, yeah! So, I think I came up with that. But it was just meant that during the day, I’m a researcher which means that I don’t really have much time to make music then. So, I do it in the evening – and I sleep at night.

Oh good, thanks! I first thought we would need to avoid the sun! Your music could reflect that …

Mme Psychosis: Some people have said that do me, yeah. There was also this Falter review where it says like there are songs like a downer with some nice moments.

Gerhard Stöger pushed it into a dark space, yeah.

Mme Psychosis: Yeah, but I don’t know. I like minor scales and dissonance more but somehow, I also enjoy listening to happy music. I don’t know if there’s a logic to it why I end up with this darker sound though. I’d say that I like it when music has some uncanny feeling to it.

It’s definitely eerie music!

Mme Psychosis: Oh, that’s the word! I’m really bad at describing my own music. And the same time, I’m so happy that Cut Surface wanted to release this because now they can put some adjectives on it. Otherwise I always end up with words like tribal and synths.

You were in band projects like Euroteuro but also released music under your Mme Psychosis moniker which could be considered “tribal”.

Mme Psychosis: The first Mme Psychosis release was actually a soundtrack for Burnbjoern’s „Meanwhile“. But I’m from a very different background music wise. I attended classical music school for about twelve years.

Oh, wow, so you do have a classical background.

Mme Psychosis: From age eight to 20, I was playing piano all the time. Part of my education was not only the instrument, but also learning about classical forms, the whole development of classical music and analyzing it. In addition to that I also had ear training. So, I’m quite well equipped in those terms. And that’s great. I can hear music and write notes very quickly. Still, when I was 20, I stopped to play the piano. It’s just a different type of thing. You don’t have time for improvising. Even today, it’s difficult for me to sit at the piano and just start playing something.

Oh, is it?

Mme Psychosis:  Yeah, in front of other people I’m like, give me notes, I can play anything, but, you know, not anything anymore. Even if I used to be really good when I played it. Now I’m looking at the notes and I’m like: That would take me some time to …

To  get back into it?

Mme Psychosis: Yeah, yeah. I was playing with all these old classical notes. And for years I would never think that I would be making my own music, actually. I was kind of lucky because I ended up being surrounded by people who made me a bit more aware. I realized that there’s a lot of musician friends who are completely self-taught. They told me: Why are you not making music with all your background. So, slowly all of this came to being – and Euroteuro was a cool thing for me. I got a Casio keyboard – such a beautiful instrument! Now, it’s not really in a good shape anymore, but it was like ten euros at a flea market. And you know what? Before this, whenever I was playing the piano, I’d always be like: Keyboards, come on, this is cheating!

That sounds like a strong aversion towards synths.

Mme Psychosis: You know, I’m still terrified by synthesizers. I’m also fascinated, but really overwhelmed as well! I just don’t understand … Do you know this project called T.R.A.S.H?

Oh yeah, he’s from Vienna.

Mme Psychosis: Well, there is this compilation called Rhizome #3 that Rosa Nebel put together. On it, you can find one T.R.A.S.H track named „Caroline“, it’s so good! The person behind it is a super nerdy guy who puts a lot of effort into the actual process behind what happens with the sound. Compared to that, I don’t really try to turn too many knobs.

How come?

Mme Psychosis:  I’m quickly satisfied with the sound of the synth that I’m using. For that reason, the Euroteuro project was cool because in comparison to what I used to do, I could just play the keys. Also, it was so cool to be on stage, to have this experience with your friends. It wasn’t so challenging for me to play the parts, though. When we made songs, I would just stick to my instrument. I wasn’t even looking at the laptop until I got into learning how to record ideas of my music. That was probably two and a half years ago. Before then, I would try to record it with my phone. So, you see … I am really slow with this kind of stuff. But at some point, I went on holidays, downloaded the trial of Ableton Live …

And?

Mme Psychosis: I thought: Oh my God, this is actually quite easy. So, Mme Psychosis is like an interesting adventure, a challenge. For example, this one record called „Beats“ was just an album that was made out of beats. I could look at this and add synths and vocals and extend this a bit. I just have too much energy sometimes and I have to put it somewhere. With Mme Psychosis, I can cheat myself into doing something that relaxes me.

This is an interesting transition, starting off with classical piano and ending up with relaxing by playing synths. What made you stop playing the piano?

Mme Psychosis: Oh, that’s a longer story! As I said, the piano was a pretty defining part of my life. In essence, I had two schools – the normal school until lunch and in the afternoon to the evening, four days a week, I would go the music school. That was intense.

How did you get into that situation?

Mme Psychosis: Some friends of my parents suggested to do it. They said: Send her to the exams for the music school. And it worked out. To be fair, I have pretty good hearing, I think – at least at the time. Still, for whatever reason, when I was eight, I wanted to play the drums. But the people at the exam were like: No, no, you should go for violin because of your good hearing. I didn’t like that idea at all. The piano was a compromise, eventually.

Quiet a long compromise, wasn’t it?

Mme Psychosis: I was actually pretty good. During the first three years I was taking part in contests in Poland. But in the end, it was just too much. I didn’t like the competition either. When I get to talk with friends from this time who are adults now, I realize that everybody is kind of an overachiever and really has to learn how to chill. I remember that when I was 12, there was this guy, Staś Drzewiecki, who was piano star. He was in my peer group – and the son of two winners of the Chopin contest. I realized: OK, this is not going to be possible for me because I am not that good and it’s OK. Still, I continued.

Why?

Mme Psychosis: I liked my instrument. Then, all of my friends were there. In school, you’re all the time developing as well. I really liked that even if it was robbing me of a lot of time. Only during my second degree, I knew that I would not be going to go to the academy. Still, I wanted to finish my degree. Fortunately, I had a really good teacher for my last three years. Someone fresh from university.

How was it before?

Mme Psychosis: To be honest? Challenging! I had this teacher who was scary and on purpose giving me notes of pieces that she knew I would suffer playing them. This was not helpful. I needed something in between. I bet you understand how happy I was when I could finish my degree with another person.

I do! What happened after you finished school?

Mme Psychosis: I left my hometown and moved to Krakow where I studied English. For over a year, I didn’t even touch a piano.

You had to get a distance to it?

Mme Psychosis: Yeah. It was just standing at my parent’s home. Also, I never thought about getting myself a synth or a keyboard. I thought I needed a piano to play the piano. But that’s not so easy when you move around often. In Vienna though, I have my piano again!

Your piano from back then?

Mme Psychosis: Yes, it’s so good to have it back. Even if it took some time to get back into it. It wasn’t so easy before. I was studying in different cities. I went to a university in Denmark where I had a student radio show. That’s actually when the name Mme Psychosis was born!

As the name for the radio show?

Mme Psychosis: It was with a friend and me. We had this show and he came up with names for us. I was Madame Psychosis. And he was Sweet Daddy Champagne. It’s actually a tribute to …

David Foster Wallace?

Mme Psychosis: No, no! My friend had this book about homeless people from the 70s at the streets of San Francisco. They were profiled and given names in the book. Madame Psychosis was actually a homeless person at the West coast in the 70s. Is that what you meant with …

I totally thought of David Foster Wallace. Do you know the book „Infinite Jest“?

Mme Psychosis:I guess I haven’t read it.

It’s funny that you mention Psychosis in the context of your radio show. There is a chapter in it in which a person who hosts a show in a Boston University area, is called Mme Psychosis. That’s what made me think of …

Mme Psychosis: Oh wow!

Foster Wallace actually used the name as a pun for metempsychosis. It describes the wandering of souls through different bodies over life cycles.

Mme Psychosis: Sounds like I should definitely read it.

Yeah. It’s quite an interesting novel actually. And it would go well with your version of Mme Psychosis.

Mme Psychosis: Yes, I’m happy to revive the name, it was ready for me. Maybe it’s a bit strange, but …

No, it’s a really good name!

Mme Psychosis: I heard it pronounced in funny ways. People would say: „Hey Psychose!“ And I’m like: „Yeah that’s me!“

That’s how you get stuck in one’s head.

Mme Psychosis: It’s eerie. Maybe the name is making you read this music a bit though, so I like it … I actually was super stressed with this conversation because I thought I should have a story to tell. But then I somehow never end up doing this, so …

We probably weave the story right now in this conversation. Also, the missing story was what made this record so alluring to me. In a way, it reminded me of a sci-fi movie of the eighties that was never made. Compared to your earlier output on Bandcamp, it’s very melodic too.

Mme Psychosis: You know, I have been releasing protest songs with a flash on the cover. During autumn, there was a lot of shit going on in Poland at the same time. Finally, the Catholic bullshit was about to get kicked out. I have been totally supporting the protests, all the time following what was going on, seeing people with live streams on Facebook and stuff. Then I realized that because I used to be also really into hip hop, wearing baggy pants and …

Sorry to interrupt you, but given that you played the classical piano, that’s a very strange combination!

Mme Psychosis: It was also the vibe of Hip Hop. I still love it. Sometimes I hop onto a nostalgic trip by listening to the old stuff. Back in the times, I was living in Katowice which, at that point, was one of the headquarters of super cool crews in the second half of 90s to the early 2000s. When I was about 14 or 15, there were so many Hip Hop shows. Those crews are legendary nowadays, but back then, they were just there. I loved it. Probably that’s also the reason why I’ve always liked good beats.

That’s the basic foundation, isn’t it?

Mme Psychosis: Yeah, exactly. But I’m also into melodic beats, you know, a good loop with the beat itself being melodic. But that doesn’t work for everyone and that’s OK too! I don’t have to go full Mme Psychosis all the time. Anyway … what was I talking about before?

Good question!

Mme Psychosis: Ah, about my protest songs! I mentioned them because what’s really difficult for me is lyrics. Eventually, I used some tracks from the album and freestyle-rapped over them. I was super surprised because it worked so well! Just singing in my own language … but there’s also an Euroteuro track where I used my Polish vocal alter ego Czeski Film.

Oh, I was wondering about that name!

Mme Psychosis: It’s super confusing, isn’t it? In Poland we say „Czeski Film nikt nic nie wie“. It means that in a Czech movie, nobody knows what’s going on. So, in a chaotic situation you just say „Czeski Film nikt nic nie wie“ … and people know that maybe it makes sense, but in a very absurd way to get to this sense. Mme Psychosis and Czeski Film – that made sense to me.

It fits so well to the beats. And those early memories on hip hop, they’re just resurfacing …

Mme Psychosis: in beautiful melodies, right? In music school, I never was good with technics, but I smashed this melancholic and nostalgic Chopin-like stuff.

I think the nostalgic feeling kind of fits my feeling for your record. It sounds futuristic but from a moment in the past.

Mme Psychosis: That’s really cool! The thing is: I’m making a lot of tracks. As soon as everything is recorded, I just don’t like to spend too much time on them. That’s really difficult … but yeah, one thing that I would love to do is make sound tracks and some of the new ones would be perfect for some kind of movie you described earlier.

Oh wow!

Mme Psychosis: I don’t have a plan with this. Sometimes I’m also happy when I make some tracks just listening to them myself because it can be hard to get feedback. I have a couple of friends who I check ideas with. But sometimes they’re saying: „The beat is kind of all over. Why don’t you add a hi-hat?“ And I’m like: „Why don’t you fucking feel the rhythm?“ So, I’m often happy with the first idea, not spending on different effects … that’s just not my process. I think it’s important for me to say, though, that it’s is a hobby for me.

I hear you.

Mme Psychosis: Yeah, people who make music in a more professional way would not respect this. So, I should probably keep quiet on this because otherwise I sound like an ignorant …

Not at all! It’s quite honest if you say it like this. Sure, some people tweak on their tracks for days, weeks or months …

Mme Psychosis: And if they like it, that’s great, but don’t impose on others. Some people pretend that if you don’t put enough effort in then you cannot talk about quality of music. I think that’s wrong. Get a guy with a gong and somebody with a beautiful voice, give them some time and you don’t need anything else.

Absolutely!

Mme Psychosis: Also, here in Vienna, there are so many interesting musicians. For example, Mala Herba and Fauna, whom you interviewed in the past. In singing, I like the dissonance, a Slavic folklore harmony. Mala Herba combines that perfectly. And „Demonologia“ is a great album.

It’s even more staggering when you compare it to the early versions. That made me realize how much you can get out of demos.

Mme Psychosis: That’s really interesting because it’s hard to talk about it objectively. I can enjoy my music on my own and I have a couple of friends who also enjoy it. Every time when somebody is listening to it, that makes me happy. The thing is: I don’t have a requirement with the quantity of the ears I have to please.

That’s the good thing about a hobby!

Mme Psychosis: Right now, it’s just a very good way for me to relax. Plus, the fact that you can sit in front of a computer making beats and assigning an instrument to a keyboard over a laptop still excites me. On the other hand, I can just experiment with vocal layers. Sometimes, if I come home after work, I don’t want to read or stare at a screen again. Then I just go to my room and sing a bit. This is so nice.

It’s nice to have an opportunity to do something after work that has nothing to do with work, isn’t it?

Mme Psychosis: At the same time, I have a lot of respect for everybody who make music as their full-time job. I think it’s tricky and, in a sense, I wonder if it destroys the fun process of it.

It definitely changes the approach.

Mme Psychosis: For sure, to some extent at least, I suppose. But let me tell you this: I’ve been studying and I’ve always been good in exploring topics. At one point, I went for an internship at a university and I thought: „I’m going to be here for four months researching a specific topic and they’re going to pay me! This sounds like a great job!“ I mean, it’s a super precarious type of work as well, it’s stressful and also very competitive. So, I’m happy that, after my PhD, I could create myself a better environment. I’m really progressing so much more than in previous times when there was just too much stress to it. Now, a colleague from my work even happens to be on the album.

That’s lovely.

Mme Psychosis: My team is so nice. They’ve been to Mme Psychosis shows last summer. Sometimes they would make a joke: “If it doesn’t work out for you in academia you can still go fully into music.” Probably I’d go teaching music in kindergarten, though, because there will always be kids and there will always be kindergartens. Otherwise, it’s just a situation like from one precarious set up to another.

Mme Psychosis comes to entertain your children! That would make a great story!

Mme Psychosis: You know what? I have Instagram for Psychosis, but I also don’t care which doesn’t mean that I don’t check my stories. I do, but I realize that it’s just a marketing machine. A machine that is divided in a very problematic way … if you can buy likes and listens of your videos, I mean …

It starts to be a virtual game with very real consequences. Still, you can just take yourself out of it. Especially as someone who needs to promote a record.

Mme Psychosis: How do you do it?

I’m not an artist but I decided not to play the attention game. That comes with a lot of disadvantages in my field, but it still outweighs the cons. And the greatest thing is: I don’t need to pretend that I’m happy wasting 50 hours a week working in a bullshit job — which I’m not, but still.

Mme Psychosis: Right now, I’m working 20 hours a week and also do some teaching. Before I finished my PhD, I was exactly in that race you described. Sure, we are sitting here in a super luxury position. In relation to the majority of livelihoods of people around the world we have good lives. If I would be sitting in Poland, it would be much different. I don’t know anybody in Poland who works part time. None of my friends work part time because life gets unaffordable. The fact that I can work 20 hours not missing anything and still use the other time for my hobby or just outside work is phenomenal. So, in this lucky position in the world where we are sitting here now, why work full time?” To have the promise of a pension that probably never comes into effect because of the systemic problems? I won’t be a little hamster until I’m sixty something. I rather prefer to have lower pension. In the meantime, climate change is going crazy anyway, so how, why or should we even think about pension? Maybe that’s also underlining my music.

The dystopian approach?

Mme Psychosis: I’m a positive person, but generally, I think we are pretty screwed. For the massive problems we face as a society, I think it’s a bit too late. We should turn towards degrowth. Looking at how humans are reacting in this current situation is not giving me too much hope for our own species.

It’s good that you bring that up. A year ago, people would say: „Oh, the crisis is going to be such a game changer.“ Of course, the economy doesn’t give a shit about that. Capitalism has eaten its way through this crisis as always. And people are craving to get back into the hamsterrad, queuing in front of shops to buy a T-shirt that costs like three euros and was made by child-labor.

Mme Psychosis: The balance is not on the right side, yeah. Elon Musk can shoot himself to Mars, but … you know … that’s ridiculous. Maybe I should write a song called Elon.

You should! And as you said before, we are still complaining on a high level, though.

Mme Psychosis: It’s also not to create an impression that we cannot have problems. Somehow, I’m really happy about where I am. I’m trying to do something useful with my time, with my work. I hope that it’s helpful for somebody. The worst thing for me would be to put me in an office from nine to five where I would have to do nonsense stuff. I did that for a bit and after one year and a half I really felt burned out. It is making me sad that that’s the reality for the majority of people. In that sense, I’m always feeling very … I don’t want to say grateful because that would assume that I’m grateful to somebody even though I think it’s a big coincidence.

I think it’s also the luxury to reflect on all that. Most people can’t – because they are made hamsters of the system.

Mme Psychosis: When you can choose what to do with your time, that’s pretty much the best thing you can have, yes!

So, Mme Psychosis is the savior from bullshit jobs!

Mme Psychosis: Actually, I’d love to start a cult which nobody understands – the cult of the Seventh Reduced. Maybe I should feed this with some content. It would underline the music because this type of beats can really suck you in – even for a short moment.

That’s the magic about it, I guess. My love for early Detroit techno stems from that.

Mme Psychosis: Ha! I was just listening to … you know because I was a bit scared about this interview and most of the time musicians get asked about their influences …

Oh, now that you say it.

Mme Psychosis: Yeah, so I was listening to „Homework“ from Daft Punk lately.

What a decent record!

Mme Psychosis: After „Homework“ I lost them completely. But this album is the essence of cool beats, very loopy, very trippy!

And still very melodic!

Mme Psychosis: Totally!

Those were the days! Now they’re split.

Mme Psychosis: Oh my god, but whatever, right?

Yeah, well. „Homework“ is probably their best. It has aged so well.

(Two sausage dogs run in the park.)

Mme Psychosis: Do you see those two dogs? Our first dog was a sausage dog!

Oh, wow. My grandparents used to have sausage dogs as well! They got quite old, like 18 years or so …

Mme Psychosis: Ours died when he was nine. But he had like a sudden issue. His heart grew and exploded – in this tiny body!

Poor little thing! The one my mother has now had spine surgery recently. Now he …

Mme Psychosis: Has to be careful with stairs, right?

Yeah, exactly.

Mme Psychosis: That’s such a bad design human design for a dog, actually.

How did we get here again? 

Mme Psychosis: I brought up Daft Punk. Probably because I like Pathos in music. I don’t normally listen to classical music at home, but there are certain things that I love which are full of power. Everything that happened before Beethoven doesn’t make sense to me because he was the first person who really understood that you need more power in certain sections of the orchestra. Also, in classical music you have forms – something that replicates in modern music all the time. But if you look at classical music, you realize how much meaning conventions had, how much power each interval had, you have rules about which chord is allowed to come after which chord. For centuries, people were doing this. Actually, the ones we hear about more nowadays are not necessarily the ones that were challenging those conventions. Everybody loves Mozart because he just mastered those rules in an exquisite way. Rules that we all follow in music. Even I can’t get myself out of a major-minor system.

A jazz player from the US, Gary Bartz, once said to me there was no new major invention in music since Bach.

Mme Psychosis: Oh, provocative!

Yeah, he said there were only twelve notes which got me thinking that the situated knowledge of the zeitgeist brings them to life in new forms all the time.

Mme Psychosis: That was the interesting thing for me to observe with Euroteuro – coming up with those simple lines. You do the most predictable thing, but it really fits well because we have been hearing this certain form for so long that our brains think that it is right.

That’s what pop music is. And what it probably should be, right?

Mme Psychosis: Yeah, and a good pop track needs it! Last week I listened to this song called „Gypsy Woman“ by Crystal Waters. It was released in 1991 and still is such an amazing song.

So nice! If you have ever listened to it, you can’t get it out of your head. It sticks to you. That sounds easy in theory, but it’s not, I guess.

Mme Psychosis: Maybe that’s why I always rebelled against this … There was this question that doesn’t pop up often anymore, but people used to ask each other what kind of genre they liked. Or the more general question: „What kind of music are you listening to?“ I was always like: „I don’t know.“

Nobody should be required to answer this question!

Mme Psychosis: Well, in that sense I really like challenges of different forms. For example, the last project I did with the Euroteuro crew was writing music for a theater piece in Munich about the Oktoberfest. I got on YouTube and checked out some videos to get into the vibe – listening to Schlager and stuff. That was funny because when I was a teenager in music school, we always had this saying that when nobody’s careers ever work out, we’re just going to make one good disco polo track.

Good to have a backup plan!

Mme Psychosis: One good disco polo track and you’re fixed for life! You could even put on a mask so you don’t have to identify with this.

Or pay somebody to perform!

Mme Psychosis: Exactly, that’s even better!

Links:

Mme Psychosis (Bandcamp)

Mme Psychosis (Cut Surface)

Cut Surface (Homepage)

Dieser Newsletter wird dein Leben verändern

… sofern DU es willst!

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: Ein Teaser zum Radio-Essay »Kontrolle und Leistung«, das ab 21.00 Uhr auf Radio Orange läuft. Außerdem: Gedanken zum Tag, jede Menge Links für den Mai und 19 Neuveröffentlichungen aus Ö!

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Morgen öffnen Gastro, Kultur- und Freizeiteinrichtungen. »Der Österreicher« freut sich. Nach über einem Jahr des »Herunterfahrens«, der »Lockdowns« und »Kontaktbeschränkungen« habe sich der »Kampf zurück zur Normalität« gelohnt. Vergessen scheint die Tatsache, dass man noch vor wenigen Monaten mit selbstgenähten Fetzen vor der Nase durch die Stadt »spaziert« ist. Vergessen die Bilder der Kühlcontainer in Italien. Vergessen sogar, dass Indien jeden Tag immer noch auf sechsstellige Infektionszahlen kommt.

Die Pandemie hat sich lokalisiert. Inzwischen spricht man von einer »Phase des Hedonismus«, die auf die Lockerungen folgen werde. Klar, man will wieder feiern. Freund*innen treffen. Um die Welt reisen. Aber alles so, als wäre nie etwas passiert? Als hätte »die Normalität« wirklich im Februar 2020 aufgehört zu existieren?

Ich lese gerade »The Last Lectures« von Mark Fisher. An einer Stelle paraphrasiert der verstorbene K-Punk-Philosoph die Konservativen-Kritik an den damaligen Occupy-Demonstranten. »They may claim, ethically, that they want to live in a different world but libidinally, at the level of desire, they are committed to living within the current capitalist world.«

Wie immer schafft es Fisher dabei, eine Stimmung auf den Punkt zu bringen. Etwas, das sich nicht greifen lässt. Das vage bleiben muss, um konkreter beschrieben zu werden. Und genau diese Kontingenz, dieses Zwiespältige in seinem Schreiben, verfolgt mich jetzt. Ich weiß, dass sich alle freuen, wieder ein Stück weit zurück zu »ihrer Normalität« zu kehren. Ich weiß aber auch, dass der unmittelbare Sprung zum Hedonismus gefährlich nahe an eine kollektive Amnesie der Covid-19-Pandemie streift. Ein Vergessen, das in die Symptomatik einer spätkapitalistischen Gesellschaft passt – und mögliche Zukünfte verloren macht.

Gleichzeitig will auch ich »libidinös« vergessen. Oder anders formuliert: Ich will ein erneuertes Klassenbewusstsein, das mit der Pandemie einhergeht, ohne das Trauma, das sie ausgelöst hat. Was für ein Träumer, werden sich manche denken. Die Welt, das wisse man doch, funktioniere nicht so. Und ich verstehe das! Fisher beschreibt 2008 als das Jahr, in dem viele Menschen aus dem Traum des Kapitalismus aufgewacht seien. Das sei uns dermaßen auf die Nerven gegangen, dass wir alle wieder eingeschlafen seien.

»The banking crisis is some kind of repressed trauma which is known about but never confronted, a Real that the dreamer stays asleep to keep avoiding. Capital is the dreamer here… yet capital is also our dream«, sagte Fisher. Das stellt uns nicht vor die Frage, wie die Pandemie in Erinnerung bleiben soll. Sondern ob sie überhaupt in Erinnerung bleiben wird.

… ein Meme

Here comes the sun AAAAND It's gone - aaaand its gone - quickmeme

Radio-Essay: »Kontrolle und Leistung«

In einer Welt, die immer mehr am Arsch ist, muss man sich nicht nur physisch und psychisch fit halten, sondern flexibel sein, noch mehr Verantwortung übernehmen, niemals Nein sagen, jeden Tag dazulernen und permanent Content createn. Raum für negative Vibes? Is nüscht!

Im Performance-Rausch, so die Versprechung der LinkedIn-Gurus und Xing-Gesalbten, finde man sich selbst. Oder besser gesagt: das nach Optimierung strebende Selbst, das sich im Bemühen entwickle, die allerbeste Version seiner selbst zu erreichen.

Das Selbst ist also mit einer grundsätzlichen Unvollständigkeit geschlagen, einem Zustand permanenter Nicht-Selbstverwirklichung, weil ihm immer etwas fehlt: eine wirksamere Selbststeuerung, eine gründlichere Selbsterkenntnis, mehr Sinn, mehr Engagement, größere Resilienz oder eine positivere Einstellung zum Leben.

Egal, wie redlich man sich darum müht, sich selbst zur Optimierung zu formen – es gelingt nie ganz, weil es definitionsgemäß immer noch besser ginge, man immer noch vollständiger sein könnte und immer noch länger arbeiten müsste.

Der Optimierungszwang krallt sich den Konsumdrang, der sich an den individuellen Bedürfnissen der Menschen ausrichtet – und umgekehrt. Wir hängen uns die Smart-Watch ums Handgelenk und treten an. Gegen unsere Freunde. Gegen unsere Feinde. Gegen uns Selbst.

Heute Abend auf O94: Radio-Essay über die Ökonomie der Blick-Bewegung zwischen Kontrolle und Leistung.

Gestaltung: Christoph Benkeser

Sprecher*innen: Julia Grillmayr, Benjamin Stolz, Christoph Benkeser

Das vollständige Manuskript zur Sendung findest du »hier«.


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Was diesen Monat rauscht

Lederer – »Leben ist auch ganz schön« (s/r)

»Eigentlich wollt ich was anderes machen«, schreibt der Wiener Lederer. Und fabriziert eine Platte zwischen Krach und Poesie. Das Aphorismen-Büchlein auf 15 Tracks zur Corona-Pandemie. Mit dabei: Der aller-aller-wunderbarste Titel »Nicht schon wieder Menschen«.

Farr – »Bassline Interferometry« (Out Of Sorts)

Das Label Out of Sorts aus Bristol gießt Bianco in die Pfanne. Der Wiener Producer Farr zündelt am Subbass rum. Ein Track als Roomba für Clubs – staubfrei auf 50 Hertz!

Nadeshda / Johnny Geiger – »live CCNL Split« (epileptic media)

Hier, was für die Träumelinchen, die Dreamers of the Dreams, diejenigen, die in Wolken immer Dinge sehen, die sonst niemand sieht … Nadeshda und Johnny Geiger, zwei DIY-Granden aus Österreich, schrammeln auf zwei Kassetten-Seiten für epileptic media mit ihren eigenen Waffen: Tapeloops, Gitarren und vüüüü Hall!

55.rnd – »live at temp~electronic music festival« (Sounding Functions)

55.rnd war vor allem das Baby von Catarina Pratter und Martin Stepanek. Die eine legt seit über 25 Jahren in Wien auf und hat zuletzt ein Footwork-Album produziert. Der andere schraubt zwei Zimmer weiter in einem zum Maschinenpark verwandelten Raum am Electro-nik-Baukasten der 90er rum. Auf Sounding Functions (auch so ein Baby von Stepanek) veröffentlichen sie ein Set, das 2007 am Strombauamt in Greifenstein entstand. Wiener Underground par excellence!

Alex Kranabetter – »textures« (smallforms)

Der Vorarlberger Parade-Bläser Alexander Kranabetter hat für smallsforms ein Trompeten-Album aufgenommen, das zwischen Flatulenz-Alarm nach durchsoffener Nacht, Drone-Grandezza zum Runterkommen und Experimental-Rauschen für Spiegeltrinker keine Textur offenlässt.

Mme Psychosis – »BSV« (Cut Surface)

»Beats, Synths, Vocals« – die heilige Dreifaltigkeit für zerschnittene Oberflächen und das Gegenstück zur aristokratischen Tragödie, wo die Absenz der Präsenz noch so etwas wie Gruselfaktor für vom System entfremdete Seelen der Nacht bietet. Ein Tape wie ein Ausflug in den Böhmischen Prater. Save Mme Psychosis at all costs!

Max Zaloudek – »Vom Statisten« (s/r)

Ein instrumentales Jazz-Album, das die Abfahrt Richtung Verkopfung – zum Glück – verpasst hat. Max Zaloudek freundet sich mit dem Wirten beim Heurigen an, macht den Rausschmeißer im Malipop und verliert sich auf dem Heimweg unterm Steffl. Geschichten »vom Statisten«. Oder so.

Jon Gravy – »Restless Soul« (fortunea)

Sundown auf den Balearen, ein Drink in Händen, alles easy! Der Wiener House-Producer Jon Gravy legt auf fortunea mit »Restless Soul« eine Platte vor, bei der man ganz leicht ganz weit weg ist – im Kopf, in Gedanken, auf dem Dancefloor!

Sedvs / Peel – »Free Base Chakra« (Bare Hands Records)

Musik zum Flexen. Repetitiv, laut, auf die Zwölf! Die beiden Bare Hands Recods-Schweißer Daniel Hartl und Julian Derkits sendeten bereits 2018 mit »Free Base Chakra« einen Gruß ans Getriebe. Drei Jahre später veröffentlicht man das Teil nochmal im Eigenkatalog. Tool-Time von den Techno-Twins!

Pharma – »Sekund EP« (s/r)

Beats für Heads, Dubstep for the people! Der Wiener »Beat-Guru« Pharma sendet Druckwellen über die Kärntner Straße. Die Nadel schlägt aus, das Geschirr scheppert im Schrank: Fünf auf der nach oben offenen Richterskala!

Mira Mann – »Ich spür die Vibration« (Wolf Lehmann Edtion)

Apropos Vibrationen! Die Eh-irgendwie-Alleskönnerin Mira Mann bringt bald ein neues Album raus. Klar, bei so viel guten News kann einem schon mal die Goji-Beere im Hals stecken bleiben. Wolf Lehmann, der Straßenkötern wie mir als Andreas Möstl vorgestellt wurde, baut den Remix zur ersten Single. Und ich schau mich an.

Diskoromantik – »Stern feat. Nilo« (Heiße Luft)

Neues von den Diskoromantikern! Mit »Stern« schwitzt man ins Taschentuch, kämmt die Haare über die Glatze und schraubt sich das Horn auf die Nase – bessere Liebeslieder hat DJ Ötzi nur vor seiner Karriere als Sänger geschrieben. Plus: VIDEOOOO!

Lan Rex – »Absatz 1« (Tender Matter)

Kaltes, klares Wasser aber angehaucht. Wer auf Mala Herba steht, mit Terz Nervosa was anfangen kann und statt Blumenpflücken lieber auf den Friedhof geht, rammt sich bei Lena »Lens« Kühleitners Soloprojekt den Pflock ins Herz. Bum-Tschak-Tralala!

Various Artists – »Speed Kills« (Meat Recordings)

Samma sich ehrlich, der Club fehlt. Samstag um halb Sechs an der Kiefermuskulatur zu arbeiten, die Beine in Beton zu stampfen und den Puls über die deutsche Autobahn zu jagen soll nicht forever and ever eine Erinnerung bleiben. Deshalb ein Teaser: Die Eisenbahner*innen-Fraktion um Meat Recordings-Chefschweißer Gerald VDH klopft sieben Tracks aus, bei der man den rasenden Stillstand als Denkbild von der Ferne beobachten kann.

Friedmann – »Index« (Friedmann)

Muzak, Installation, Pastiche? Friedmann sind Archäologen des Vergessenen, die Lumpensammler des 21. Jahrhunderts, ein Trio, das wie Basinski klingt und wie celer tönt. Musik, die niemals weh tut.

Kurt Flock – »Snacks On A Plate« (Big Cake Records)

Hitpotenzial auf dem Casio-Keyboard. Lo-Fi für Hi-Fidelity-Punks. Oder in den Worten von Kurt Flock: »Ich mach ein Foto und dann stell ichs auf Willhaben.at«.

Linus Miller – »Début« (Wiener Elektronik)

Neues Label, neuer Name. Der Wiener Linus Miller veröffentlicht sein »Début«, ein falsches noch dazu aber das tut nichts zur Sache. Der Bub spürt auf den weißen Tasten Nils Frahm aufs Herz und bumpert auf seiner ganz eigenen Voyage über einen Parcours, den ich gerne mitgeh.

Max Pertl – »24 hours« (s/r)

Max Pertl ist kein Unbekannter in diesem Newsletter. Dass der Wiener ein Gschpüür für Melodien und Vibes hat, dürfte ich in den vergangenen fünf Monaten trotzdem mindestens ein Mal zu selten erwähnt haben. »24 hours« ist der ausgefüllte Blankoscheck für den Sommer am Badesee. Öffnet die Pforten der Wahrnehmung und lasst den Pertl Max endlich rein!

Elektro Guzzi – »Trip«

Zum Abschluss nochmal ein Sprung in den Brachial-Topos, diesmal aber mit Bio-Gütsiegel aus Wien. Elektro Guzzi sprengen den Rahmen und bemühen am Dancefloor ihre eigene Diskursanalyse für technoiden Düsterkram auf Pillen. »Trip« heißt die neue Platte. Wenn der Trockennebel sich legt, will ich das auf den großen Speakern hören!


bevor wir auseinandergehen …

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Kennst du jemanden, der am Newsletter von Grundrauschen interessiert sein könnte? Cool! Dann leite ihn gerne weiter. Wir rauschen dann gemeinsam! Und heute ab 21 Uhr auf O94!

Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

Von Geistern und Gewerkschaften

Ein Interview mit Andreas Spechtl und der neuen DJ-Gewerkschaft in Österreich.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: Die neue DJ-Gewerkschaft in Österreich. Das neue Album von Ja, Panik und Aktuelles aus der österreichischen U-Szene. Außerdem: 25 Neuveröffentlichungen für den April.

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Österreich hat eine DJ-Gewerkschaft. Es wurde berichtet. DECK wurde von Steve Hope, Electric Indigo, DJ Pandora, Kobermann und Disaszt gegründet. Sie alle kommen aus der Wiener DJ/Produzent*innen/Veranstalter*innen-Szene, sind vernetzt, haben international Erfahrung. Wie eine DJ-Gewerkschaft konkret aussehen soll, ist trotzdem eine andere Frage. Clubs stehen seit über einem Jahr still, die Anlagen verstauben, ein voller Dancefloor ist weiter weg als Kurz von einem Rücktritt. Neben übervollen Intensivstationen und der Sache mit dem Stich gibt es aber – hands down – wichtigere Dinge, als die Frage, wann CDJs wieder im Dunklen blinken.

Party-Hedonismus, ob in Existentialistenschwarz dem »ernsten« Technogeballer frönend oder mit drei Promille auf dem »zamm zamm zamm« Faschingsgschnas zum Biene-Maja-Lied schunkelnd, setzt aus. Sollte aussetzen. Muss aussetzen, bis es Lösungen gibt, die ein Zurück in den Club ermöglichen. Ob man dorthin zurückwill, wo man im März 2020 aufgehört hat … ich kann es mir vorstellen, aber nicht wünschen. »Die Pandemie hat die Probleme nur sichtbar gemacht, davon unabhängig gab es sie natürlich davor auch schon«, sagt Katja Dürrer alias DJ Pandora. Probleme, die von unbezahlten Gagen bis hin zu sexualisierter Gewalt im Club reichen.

DECK steht ganz am Anfang. Die Initator*innen erarbeiten organisatorische Strukturen, legen Arbeitsschwerpunkte fest, proben Kommunikationsabläufe. Das ist Pionierarbeit. Trotzdem: Erreichen will man »alle« DJs in Österreich – vom Bodensee bis zur ungarischen Grenze, von der Dorfdisco bis zum undergroundigen Kellerclub. Wie das funktionieren soll, welche Ziele DECK langfristig verfolgt und warum man sich als DJ der Gewerkschaft anschließen sollte, haben mir die Initatiator*innen im Gespräch erklärt. Das gesamte Interview ist bei mica erschienen.

Friendly Reminder an alle Corona-Partys

Interview: Die Gruppe Ja, Panik

Wenn am 30. April 2021 die neue Ja, Panik-Platte erscheint, macht der existentialistische Snobismus, getarnt in schwarzen Rollkragenpullis und Wiener Akzent, wieder Musik für Mittdreißiger, die ihren gesammelten spex-Jahrgang von 2001 für die Nachwelt laminieren. Da freuen sich auch melancholische Philo-Studis, die ihre politische Erweckung in der Hamburger Schule des letzten Jahrhunderts suchen. Ohne Ironie. Im Ernst. Mit Rilke unterm Arm. In der Sag-niemals-Pop-ohne-Diskurs-Blase herrscht jedenfalls Aufregung, wenn Ja, Panik eine neue Platte veröffentlichen.

Die übriggebliebenen Berufsjugendlichen aus der Gang für Silberrücken-Schreiberlinge ehemaliger Sprachrohre der sogenannten Popkultur dürfen inzwischen im Mainstream ran und sabbern ob der frohen Botschaft vor lauter Geilheit auf ihre FAZ. Was dürfen sie erwarten? Ein neues Manifest? Oder gar die Neuvertonung Bernhardscher Wutausbrüche als subtile Gegenwartsanalyse? Adorno, Nietzsche, Tralala – Ja, Panik geben keine Antworten, sondern stellen nur Fragen. Über den Ausbruch als Spielfeld, Gespenster im Kapitalismus und die Tatsache, dass man Dinge verlernen muss, um sie neu zu erlernen, habe ich mit Andreas Spechtl fürs mica gesprochen.

Die Leitung in den Proberaum in Berlin stand. Der Rechner von Spechtl hob während des Gesprächs mehrere Male ab. Wo er gelandet ist, hört ihr heute Abend im Interview bei Grundrauschen.


Weiterlesen, weiterdenken

Was diesen Monat rauscht

Grundrauschen präsentiert 25 Neuveröffentlichungen aus Österreich – zwischen A wie Ambient und Atonal bis Z wie Zisch-Zonk-Zack!

Abby Lee Tee – Hausberg IV-V (Never Anything Records)

16 Minuten für einen Ausbruch aus der Welt? Hört sich nach einem guten Deal an. Fabian Holzinger lässt die Kastenzither unterm Gebirgsbachl knistern und treibt das US-Tape-Label Never Anything Records auf die Alm. Do gibt’s ka Sünd! Do simma daham. In Gedanken, immerhin.

MS Mutt – »Fink« (smallforms)

Johanna Forster betreibt das queer-feministische Label unrecords mit, experimentiert sich durch die Wiener Klangszene und zerreißt als MS Mutt die E-Gitarre. Für smallforms hat Forster Mikro und Verstärker in den Wald gestellt. Vöglein zwitschern, Saiten driften, die Natur klingt. So wie sie ist. So wie sie sein sollte. Allein im Wald, die Platane umarmend, deep listening für die Baumschule.

The Sweet Janes – »Das deutsche Album« (s/r)

Zwei »Ladies« mit »Punk-Background« haben ein Album des Jahres veröffentlicht. Ohne Schmäh. Ohne Umwege. »DAS DEUTSCHE ALBUM« ist die Vergangenheit der NDW in der Tiroler Gegenwart. The Sweet Janes kommen aus Innsbruck, könnten aber genauso gut in einer Hamburger Hafenkneipe am Astra süffeln. Bärchen und die Milchbubi-Vibes, meinte der Journalist Benjamin Stolz zu mir. Recht hat er!

Loopbiz – »Menschine« (s/r)

Der Egyptian Lover kurbelt an der 808. Kraftwerk pusten auf der Tour de France. Loopbiz pflanzt seine Menschine in die Gehörgänge des FM4-Harems. Artwork ausbaufähig. Sound schon mal liiiit!

DJ Gusch – »Statisch 1-4/Akustisch« (s/r)

Hat hier jemand Oneothrix Point Never genuschelt? DJ GUSCH fetzt den Ami-Sound durch seine Filterbank, übrib bleibt nur Elektroschrott im Cover-Format. Statisch, akustisch, aufgetischt! Die Quadratwurzel aus 42 führt ins sonische Nirvana.

Brómus – »Too Yore« (s/r)

Wer diesen Newsletter liest, kennt seinen Namen. Brómus, der österreichische Celer, ein Ambient-Fantast, der mit den richtigen Bildern spielt, sich im Loop bewegt, in Schleifen denkt. Der Mann produziert im Akkord kleine Geschichten, im Fall von »Too Yore« sogar ziemlich lange. Bitte. Mehr!

Gran Bankrott – »Tanzbein« (s/r)

Wir klemmen uns den New Wave unter die Arme und rudern zurück ins stabile Prekariat. Florian Tremmel, aus dem Dunstkreis von Totally Wired, SSTR6 und Numavi entschwunden, schockfrostet das Tanzbein im Viervierteltakt, um auf Ein-Personen-Coronapartys im Wohnzimmer die Kniekehlen zu ölen.

IamAndre. – »Sayonara« (s/r)

Endlich mal wieder ein Beat-Tape. Zwar nur als Download. Aber hey – im neverending Lockdown wird man genügsam. IamAndre. zündelt am Sampler wie Biedermann und seine Brandstifter. Ein Seelen-Trip, nicht nur für Hip-Hop-Heads.

pauT – »Jackpot (Gernot Blümels Laptop)« (s/r)

Scheiß Wetter im Aprü – aber erst mal ne Runde mit dem Laptop drehen. Schließlich blümelts schon. Und das Kind muss an die frische Luft. Paul Schreier, der GOTT aller Problembären, stopft das Macbook in den Trolley und zieht seine Runden im Schönbrunner Schlosspark. Später kann er sich an nichts mehr erinnern. Für den Finanzminister bei Humboldt reicht’s allemal.

Ángela Tröndle & Pippo Corvino – »Distilled« (s/r)

Pippo Corvino gitarrisiert in Wien. Meistens akustisch. Meistens für sich. Während der Corona-Zeit hat er mit der Jazzerin Ángela Tröndle gearbeitet. Ihre Stimme, seine Gitarre. Das passt. Und sorgt für Sehnsucht unter der Steppdecke.

Waldfee – »Wenn die Wilden Pflanzen Tanzen« (s/r)

Zwischen Beifuß und Johanniskraut, Mädesüß und Löwenzahn pflückt man in Wien am liebsten Bärlauch. Kommt der Frühling, kraxeln Wiener*innen in Büschen herum, um sich als Privat-Prepper für die kommenden zehn Monate mit Knofel-Pesto einzudecken. In Niederösterreich verzieht man nur die Nase – und ruft die Waldfee. Die bringt ein »klingendes Herbarium« und verschenkt es an alle Hobby-Botaniker*innen.

Future Skylines – »0x460x340x310x2E0x32« (s/r)

Hätte Ben Frost irgendwann die rote Pille runtergespült, seine Maschinentheorie wäre doch noch abgetaucht. Future Skylines übergießt zwischen Crypto-Codes den Synthie-Schrein mit WD-40. Nix mit verborgenen Nieten und Fugen. Hier muss die Fachfrau ran.

MSTEP – »Random Forest« (s/r)

Martin Stepanek hat Basslines für Pulsinger und Tunakan gelegt und Kruder&Dorfmeister zu einer Zeit remixt, als in der Grundsteingasse noch keine Archive verloren gingen. Dass Stepanek als MSTEP nie aufgehört hat, an den Knöpfen zu drehen, hab ich bis gestern auch nicht gewusst. Die Maschinen tanzen wie 1998. Alles kommt wieder, nur die Wurst hat zwei.

Loather – »Relics« (s/r)

Loather, die beste unbekannte Band Wiens, hat wieder mal kein Tape veröffentlicht. Dafür Demos, oder wie man drei Meter unter der Erde sagt: Relikte. 17 an der Zahl, zwischen Proberaum-Geschrammel und Skizzen-Geklimper. Wo bleibt noch mal das Tape?!

V.A. – »grazil Records & Friends Volume 1«

Grazil Records kommt aus Graz, zerschreddert Gitarren und zerfetzt Trommelfelle. Der Griff in den Schritt überlässt man dem Wiener Machismo, hier hängt allerhöchstens der Bass unter der Gürtellinie. Für den ersten Label-Sampler hat man 20 Friends eingeladen. Alle haben einen Track beigesteuert. Scream, Space, Speed!

Martin Nonstatic – »Reflecting Glaciers« (s/r)

Die Ambient-Exegese arbeitet sich an Eisbergen ab wie südkongolesische Minenarbeiter an Cobalt. Es gibt jede Menge davon, aber irgendwann ist genug. Sollte man glauben, aber dann kommt die nächste Platte bei Minus 35 Grad um die Ecke gekratzt – und man ist wieder hooked. Martin Nonstatic, ein Linzer, steuert mitten rein in das Eisberg-Modell. Recht so.

BYDL – »They Would Have Been Happier With The Cave Not Being Empty« (s/r)

Zu Ostern gabs nur das Beste: Lindt-Hasen, Casali-Eier und … eine Messe, die nicht nach Weihrauch zwischen Geschichten aus Pfaffenhofen mieft, sondern das Kirchenschiff mit der heiligen Dreifaltigkeit aus Rauschen, Drones und Orgelpfeifen säkularisiert. Überm Stephansdom steigt schwarzer Rauch auf. BYDL zieht sich die Kapuze über den Kopf. Jetzt wird wieder der Finsternis gehuldigt!

Peter Evans, Christian Lillinger, Petter Eldh, Wanja Slavin – »AMOK AMOR« (Boomslang Records)

Gehört Boomslang Records schon zum Vorarlberger Kulturerbe? Aus Bezau im Bregenzerwald tönen Klänge, die so reif daherkommen wie Räßkäs in ORIGINALEN Kässpätzle. Wäalder halt. Für »AMOK AMOR« trommelt, posaunt und bassiert die Deutsch-Amerikanische Freundschaft mit einer Schwedenbombe. Körig!

Sole Plane – »Brandneuerwagen (Single)« (s/r)

Texte so deep wie das Konto in der Mindestsicherung, aber hey: sole plane ridet in seinem »Brandneuerwagen« und »put his shades on, baby«. Die Beats stabil. Der Vibe laid-back. Alles easy also. Alles so … easy.

Jul Dillier – »solétudes« (s/r)

Jul Dillier erzeugt Klänge, Geräusche, manchmal Melodien. Öfters aber einfach Stille. Stille, die man hören kann. Oder fühlen muss. Der Schweizer in Wien erzählt damit Tongeschichten. Am Klavier, das nicht wie ein Klavier klingt. Und auf der Alm, die keine Alm ist. Wer sich im Spannungsfeld der Geräusch-Losigkeit aufhält, profitiert. Garantiert.

Martinz – »locations« (s/r)

Endlich Neues von Alexander Martinz. Der Producer aus Wien hat ein Händchen für die Simulation, sein Sound schmirgelt über Seapunk, LSD und Blümchenpflücken. »location« ist Ambient am Scherbenhaufen der Geschichte. Nur in den Bruchstücken erkennt man das Ganze. Traum. Wirklichkeit. Martinz!

Terz Nervosa – »Dreams, Always« (Tender Matter)

Tina Bauers Lieblingsfarbe ist Schwarz. Keine Schattierung. Nur Dunkelheit, in die sie als Terz Nervos solange hineinhaucht, bis ganz hinten, im allerletzten Eck, in einer winzigen Nische ein Lichtlein aufleuchtet und man plötzlich weiß, dass Hoffnung besteht. Kommt mir nicht mit »Zug von vorne«, das ist Gruselmukke für Optimist*innen.

Fabio Keiner – »Threnody« (Virtual Soundsystem Records)

Schwierige Zeiten einfach wegpennen. Fabio Keiner, ein Wiener Ambientastiker mit Hang zur Proto-Klassik, hat eine Totenklage komponiert, zu der man sich am besten die Decke über den Kopf zieht, weil das manchmal der einzige Weg ist, die Welt auszuhalten. Die Orgel säuselt Erinnerungen an früher, »Threnody« ist das Gewesene im Jetzt.

Ghost Ally – »PAST LIFE« (Feral Sanctuary)

Manche Dinge brauchen Zeit. Viel Zeit. Ghost Ally aus Wien hat Anfang der 10er Jahre an seinem Solo-Projekt in Ableton rumgeschraubt. Es rauschte, es knarzte. Das Ergebnis waren Tracks, die nirgends reinpassen, wahrscheinlich nicht mal fertig sind, also eher wie College-Block-Schmierereien funktionieren und genau deshalb bei Grundrauschen landen. Die Symbiose zwischen Merzbow und Psychose.

Bevor wir auseinandergehen …


Kennst du jemanden, der am Newsletter von Grundrauschen interessiert sein könnte? Cool! Dann leite ihn gerne weiter. Wir rauschen dann gemeinsam! Und heute ab 21 Uhr auf O94!

Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

Starmania & Austropop als letzter österreichischer Nationalmythos

Erleben wir gerade die Tiktokisierung des ORF oder doch nur »One Nation Under A Groove«?

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: »Starmania – Austropop als letzter österreichischer Nationalmythos?« heißt ein Radio-Essay, das Journal- und Germanist Benjamin Stolz und ich produziert haben. Wir teasern hier an, die Sendung läuft heute Abend. Außerdem: 19 Neuveröffentlichungen in der Rotation und Readings zur Ökologie des Streamings, ein Interview mit den Cheap Records-Heads und eine Bruchstelle Spotify.

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Nur in Österreich ist immer die Rede von Austropop, diese wilde Mischung aus autochthoner Blasiertheit, verschrobener Heimattümelei, purer Sentimentalität und Kirchturmpolitik aus der Vergangenheit. Niemand will sich den Begriff umhängen, und trotzdem: Alle charakterisieren sich durch ihn. Ungewollt, durch Zufall oder aus purer Intention und Absicht. Im Land der Äcker und der Dome tuscht es auf Skipisten, tönt es vom Heuboden, grantelt es aus dem Wirtshaus. Die Variablen mögen sich verschieben, der Kern bleibt beständig. Und während die Identität wächst, entleert sich das Bewusstsein für ihre Konstruktion.

Was für eine Überraschung also, dass der ORF Starmania im Tiefkühlfach entdeckt hat! Ganz unten in der Truhe, völlig vereist neben dem Geist von Michi Tschuggnall, das Haltbarkeitsdatum mindestens zwölf Jahre überschritten. Aber wurscht: »64 Talente, zehn Liveshows, drei Juroren – are you readyyy?« Die Programmdirektion des ORF hat verstanden, dass es heutzutage in einem Tempo knallen muss, bei dem man die Aufmerksamkeitsspanne galant umgeht, indem man sie noch weiter reduziert. TikTokisierung à la Öffentlich-Rechtliches, right?

Das Format ist absolute Sehnsucht nach Veränderung. Und dabei Seismograph für Stillstand in der österreichischen Popmusik. Ein Paradoxon, das sich nicht auflösen lässt. Der Wunsch nach einer Zukunft wird von einer romantisierten Vergangenheit eingekesselt – und damit zwar nicht aufgelöst, aber soweit verstellt, dass es weder zurück noch nach vorne gehen kann. Man steht still und erhält die eigene Bewußtlosigkeit in der praktischen Veränderung der Existenzbedingungen.

Dadurch erleben wir die große Annäherung an den abgewetzten Begriff des Austropops. Auch wenn aufgewärmte Sendeformate alles probieren, um neu zu wirken, müssen sie sich an ihrer Vergangenheit messen wie Wanda an Danzer. Eine Vergangenheit, die nur auf nostalgischer Ebene existiert hat. Die also nie existiert hat, weil sie ein Konstrukt der eigenen Sehnsucht, des eigenen Wunsches nach Veränderung ist. Und die in den Köpfen der Menschen eine eigenartige Erhöhung erfährt. Deshalb laufen die Bemühungen, etwas Neues zu probieren ins Leere. Deshalb wäre die einzige ehrliche Neuerung die gewesen, nichts Neues mehr zu produzieren.

Technically the truth …

Und eine Premiere!

Heute Abend ab 21 Uhr läuft das erste Grundrauschen-Radio-Essay. Und wir rutschen rein in die Austropop-Suppe. Benjamin Stolz und meine Wenigkeit haben Starmania zerpflückt, romantisiert, theoretisiert und wieder zusammengepickt. Unsere Frage: Was ist am das typisch Österreichische, das »Identitätsstiftende« an einer Castingshow wie Starmania, das kulturelle Phänomene wie den Austropop zusammenhalten soll?

Wir ziehen Querverbindungen zum Begriff der Nation, dem Fehlen einer Zukunftsvision und der Tiktokisierung des Öffentlich-Rechtlichen als Seismograph für den Zustand der österreichischen Popmusik.

Wohin das führt? Hört selbst – und rein! Ab 21 Uhr Radio Orange 94.0 und im Stream.

Das Manuskript zur Sendung kannst du »hier« abrufen.

Was diesen Monat rauscht

Adorno – »Fun ist ein Stahlbad« (Entkunstung)

»Jede Aussage, jede Nachricht, jeder Gedanke ist präformiert durch die Zentren der Kulturindustrie«. Hat Miesepeter Adorno mal geschrieben. Das Stahlbad, ob gut geölt im Maschinenraum oder nächtens im Betonbunker, würde man sich trotzdem wieder gönnen. Weil ein bisserl Hedonismus noch nie geschadet hat und sowieso: Wenn die Utopie erst mal explodiert, möchte man das Spektakel erste Reihe fußfrei miterleben. Edel-Entkunstungs-Chef Felipe Duque hat seinem Kunst-und-Krach-Label zum fünften Geburtstag eine schicke Doppel-LP gebaut. Unter uns: Adorno hätte sie gefeiert!

Club Polizei – »Botanic« (s/r)

Schon wieder Techno, schon wieder kommt die Polizei! Club Polizei, um genau zu sein. Das hat nix mit verklärten Streifenbeamten oder dem Partybus persönlich zu tun, sondern mit einem Dude, der Techno auf Entschleunigungs-Kur setzt. Auf »Botanic« summen und säuseln Stimmen über Bass-Lines, so fett, dass sogar Martin Ho mit Nasenbluten ausscheidet.

Specific Objets – »Twice Infinity« (Twice Infinity)

Techno, die Dritte. Diesmal zwischen gecrushten Kristallen und fünf Umdrehungen am Kaugummiautomaten. Wiens Parade-Prügler für Techno aus der Tiefgarage, Specific Objects, quetscht mit »Twice Infinity« nicht nur eine EP, sondern gleich das dazugehörige DIY-Label raus. Vier Banger, die im sechsten Gang mit 240 Sachen auf der Überholspur durchtanken – was für ein Debüt!

Ummons Echo – »War Lovers« (s/r)

Martin Wiederstein ist Physiker, mag Science Fiction (no na net!) und fuxt sich freiwillig in Musiktheorie rein. Oarger Typ, will man meinen. Mit »War Lovers« hat er als Ummons Echo eine Post-Metal-Platte geschrieben und jedes Instrument eingespielt. Am Computer. Alleine. Das hört man dem Ding im ersten Moment nicht an, weil man irgendeinen Drummern auf Speed hinter den Bongos vermutet. Is aber nicht. For real … Oarg, sag ich doch!

Christina Ruf – »Mapless« (smallforms)

Die Experimental-Cellistin Christina Ruf veröffentlicht mit »Mapless« wieder Mal vertonte Magenbeschwerden. Soll heißen: Es ritscht und ratscht, es knitscht und knatscht, dass es eine helle Freude für Flatulenz-Enthusiasten ist. Glücklicherweise liefert Ruf den Verdauungsschnaps gleich mit. Versteckt, im letzten Kammerl und untersten Fach.

maurice lɔndɔn – »of unsound mind« (epileptic media)

Schreck lass nach! Maurice London (who is this guy?) hat Blut an den Grapschern – und tapst damit für epileptic media auf den weißen Tasten rum. Da steckt man sich im Jazz-Keller galant den Zigarillo in die Nase, um ordentlich mitzuflöten bei diesem Totalabriss. Irgendwann, nach drei, vier Tracks, darf die Puristenfraktion sogar die alten Atonal-Shirts aus dem Kleiderschrank kramen. Wahnsinns-Tape für Wahnsinnige!

Yunger – »Lonely Thoughts« (s/r)

Yeehaw, Lagerfeuerstimmung! Irgendjemand zieht eine Gitarre raus, statt »Wonderwall« sägt man Ed Sheeran rum – just for the sake of it, you know! Derweil bastelt Yunger, ein Barde aus Wien, an sonischen Sommerausflügen in den Wienerwald, Tage auf der Donauinsel und Nächte am Himmel. Klingt nach Kuschel-Core, sorgt für Knister-Vibes – mit oder ohne Rotschopf!

Günce Acı feat. Fat&Bald – »Being and Nothingness« (Belly Dance Services)

Belly Dance Services ist ein Label von Hanzo & Yaman. Zwei Producer aus Wien, die zu lange unter der Discokugel die Beine verrenkt und deshalb 2018 ein Nu-Wave-Electro-Ding aus dem Dancefloor gestampft haben. Mit Günce Acı feat. Fat&Bald greifen sich zwei Künstler*innen aus der Türkei an den Tummy und sorgen für ordentlich Yummy. Eh schon wissen. Sommer-Platte!

hnez – »This Golden Flesh Of Mine« (s/r)

Tiroler Berge, Tiroler Luft – Tiroler Electronic! hnez schraubt im Westen an den Reglern und klettert auf de Stoa. Mit »this golden flesh of mine« haut der Bergsteiger ein Album raus, das zwischen Ambient-Attrappe und Techno-Tümpel in die Saiten greift und sich ins Gipfelbuch einträgt.

Laikka – »The Answer« (Fabrique Records)

Laikka sind das, was wohlstandsverwahrloste FM4-Redakteure nach Feierabend in der Badewanne hören, während sie sich mit kräftigen Schlucken aus der Rotweinpulle genügend Mut antschechern, um in TikTok-Videos über ihrer Boomer-Playlist zu summen. Alles stabil, nächster Halt: International!

Tin Man – »Tin Man Remixes« (s/r)

Hach, Tin Man! Der einzige Mann, der seiner 303 seit Jahren loyal zur Seite steht, sie vergöttert und verehrt, hat das Roland-Teil in zwölf Stücken durch die World of Electronic Music geremixxxt. Soll heißen: Der Bass-Synthi gnatscht, flüssiges Acid fließt in die Donau. 303 für Recondite, 303 für Erol Alkan, 303 für Donato Dozzy. Ja, verdammt nochmal: Eine 303 für alle!

V.A. – »Decon curates: Ethereal Jazz for a New Generation« (Jazzsticks Recordings)

Das Wiener Jazzsticks Recordings steht für Drum’n’Bass. Sorte: Intelligent, funky, smooth. Was Labelhead Paul SG in den letzten zehn Jahren von Wien aus aufgebaut hat, dreht sich jenseits von 165 Beats pro Minute auf der ganzen Welt. Für einen Labelsampler hat er den Kölner Künstler Decon zum Kurator gemacht. Ergebnis: 16 Stücke, bei dem man die alte Playstation rauskramt, Grant Turismo reinschiebt und so tut, als wäre 1997.

V.A. – »mitra mitra; Reconstruction Works.« (Schalko)

Mitra Mitra muss man mögen. Das Wiener Duo lässt die Sechzehntel-Bässe unter Vierviertelkicks pumpen, bis man mit Belastungsproblemen in der Kniekehle ausscheidet. Auf schalko, dem Bio-Label für darke Versatzstücke aus der Bundeshauptstadt, graben mitra mitra sich durch den Output von Kolleg*innen. Falle, Death by Delirium, you name it!

rogine – »every possible condition, exhausted EP« (s/r)

Achtung, hier wird ins Mikrofon gehaucht, als hätte William Basinski den Liz-Harris-Gedächtnispreis ausgerufen. rogine, ausführende Systemhaucherin, kommt aus Wien und dürfte auf der dunklen Seite der Yogamatte gelandet sein. Schließlich grüt die Sonne auf den vier Tracks nur aus dem Abgrund. Für alle, die es gar nicht mehr erwarten können, dass der Winter kommt.

Répéter – »Poison Will Be Hidden« (s/r)

Irgendwo zwischen Two Step und Dub Techno grätschte Dubsquare, das Label, zu Beginn der Zehnerjahre in den Wiener Underground – und mutierte zu dem, was wie Garage auf Valium klang, aber auf den Namen Post-Dubstep hörte. Maximaler Bass, maximaler Platz. Repetition der Leere im Bunker, zwölf Meter unter der Erde. 2013 erschien die Platte von Répéter, damals vinyl-only im ausgewählten Plattenladen. Finally auf Bandcamp!

Znap – »Boa Boa« (Waschsalon Records)

Wenn Hotel Papa die Pforten schließt, müssen auch Jazzstudierte in den Waschsalon. Dabei scheuern sich die löchrigen Söckchen im Bebop-Modus zur Badetemperatur. Znap, das sind Leonhard Skorupa, Lukas Aichinger und Gregor Aufmesser, beamen die Überreste von Jazz ins Jahr 2021 und klopfen während der Wartezeit an der Grenze zu Fusion auf den Maschinen rum. Der Schmäh kommt aus Wien: »Ode an die Freunderlwirtschaft« ist mindestens so ausgefuchst wie »Lukas’ Pausenbrot«.

Hiraeth – »Warmth« (s/r)

Feldkirch, meine Heimat! Feldkirch, meine Stadt! Sympathiepunkte bekommt Hiraeth bei mir allein dafür, am richtigen Flecken dieser Welt Musik zu machen. Dass der Mann mit seiner Gitarre (und vielen, vielen Effektgerätlein) zusätzlich Dinge anstellt, für die man aus dem Shoegaze fährt (I know!), hilft trotzdem. Enorm. »Warmth« ist Ambient für Knister-Stimmung unter der Patchworkdecke!

Asfast – »Earth Walk With Me« (s/r)

Der Wiener Musiker Leon Leder feiert seine eigenen Messen. Allein. Im Dunklen. Am besten mit drei Litern Messwein und den Geistern der Vergangenheit. Auf »Earth Walk With Me« umarmt er David Lynch und vertont die 18-stündige Wichsvorlage aka Twin Peaks Season 3 mit einem Sound, bei dem den Leuten von Denovali Records ein Tränlein verdrücken. Stoark!

Isabella Forciniti – »Rabelasian Irony« (Vienna Underground Traxx)

Am Ende geht’s wieder runter – zu den Vienna Underground Traxx. Die italienische Soundkünstlerin und Wahlwienerin Isabella Forciniti hat für das Local-Label vier Stücke aus den Synthis gequetscht. Zwischen Instant-Panikattacken und dem Griff in die Smartiesbox skippt man den Track und geht im Hedonismus-Zirkel für angewandte Dilettanten auf.


Weiterhören, weiterlesen, weiterdenken

Die Ökologie des Musikstreamings (Peter Tschmuck)

2019 gab mir der Musikwissenschafter Kyle Devine ein Interview für die spex. Darin erklärte er: Die Digitalisierung von Musik führt nicht zu ihrer Entmaterialisierung. Im Gegenteil:. Die Treibhausgasemissionen von Streaming haben sich – verglichen mit den Rekordverkäufen von CDs und Vinyl in den 1980er und 90er Jahren – sogar verdoppelt.

Fast forward 2021: In einem Artikel über die Ökologie des Musikstreamings hat Peter Tschmuck das Thema neu aufgerollt. Im Text für mica schreibt er: »Die Corona-Pandemie hat dem Musikstreaming einen zusätzlichen Schub gegeben, was nicht nur an den Umsatzzuwächsen der Streamingdienste, sondern auch an vielen neuen Streaming-Lösungen für Live-Musikevents ablesbar ist. Damit hat sich nicht nur das Streaming-Angebot vergrößert, sondern der Datenkonsum und damit zusammenhängend auch der Energieverbrauch haben sich erhöht.«

Cheap Records: »In Wien braucht man immer wieder jemanden, der die Regeln bricht« (Simon Geiger)

Man könnte glauben, über Cheap Records sei alles gesagt. Das Label, das Wien in den 90ern auf die Techno-Karte brachte, ist Subkulturerbe Wiens. Und Östereichs. Erdem Tunakan und Patrick Pulsinger, die sowohl Schaffer als auch Verwalter sind, haben über die Jahre immer wieder und viel davon erzählt. Im Groove Magazin konnten Simon Geiger und Alexis Waltz mit den Cheap-Heads plaudern. Über Labelgeschichte und wichtige Platten. Vergangenheit und Zukunft.

Bruchstelle: Gerechtigkeit bei Spotify? Eine kritische Betrachtung (Kristoffer Cornils)

»Lautete der Slogan der Plattform kurz nach ihrem Start noch ‚Everyone loves music‘, heißt es nunmehr ‚Listening is everything’«, schreibt der Journalist und Autor Kristoffer Cornils für das Magazin DJ-Lab. Und: »Von Musik ist in der Unternehmenskommunikation also keine Rede mehr.« Was das genau für Musiker*innen und Hörer*innen bedeutet, lest ihr in diesem ausführlichen Kommentar über die Mechanismen von Spotify. Spoiler: It’s all about the mood, baby!

Full disclosure: Ich arbeite als Freelancer sowohl für mica, Groove als auch DJ-Lab.

… bevor wir auseinander gehen


Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

Lagos ✈ London ✈ Floridsdorf

Im Interview: Afroschnitzel. Außerdem: 28 Veröffentlichungen zwischen Gsiberger Zipfel und der Südosttangente. Und: Das weltgrößte Zine von Wien.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Radio Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: Gedanken zur Ästhetik von Twitch-DJs, 28x Untergründliches von Baller-Techno bis Garagen-Krach, von Epileptic bis Seayou (on the other side!) – und: ein Zine, so dick wie der Ikea-Katalog!

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Es existiert eine Welt innerhalb der elektronischen Musik, die nicht bei #UnitedWeStream, im Boiler Room oder auf Gletschern auflegt; die keinen Weichzeichner über ihre durchgestylten Lockdown-Streamings legt; und die vor allem keinen Techno zockt. Zumindest nicht solchen, für den manche Leute bis vor einem Jahr noch drei Stunden vor dem Berghain anstanden.

Ich spreche von einer Szene, die eigentlich keine ist und doch wie eine wirkt. Eine Szene, die sich gegen monochromes Existentialistenschwarz entscheidet und lieber den Partykeller ausmisst. Nicht, um auf der Plattensammlung von Papi rumzuscratchen, sondern um im Wohnzimmer der Lasershow vom Tomorrowland Konkurrenz zu machen.

Egal ob vor 25 oder 2500 Leuten, auf Twitch geht’s immer ab. Pünktlich zum Feierabend, kurz nach halb Drei, zum ganz normalen Reinkommen in den Tag – „Moin, moin, ihr Bratzen, was geeeeeht?“ Wer sich auf der Streamingseite in die Kategorie „Musik“ verirrt, stößt nicht nur auf automatisierte Radio-Streams, die 24/7 auf ärgstem Dubstep-Bumms rumeiern, sondern auch auf DJs. Männlich. Weiß. Im besten Porsche-Alter.

Das Wohnzimmer wird zur Schaltzentrale, dekoriert als Kommerzdisse, in der man die prägenden Stunden seiner Jugend versoffen hat. Laser schießen durch den Raum, Neonlichter glühen und der DJ vapt während Breaks wie eine Lokomotive zu Zeiten der Zwischenkriegszeit. Man klickt von einem Epilepsie-Wahnsinn in den nächsten, switcht von »Aloha-Feelings« rüber zu Gamern, die den Controller aus der Hand legen, um am Nachmittag »richtig geeeeeilen« Schranz in ihrem Privatclub rauszubügeln.

Ziemlich lustig, ne? I don’t know … für eine Bachelorarbeit über die »Ästhetik der Twitch-DJs« sollte dieser Take aber reichen!


Afroschnitzel im Grundrauschen-Interview

Ob solo als Ayotheartist oder im House-Duo Afroschnitzel – Ayo Aloba trommelt Polyrhythmen über Vierviertelbeats, dass man vor Freude im Gute-Laune-Fass plantscht. Nachdem er 2015 von London zurück nach Wien zog, gründete er mit mehreren Leuten das Kollektiv Sounds of Blackness, das zwischen Aktivismus und Awareness von der POC-Community auch explizit für sie veranstaltet. Ayo spielt aber nicht nur in der Musikszene eine Rolle, sondern auch als Schauspieler – zuletzt im Stück „Das Leben des Vernon Subutex“ am Schauspielhaus in Wien. Außerdem moderiert er die Sendung Harmattan auf Radio Orange.

Ayo, es gibt einiges zu besprechen. Dein Soloprojekt Ayotheartist, dein Duo-Projekt Afroschnitzel, deinen Werdegang von Nigeria über London nach Floridsdorf – und zuletzt hast du sogar vom Cover des Augustin gelächelt.

Ayo Aloba: Ja, es haben mich viele darauf angesprochen. Manche waren aber auch skeptisch auf die Art: »Eh schön, dass du deinen Medienrummel bekommst, aber es ist doch Lockdown!«

Klar, seit einem Jahr gab es fast keine Veranstaltungen mehr. Welche Erinnerungen hast du an das letzte Mal im Club?

Ayo Aloba: Zum Glück ist das gar nicht so lange her. Im Dezember gab es ein Projekt im Weberknecht, von dem aus ein Bekannter jede Woche Online-Streams gesendet hat. Bands spielten, ich legte auf. Allein mit diesen Keller-Vibes war das schon komisch, weil: Da stehen drei, vier Leute um dich herum und du sollst Party machen. Trotzdem: Die Sache war live, man muss sich vorstellen, dass ein paar Hundert reinklicken und die Energie dafür reinstecken.

War das ein Streamingangebot des Weberknecht?

Ayo Aloba: Warte, ich hab mich vertan! Es war das Reigen, dort sind die Keller-Vibes so ähnlich wie im Weberknecht … Um den Künstler*innen eine Plattform zu geben und der Wiener Musikszene einen Push zu geben, hat man dort im Dezember Streamings veranstaltet…

Das vollständige Interview mit Ayo gibt es bei mica zu lesen – und heute Abend ab 21 Uhr in voller Länge bei Grundrauschen zu hören.


Was diesen Monat rauscht

Ich lausch mich durch Österreichs Underground. Jeden Monat neu. Diesmal mit 28 Veröffentlichungen zwischen Ambient-Gedudel, Techno aus dem Hochofen und Vorarlberger Zipfelhubern.

V.A – »REMIXED: It’s Not Over Till You’re Under​/​/​Ground« (s/r)

BYDLs Debüt mit Knatter-Techno im Drone-Mode hatten wir hier schon. Jetzt gibt’s das Ding als Remix – fünf Klescher, für die sich die ganz Oargen zur Peaktime auf die Südosttangente spannen, um im tiefergelegten Fiat Punto die Fenster runterzukurbeln und ordentlich zu ballern. Bam, Bum, Bäm. Mit Wiener Elektronik-Eleganz von Kobermann, øFVCHS, Elfriede Blut, Annika Stein und Specific Objects.

L/R – »Every Beginning Is A New End« (Eclect)

Fixe Sache, Lucas Farr ist derzeit einer der spannendsten Producer Wiens. Auf Vienna Underground Traxx, als Breakbeat-Bastler, für das Irgendwas-mit-Kunst-Ding Eclect – wo der Gute mit Spezi Robert Schwarz an Synthis schraubt, entsteht eine Welt, die alles zwischen Twin Peaks und Metropolis in den Floating Tank steckt, den Deckel zuknallt das Teil mit Beton ausgießt. Tschau, Welt. Hällo, Leben!

Pamelia Stickney + Odes & Fragments – »Jatakas Suite« (s/r)

Weltstadt Fidel-tüdel-tralala. Pracht. Oder Prunk. Jedenfalls alles auf Kla – s – sik, keine postmodernen Expäriments, sondern bodenständiger Scheiß wie damals, als man sich die Perücken puderte! So! Pamelia Stickney, US-Amerikanerin und Theremin-Spielerin, packt den Bogen wieder ein. Und das Radio aus. Also, den Moog. Den/die/das Theremin, Orchester. Grande!

Murena Murena – »Death Piano« (Cut Surface)

Die Münchner Schickeria-Cowboys von Murena Murena haben zwei neue Songs draußen. Wer sich an das 2016er-Teil auf Cut Surface-Vorgänger Totally Wired erinnern kann, darf schon mal am Tremlohebel lutschen – die Platte erscheint im Mai. Davor: »Death Piano« oder: Sleaford Mods auf Ketamin!

Rosa Rendl – »Opportunity Lover« (Seayou Entertainment)

Wer Nenda als heißen Ötztaler Gletscher-Shit abfeiert, zur Mukke von Anthea schon mal eine Träne verdrückt und nix gegen Autotune im Autodrome hat, klopft zwischen Amanda Palmers Bekehrungsmissionen und »einem netten Abend mit Ed Sheeran« aufs Holz und zieht sich das neue Teil von Rosa Rendl rein.

me; the machines – »linkage« (s/r)

me; the machines macht Popsongs, die nach mittelschweren Magenverstimmungen im Kammermusikverein klingen, das Schnitzelkoma aber post-prophylaktisch mit fünf bis 15 Stamperln Nussen-Schnaps wegflöten. Klampfen. Stampfen. Huargh!

Paul Walter – »nofind EP«

Wer sich in der alten Sauna, im Sass oder in der Auslage rumtrieb, kennt den Namen: Paul Walter schöpft seit Jahren zwischen Bummel-House und Tröten-Techno an den Tellern. Mit »nofind« gibt’s wieder neues Bum-Tschak-Tralala-Bummsen aus der Kategorie »Ricardo Villalobos zieht aus Ekstase drei Lines auf dir«.

Otto Oscar Hernandez & Mandy Mozart – »Snaw Crosh« (s/r)

Werwolf, Teufel, Fegefeuer! Mandy Mozart, der eigentlich Tilman Porschütz heißt und in Wien an den Schnittstellen zwischen Acid Classic und Classic Acid laboriert, schickt Gustav Mahler durch Night City. Einen ordentlichen Poscher muss man dafür schon mitbringen, um im Metaversum nicht an die falschen Leute zu geraten. Wer sich dennoch reintraut wird belohnt. Do you trust me?

Ármin Jambor – »Crazier Out There« (s/r)

Mit freshem Jazz-Bachelor in der Tasche, bläst sichs locker aus der Hüfte. Jambor, der in Graz studierte, streichelt sein Tenor-Saxophon wie andere ihr Kätzchen. Zum Abschluss schenkt sich der Mann aus Bratislava selbst einen aus: Die erste Platte steht. As Hard-Bop as it gets!

Hydra Transmitter – »The Gathering Storm« (s/r)

Songs für Stürme. Oder den Sturm. Wenn Bohren & der Club of Gore die Benzos einstecken, greift Hydra Transmitter nach dem Auge des Sauron. Düsterer sieht nur die Corona-Bilanz von Tirol aus. Halleluja, ihr Gesalbten!

Keiji Otarii – »Dreams Are Fan Fiction Of Reality« (s/r)

Wenn Super Mario seine Zunge in ein paar geöffnete Chipmunk-Mäuler bohrt, drei Dosen 8-bit-Steroide verschluckt und sich von Peach den Hintern versohlen lässt, klingt das nach einer Menge Spaß. Und nach einem Retro-Flashback für alle, die nicht checken, wieso gerade alle Seemannslieder trällern.

DIE HUSBAND – »Besuch« (s/r)

Wer »Avant« sagt, muss »la lettre« sagen. Vielleicht auch »garde«. Irgendwie alles egal. Wenn sich der Wiener Kreis der Genialen Dilettanten für Kreisch-Krach-Klampf-Kabale zusammenkuschelt, hat man den Scherben auf. Im Garten Österreich, unter den Palmen, auf »Mutter Erde«. Pfiat eing!

Birgit Störm – »Prophet Remixes« (s/r)

Birgit Störm kommt aus Wien, singt und hat vergangenen Oktober ein Album veröffentlicht. »Prophet« hat alles, um in jeder Kuschel-mit-mir-bei-offenem-Kamin-Playlist zwischen Unterwaltersdorf und Bodensee zu landen. Ist es aber nicht. Oder doch? Ich hör den Namen von Birgit Störm jedenfalls zum ersten Mal. Mit der Remix-Edition ihres Albums dürfen fünf Producer*innen und sie selbst ans Eigenmaterial. Zwischen Baller-Techno und Bonobo-Geblubber alles dabei.

Random Fidelity – »Groove Astronauts« (phonux)

Weg mit den Zimtschnecken, her mit den Räucherstäbchen. Für eine Platte wie »Groove Astronauts« braucht man sich keine Traumfänger mehr ins Zimmer zu hängen, um Geister und Dämonen in die Stratosphäre zu pusten. Kopfmusik für die ganz waachen Heads.

Stator – »Zipfl Hütte« (s/r)

Schlins liegt in Vorarlberg. Vorarlberg ist schön. Schön ist ein bisserl Gitarrengezupfe und eine Stimme, bei der sich Bon Iver vor lauter Mountain-Panorama die Eier verzwirbelt. Man riecht die Wiesen, man melkt die Kühe. In der »Zipf Hütte« ist die Welt noch in Ordnung!

Brómus – »Time Whispers« (s/r)

Wer liest, was rauscht, kennt diesen Mann. Brómus vertont die Wiener Wälder, gibt ihnen ein Gesicht zwischen Tribal-Tradition und Drone-Delirium. Der österreichische celer der Ambient-Musik schleppt seine Mikros auch in der kalten Jahreszeit ins Nadelparadies. Applaus von den billigen Plätzen für so viel Courage!

Se Mustard Terrorists – »Japantour 2016 live« (epileptic media)

Krawall! Als Duo schmieren Pamina Milewska und Andreas (Google verrät mir deinen Nachnamen nicht!) in Linz der Bosna aus Salzburg die Röstzwiebeln ins Gebälk. Scharf wie Nieten aus Metall, geil wie Kartoffelsuppe zum Frühstück!

Thomas Lovelace – »Age of Exploration« (s/r)

Haben wir Techno unter der Tangentenauffahrt schon erwähnt? Ja eh, Corona macht das grad ein bisserl schwierig. Koit is ah! Sobalds wieder wärmer wird, schnallen sich die »jungen Leut’« aber ihre Fetzerln vor die Nase und tanzen im hohen Gras zu lustigen Substanzen. Bis dahin beglückt uns Thomas Lovelace noch mit einer Klodeckel-Weisheit: »‘If you can’t go outside, go inside’« Passt!

Papaya Rossa – »One« (s/r)

Wer immer das auch dahintersteckt, irgendwie hab ich das Gefühl, dass man von Papaya Rossa noch was hören wird. Da ist was im Busch, ich spürs im linken Nasenloch. Abonnieren!

Fabian Luttenberger – »Distance EP« (Rosso Tunes)

Von Rossa zu Rosso. Fabian Luttenberger führt mit Rosso Tunes ein Label für House, bei dem man sich mit dem Bluetooth-Kaschtl auf die Donauinsel haut, zwei Radler von der Biermafia stibitzt und einfach nur in die Wolken starrt. Stundenlang. Für immer.

eric arn – quarantunes series no.010 (s/r)

Eric Arn ist ein Genie an den Saiten. Der Mann streichelt seine Gitarren seit den frühen 80ern. Damals noch überm Teich. Seit vielen Jahren in Wien. Hört man Arn zu, will man sich drei doppelte Whiskys reinkippen, fünf Packerl Marlboro aufreißen und trotzdem allein am Tresen sitzen. Magic Hour, sag ich nur!

Baits – »Never Enough« (Numavi Records)

Hier zieht jemand den MTV-Vibe der 90s auf, um ihn mit vier Füßen am Fuzz-Pedal auf die österreichische Indie-Szene zu rotzen. Damit die Sache – jo, eh – auf der safen Seite bleibt, schwirren statt viralen Aerosolen nur Banger-Riffs herum. Diagnose: Ohrwurm-Potenzial im kritischen Zustand. Heilung verspricht nur: Noch mehr Hymnen, noch mehr Hooklines, bei denen der Hustinettenbär unter Einhaltung der Abstandsregeln durchs Wohnzimmer eiert.

Andreas Paragioudakis – »Sunset« (s/r)

Griechenland klingt – neu, anders, erfrischend (Copyright Berseker!). Und es klingt nach Andreas Paragioudakis. Der kommt aus Kreta, hat sich den Magister in Salzburg erspielt und schenkt sich Wein unter Olivenbäumen ein. Wahlweise in – achtung, scho wieder Gsiberg – Wolfurt oder beim Glatt & Verkehrt-Festival um Krems. Sirtaki für die Seele!

Black Marine – »Red Tears« (s/r)

Marina Vesic zwängt sich ins Korsett, greift in die Fledermaushandschuhe und lässt den Moog rauschen. Ein Hauch von Channel Number 5 und das musikalische Äquivalent von Kinderzeichnungen hat noch nie so verrucht geklungen!

FAINSCHMITZ – »Pizza Margherita« (s/r)

»Geh, schenk ma noch Fünf Achterl ein, aber in Ehren!« Ein Satz, den man kennt. Und vergessen hat. Wer sich nach bsoffene Gschichten im Wirtshaus sehnt oder einfach wieder mal zum Heurigen will, biegt bei Fainschmitz ab und schiebt sich die Tiefkühl-»Margherita« in den Ofen.

V.A. – »Anna96 Soli-Sampler« (Iltis Recordings)

Punk aus Salzburg lebt. Zwar nicht im Anna96 – das hat zu – aber auf Tape. Deshalb schickt man Soli nach SZB und lässt fünf Kröten rüberwachsen. Für die Sache, für den Punk!

Death by Delirium – »Pandemiemüdigkeit« (s/r)

Zoom-müde. Quarantäne-müde. Pandemie-müde. Irgendwie hat niemand mehr Bock auf den Schaß. Trotzdem bleib ma solidarisch! Death by Delirium hat sich mit »Pandemiemüdigkeit« jedenfalls in der Strozzigasse umgesehen, ein schönes Schild fotografiert und zwei Songs produziert, mit denen man den depperten Nachbarn ein Privatfestl schmeißt. Tschau, tschau!


Weiterhören, weiterlesen, weiterdenken

Das AU gehörte in die Brunnengasse wie Typen, die Deleuze im Online-Seminar für Post-Dilettanten zitieren. Seit 2019 gibt’s den Club-Bar-Ausstellungs-Space nicht mehr. Über sieben Jahre fanden in der outerspacigsten Schuhschachtel Wiens über 2000 Konzerte, Lesungen, Performances, Diskussionen und und und statt – ohne Förderung, bei freiwilliger Spende. Das war in Wien einmalig, das fehlt bis heute.

Mit dem AUZINE liefert Mikal Maldoror nun das fetteste Zine in der Geschichte der Zines ab. Es dokumentiere nicht nur die sieben Jahre im AU, sondern auch »die vielen multi- und subkulturellen Facetten der Wiener Szene und was es eigentlich heißt, in dieser Stadt sein Leben und Schaffen dem Underground zu widmen.« Über 100 Autor*innen, Fotograf*innen und Illustrator*innen haben sich ausgetobt, 133 Unterstützer*innen krautfoundeten mit – das Ergebnis: 546 Seiten Wiener Untergründlichkeit! Zu haben unter: info(at)viennau.com


… bevor wir auseinander gehen

die Wettervorhersage für den morgigen Mittwoch:


Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

Über Stock und Stein

Walk-Talk durch Schönbrunn, die Neue von Frischauf und 23 Veröffentlichungen aus dem Ö-Underground.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Radio Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und schaffe Raum fürs Rauschen.

Heute im Newsletter: Vier Absätze Kopfgärtnerei, ein Interview mit Conny Frischauf, 23 neue Veröffentlichungen aus Österreich, Gaming-Musik-Madness und ein Bänger!


Grundrauschen zum Tag

Bald ist es ein Jahr her, dass ich einen Club von innen gesehen habe. Zum Feiern. Mit Menschen. Im selben Raum. Der Gedanke daran wirkt eigenartig fremd. Schwitzend in der Masse und doch für sich zu tanzen. Ohne Masken, ohne Abstand. Wehmut schwingt Wehmut mit, wenn ich darüber nachdenke. Die Nächte, in denen man den Alltag hinter sich lassen konnte, sind verschwunden. Bleiben es. Werden nicht mehr wiederkommen? Wenn sich kurz Zuversicht einmischt, weil man sich einredet, dass es schon irgendwann wieder gehen wird, holt einen zwei Klicks später Ernüchterung ein. Meldungen über neue Virus-Mutationen, den nächsten Lockdown, die Idioten vom Heldenplatz. Es ist zum Heulen.

»Weißt du noch, das letzte Mal in der Forelle/Im Werk/fluc oder Venster??« ist ein Satz, der wie ein melancholisches Bruchstück einer Vergangenheit in der Gegenwart nachhallt und sich aus Spuren speist, die langsam verwischen, bis nur noch Rauschen übrigbleibt. Rauschen, das sich nicht auflöst, zumindest nie ganz. Denn die Erinnerung hat sich festgefressen in den Köpfen derjenigen, die sich einmal im Club, in diesem ganz eigenen Raum mit seiner ganz eigenen Zeit verloren und wiederentdeckt; die in ihm nicht nur getanzt, sondern sich bewegt haben, um ihn als Möglichkeitsraum zu erforschen.

Das ist schnell gesagt. Aber was macht einen »Raum« zu einem »Möglichkeitsraum«, zu einer »Möglichkeitsmaschine«, zu einer fragilen Konstellation, die man nur »umschreiben« und niemals »beschreiben« kann, weil jede Fixierung, jede Definition, jede »Zuschreibung« der Erfahrung seiner Wahrnehmung widersprechen würde? Vielleicht ist es die unbeschreibbare Tatsache, dass der Club die Zeit aussetzt, sie ritualisiert und in »Science Fiction« verwandelt, nicht aber, um bedingungslos nach vorne zu blicken oder sich in utopischen Szenarien zu verlieren, sondern um die Gegenwart zu verzerren, den »present shock« aus einem Moment des Gegenwärtigen zu provozieren und damit ein Feedback zwischen bevorzugter Zukunft und werdender Gegenwart zu produzieren, es gleichzeitig zu konsumieren und damit zu »erleben«.

Ja, vielleicht ist der Club das gelebte Entstehen im »Zeitraum«, ein Zusammenprallen von Bewegungen, Geschwindigkeiten und Intensitäten, die aus sich heraustreten, um nie wieder zu existieren, aber empirische Ereignisse erzeugen, denen ein immanntes Potenzial, die Möglichkeit eines räumlichen In-der-Zeit-Seins genauso zukommt wie ein zeitliches In-den-Raum-Treten. Das lässt sich nicht beschreiben. Wie auch, wenn sich die Vernunft im Trockeneisnebel verliert, bevor sie sich auflöst wie Kristalle im Magen?


Über Stock und Stein – Conny Frischauf im Interview

Conny Frischauf schreibt Melodien für Menschen, die sich nach einem Seuchenjahr noch gspürn – oder wieder gspürn wollen. Dafür muss man auf die Couch, denn die in Wien lebende Künstlerin und Musikerin triggert mit ihrer Debütplatte für Bureau B einen Flashback in die Kindheit. Bauklötze stapeln, Sand futtern, einfach nur existieren, ohne fürs TikTok-Portfolio performen zu müssen. Man kennt das, weil man’s schon wieder vergessen hat. Picasso soll gesagt haben, dass er ein ganzes Leben gebraucht habe, um wieder so malen zu können wie in der Regenbogengruppe. Conny Frischauf braucht dafür eine halbe Stunde.

Altersempfehlung von »Die Drift«: vom ersten Milchzahn bis zur letzten Kukident-Tablette. Zehn Tracks bimmeln über Pop-Pisten, kreiseln in Sprach-Schleifen und bohren der Ästhetik des Mainstreams den Corona-Test in die Nase. Um drei Mal umzudrehen und das Gehirnstaberl wieder rauszureißen. Unkontrollierte Gesichtszüge. Tränen. Ein Gefühl, dass gerade so geil ist, dass man nach einer Woche wiederkommt, um sich vom nächsten Bundesheerler penetrieren zu lassen. Von vorne, nasal. Eh klar.

Damit ist alles gesagt und nichts. Passt aber, weil alles in Bewegung ist. Immer. Der dialektische Schlendrian umarmt persönliche Integrität, die Liebe zum Alten setzt sich im Neuen zusammen, das Gedankenroulette rotiert. Rien ne va plus, nichts geht mehr. Die Kugel fällt. Die Scheibe dreht sich. Jemand schreit »Bingo«. Wir driften.

Noch vor dem Jahreswechsel habe ich Conny Frischauf zu einem Walkie-Talkie in Schönbrunn getroffen. Es war nass und stürmte. Ideale Bedingungen für ein Gespräch über das Driften im Gedankenroulette, Kindergartensongs und Selbstpräsentation in sozialen Medien.

Wir treffen uns zum Spaziergang in Schönbrunn. Warum hier?

Conny Frischauf: Spaziergehen tut gut. Außerdem treffen wir uns draußen. Innerstädtisch etwas Weitläufiges zu finden, wo man seine Ruhe hat, ist gar nicht so einfach. In Schönbrunn geht das aber.

Ich war nach dem ersten Lockdown für eine Führung hier. Das Einzige was hängengeblieben ist, ist die Geschichte mit der Teebutter. 

Conny Frischauf: Welche Geschichte?

Wieso die Teebutter Teebutter heißt.  

Conny Frischauf: Weil … sie zum Tee gereicht wurde?

Weil sie von der Teschener Erzherzöglichen Butter kommt. Das aber nur am Rande, weil Butter sich als – zugegeben – furchtbar schlechte Metapher für dein Album eignet: Mit „Die Drift“ rutscht man wunderbar ins neue Jahr hinein. Das waren aber sicher nicht deine Gedanken. 

Conny Frischauf: Ich habe mich im letzten Jahr viel mit Wasser und Wind auseinandergesetzt. Die Drift ist ein spannendes Moment, das passiert, wenn der Wind auf Wasser trifft und dadurch neue Bewegungen auf der Wasseroberfläche entstehen. Es ist ein Zusammenkommen von Elementen, bei dem neue Formen entstehen.

In welchen Situationen hast du dich damit auseinandergesetzt? 

Conny Frischauf: Unter anderem war ich vergangenen Sommer in Marseille, wo ich für einen kurzen Experimentalfilm Umgebungsgeräusche aufgenommen habe. Mit diesen Aufnahmen und weiteren Klängen, die in Wien entstanden sind habe ich den Film vertont. Aber die Auseinandersetzung mit Wasser an sich war das ganze letzte Jahr sehr präsent, auch in meinen visuell-künstlerischen Arbeiten und in einer theoretischen Auseinandersetzung.

Was ist an Wasser spannend? 

Conny Frischauf: Wasser hat eine ganz eigene sichtbare Materialität und nimmt die Formen der Körper an, die es umgeben. Da spielen viele andere Gedanken mit hinein, die hier zu weit führen würden.

Du kannst dir gerne Zeit lassen.

Conny Frischauf: Wenn man als Mensch ins Wasser hineingeht, passt sich das Wasser diesem Körper – und auch allen anderen Körpern, die sich im Wasser befinden – an. Dabei ist es nicht nur spannend, wie sich Wasser aufgrund geologischer Gegebenheiten verhält, sondern auch wie es in unterschiedlichen soziokulturellen Praktiken eingebettet ist.

Was meinst du damit? 

Conny Frischauf: Wie Wasser sich in der Wahrnehmung des Menschen verändert hat. Wie es im Alltag verwendet wird und welch unterschiedliche Praktiken im Laufe der Zeit entstanden sind.

Welche Veränderungen sind das? 

Conny Frischauf: Dass Wasser reinigt als wichtige medizinische Erkenntnis, zum Beispiel. Damit geht eine Form von Hygienemaßnahme in der Gesellschaft einher – und das Aufkommen von frühen Wellness-Formen. Es entstanden Heilbäder und Wasser wurde immer mehr zu einem Synonym für Erholung und Gesundheit. Darauf konnte jedoch nicht jede Person zugreifen, weil es nur gewissen Gesellschaftsschichten vorbehalten war. Zwar hat sich das schon maßgeblich verbessert, aber dennoch ist der Zugang zu Wasser generell für viele Menschen nicht möglich, was gesellschaftliche und politische Folgen hat. Ganz abgesehen davon, welche ökologischen Schäden dabei entstehen. Mittlerweile ist auch klar, dass diese Ressource irgendwann erschöpft sein wird.

Wie legst du die Ästhetik des Wassers auf deine künstlerische Arbeit um? 

Conny Frischauf: Es gibt eine Auseinandersetzung, weil mich verschiedene Inhalte daran faszinieren. Aber ich kann es nicht einfach übersetzen, da es keinen konkreten konzeptuellen Ansatz gibt. In der Beschäftigung wird diese Teil meiner Arbeit und dessen, was sich aus ihr ergibt. Man denkt anders über gewisse Dinge oder bekommt neue Perspektiven.

Du hast vorhin auch den Wind erwähnt. Welche Perspektiven ergeben sich aus ihm?

Conny Frischauf: Als generelles Thema und in Kombination mit Wasser, wobei ich mich mit dem Wind nicht auf dieselbe inhaltliche Art und theoretische Weise wie mit Wasser auseinandergesetzt habe.

Welche theoretische Auseinandersetzung bedingt der Wind? 

Conny Frischauf: Man kommt von einem Thema zum anderen. Ich lese etwas, bewege mich wohin, schaue mir Neues an – es ist eine Spirale an Dingen, die entsteht und in der man sich treiben lassen kann, wenn man sich darauf einlässt.

Ein Treibenlassen wie auf Wellen. 

Conny Frischauf: Ja, die Drift hat auch mit Treiben zu tun, sie ist nicht nur der Wind, der sich auf der Wasseroberfläche bewegt, sondern hat auch mit Treibholz und dessen Bewegungen zu tun. Es ist alles und nichts. Weil es eh beides immer gleichzeitig ist.

Das ganze Interview läuft heute auf Grundrauschen und ist bei mica erschienen.


Was diesen Monat rauscht

Auvinen – »Akkosaari« (Editions Mego)

Neue Platte von Tin Man – ohne die gepressten Smileys aus den Pillen zu lutschen und trotzdem auf Acid und unter eigenem Namen: Johannes Auvinen zerdeppert zwischen drei Stunden mit Tarkovskys »Stalker« und dem Back-Catalog von Pan Sonic drei Platten von Jean-Michel Jarre und gießt die finnische Sauna mit Sliwowitz auf.

Aze – »Dead Heat« (s/r)

Drei Uhr morgens, noch immer nicht geschlafen – aber diese Platte gehört. Vielleicht ist es das Gefühl der Nacht oder einfach nur chronischer Schlafentzug aber – hach – wenn Ezgi Atas und Beyza Demirkalp ins Mikro säuseln, hate ich nie mehr gegen Berufsjugendliche auf Jugendsendern und kann sogar verstehen, warum man fürs Fotoshooting die Drangler-Bar im Siebten appropriiert. Die Gentrifizierung bin ich!

Mario Rom’s INTERZONE – »Eternal Fiction« (Traumton Musikverlag)

Bock auf Jazz, der einem die Ohren durchputzt wie unverdünntes Listerine aus der Abteilung für Naturkosmetik? Mario Rom, der mit Lukas Kranzelbinder und Herbert Pirker die Interzone eruiert, trötet auf seiner Trompete solange herum, bis nicht nur die Horcherln, sondern auch alle anderen Organe ausreichend penetriert wurden. Kann man geil finden und sich trotzdem für den Zigarrendampf der verjazzten Hochkultur schämen.

DREGS – »built to rot EP« (Refuse Music)

Apropos Ohrenspülen. DREGS aus Wien sind ein Hardcore-Vierer, der straight-edge auf die Zwölf ballert und trotzdem nicht so klingt, wie ein steckengebliebenes Punk-Projekt aus den 90ern. Wer schon mal das Vergnügen hatte, die Gesalbten live zu erleben, klaut beim Heimgehen zwei Mercedes-Sterne und baut sich daraus keine Kette. Yolo!

Vinzenz Schwab – »She took a bucket full of muck, mud and ashes« (smallforms)

Nach drei Runden im Moshpit wieder was aus der Abteilung Thomapyrin für Heads von Heads. Vinzenz Schwab macht Computermusik, bastelt also an Patches herum und lässt es – hust – rauschen, dass es eine helle Freude ist. Für die Wiener Leute von smallforms läutet er das neue Jahr mit 20 Minuten Endzeit-Stimmung ein. Garantiert ohne Weihrauch-Geschwenke!

flimmer – »cirrus« (s/r)

Ambient ist eine Entscheidung, im besten Fall eine Religion. Die einen ballern sich für zwei Stationen in der U-Bahn eine Stress-Medidation rein, checken auf der Rolltreppe ihren Resilienzratgeber und schütten sich literweise Yoga in Tropfenform rein. Die anderen lehen sich zurück, schalten die Musik von flimmer ein und wünschen sich … nichts.

Christina Ruf & Markus W. Schneider – »264 Hours of Sleep«

Was kann mit verzerrter Gitarre und elektrischem Gefiedel schon falsch laufen? Eben. Christina Ruf hat sich als Experimental-Cellistin einen Namen gemacht, Markus W. Schneider (das W steht für Widerspruch) als Impro-Gitarrero – zusammen haben sie zwischen erstem und, äh, dritten (?) Lockdown Aufnahmen hin- und hergesmasht. 264 Stunden schlafen, dann ist wieder Sommer!

Johnny Geiger – »Human« (Epileptic Media x Cut Surface)

Johnny Geiger lebt in Linz, werkelt bei POSTMAN und Musheen und fabriziert solo luzide Tagträume, bei der man die Rollläden der Welt für die Dauer von fünf Tracks runterlässt. »Human« ist eine Schmuckkiste, ein Geschenk, das wir eigentlich gar nicht verdient haben. Danke Geiger! Danke epileptic media! Danke Cut Surface.

Sky Burrow Tales – »Seafarin’ & Backporchin’« (Feathered Coyote Records)

Was epileptic media für die Linzer DIY-Szene ist, schärft Feathered Coyote Records mit psychedelischen Pilzen aus dem Wienerwald nach. Swantje und Ulrich Musa-Rois packen auf ihrem ersten gemeinsamen Album (gibt’s auf Vinyl!) die Wolkenmaschine aus und fürzeln die schönsten Gebilde in den Himmel. Bitte niemals aufhören!

Various Artists – »Es Brodelt in der Kernzone 100« (Vienna Underground Traxx)

Bei all der frommen Schwelgerei könnte man glatt darauf vergessen, dass es in Wien noch Subwoofer gibt, die in Clubs darauf warten, ordentlich durchgepustet zu werden. Die lieben Leute von Vienna Underground Traxx verkabeln nicht nur das Streckennetz der Wiener Linien, sondern sorgen auch dafür, dass sich die U-Bahnen weiter durch die Nacht bewegen. Mind the gap, please!

Ruinen – »Ruinen der Gegenwart« (s/r)

Während Taylor Swift ihre Folklore-Appropriation verkackt, bügeln Ruinen die Lederjacken: Noise, Doom und Black Metal, der aus norwegischen Nadelwäldern stammen könnte, aber irgendwo in Wien gipfelt – wahlweise einzeln aufgebahrt oder gemeinsam im Sarkophag verpackt. »Fuck fascism« in die Release-Beschreibung zu hämmern, schadet übrigens auch 2021 nicht. Sollte man sich merken!

Tiny Crater – »A Play With Bodies« (s/r)

Tiny Crater ist Johannis Baer Strysl und verschwurbelt den eh schon schwammigen Pop-Begriff bis zur Auslöschung. Es bleept und klackert, düdelt und klatscht, dass sich Diedrichsen vor Entsetzen das Haupthaar ausreißt. Das Gesäusel ist eine einzige dilettantische Katastrophe und gerade deshalb ziemlich so geil wie veganes Zwiebelschmalz. Halb Oper, halb Epiphanie – 100% Verstörung!

The Smilling Buddhas – Acoustic Postcards (s/r)

Wer die Neujahrsvorsätze Mitte Jänner mit ein paar Pillen zum Mate runtergespült hat, darf sich wie ein lächelnder Buddha unter die Autobahnbrücke pflanzen und von Sehnsuchtsorten wie Barcelona, Rotterdam und Hamburg träumen. Der Linzer Fadi Dorninger beglückt uns mit Postkarten, die die Österreichische Post ausnahmsweise nicht vergessen kann. Mit den akustischen Dingern vermeidet man nicht nur den gelben Zettel im Briefkasten, sondern klatscht sich im Vierviertelgestampfe auch noch vor Geilheit auf den Bauch. Huh-hah!

Silent Cubes – »10 Years« (s/r)

Nothing wrong mit Dubstep und seinen Technomutationen in 2021. Silent Cubes mischt seit zehn Jahren abgelaufenen Ingredienzien zusammen, verschreibt die doppelte Menge und legt nach der Inventur trotzdem noch was drauf. Feine Sache, wo darf man einchecken?

Скубут (Skubut) – »Меланхоличен« (s/r)

Es gibt kalte Winter in Wien. Und es gibt Russland. Sinkt das Thermometer, steigen die Promille. Die Stimmung bleibt trotz Wodka-Bull aber angespannt und … kühl. Skubut hat den Kälteschock schon hinter sich und lebt inzwischen in Wien. Die sanfte Brise aus Sibirien reicht aus, um den Eistraum auf die Donau zu verlegen.

Basic Reaction – »Rhythm of Space« (s/r)

Was haben wir über Dubtechno gesagt? Genau, geht immer! Vor allem, wenn jemand was davon versteht. Basic Reaction lebt in Wien, sein echter Name bleibt noch (gut gehütetes) Redaktionsgeheimnis. Mit »Rhythm and Space« dürfte Moritz von Oswald jedenfalls ein paar verhallte Gedächtnis-Akkorde in den Basic Channel hauchen. Pure Bliss, sag ich ja!

Thyklos – »too good for human ears« (s/r)

Heilige Scheiße, 2021 hat den ersten Preisträger für das Stipendium der Genialen Dilettanten. Ich weiß nicht, wer Thyklos aus Graz ist, aber der Mann mit der nasalen Grummelstimme klopft acht Tracks raus, bei der man nicht so genau weiß (oder wissen möchte), ob ein Zweijähriger sich an Ableton vergangen hat oder jemand verdammt viel Freude an der absurden Albernheit des Lebens mitbringt. Anders kann man sich Sätze wie »Meine Kraft kommt aus meinen Mitmenschen, sie versorgen mich mit Kraft und Tradition« nicht erklären.

Michele Spanghero – »loopdown« (bb15)

bb15 ist eine alternative, nicht-kommerzielle Location in Linz. Im Rahmen von Residencies entstehen künstlerische Projekte, zuletzt von Michele Spanghero. Der italienische Sound Designer hat die Möbelmusik aus ihrem Tiefschlaf gerissen und einen Loop gebaut, der gleich bleibt und – Achtung Dialektik! – sich doch verändert. Gutes Projekt, schöne Sache!

Calais – »Ennui« (s/r)

Wieder Linz. Wieder Kopfgärtner-Mukke. Drones grummeln durch Verstärker, das Feedback brummt bis Ried im Innkreis. Alles paletti, soweit!

Frin – »Y EP« (s/r)

»Experimentellen Dream-Pop« versprechen Frin, ein zum Neujahrsauftakt gegründetes Quartett aus Wien. Besonders gut: Dietlind Zehetgruber mit einer Röhre, die zwischen Sinéad O’Connor und Haley Fohr ins Nasenfetzerl rotzt. Ich sage nichts, nicke und leite weiter – demächst wohl im Sumpf ihres Vertrauens.

Clemens Denk – »Reserviert« (Cut Surface)

Die Magnetic Fields hatten 69 Love Songs, einem »politisch sensiblen Nonkonformisten« (Thomas Raab) wie Clemens Denk genügen 44 Ausfallschritte, um über die Liebe nachzudenken und dann doch was anderes zu schreiben. Oder so.

Mala Herba – »Demonologia« (Aufnahme und Wiedergabe)

Die Wiener Exportweltmeisterin in Sachen Darkwave hat die Discokugel angeworfen. Während irgendjemand die alten Italo-Schinken auf doppelter Geschwindigkeit rauswürgt, schmust Zosia Holubowska mit Geistern der Vergangenheit in dunklen Clubecken.

Gashtla – »Flight Mode« (s/r)

Florian Wörgötter besitzt einen Magister und baut Beats. Damit hat er manchem Proponenten aus Politik und Wirtschaft nicht nur einiges voraus, der Mann checkt auch noch Samples von Krankl (Kurtrazelli-Style aber auf geil!) und jazzt sich durch die »Netflix&Chill«-Playlisten für Twentyfor-Seven-Aufzugsmukke. Wie sagte man so schön: Beats von Ashtla sind wie Seepocken an der Seite eines Tracks, sie verlangsamen uns!


Weiterhören, weiterlesen, weiterdenken

Gaming ist groß! So groß, dass es Musik mittlerweile als wichtigsten Aspekt einer (wie auch immer definierten) Jugendkultur abgelöst hat. 180 Milliarden Dollar soll der weltweite Gaming-Markt in einem Jahr ausmachen. Eine Zahl, die nach oben schnellt, weil immer mehr Leute den Controller in die Hand nehmen. Ein Drittel der Weltbevölkerung hat im vergangenen Jahr an der Konsole, am Handy oder Computer gezockt. Niemand geht ernsthaft davon aus, dass es 2021 weniger werden. Die Pandemie hat außerdem zu einem Boost auf Streaming-Portalen geführt. Soll heißen: Wer zockt, streamt gerne. Wer streamt, zockt gerne. Eine Rechnung, für die man sich nur durch Twitch klicken muss. Gamer*innen sind ein engagiertes Publikum. Sie erwarten immersive Erlebnisse. Dafür braucht es Interaktion, bei der stinknormales ~Musik-Streaming~ nicht mithalten kann. Deshalb leckt sich das Music-Business alle Finger, wenn man – wie in Cyberpunk 2077, Fortnite oder GTA V – die Musik(konzerte) ins Game implementiert. Für Gaming- und Musikfirmen macht es Sinn, die beste beider Welten zu suchen und sie zu verbinden, um das Engagement in ihren einzelnen Bereichen zu steigern. Sie treten zwar gegeneinander an, haben aber gecheckt, dass sich in feindlicher Koexistenz mehr Kohle scheffeln lässt als in freundlicher Konkurrenz. Was übrig bleibt, ist die Simulation einer Realität, die es bald nicht mehr geben könnte.


… bevor wir auseinander gehen

ein Bänger für alle Davellas!


Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator bei Grundrauschen. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

»Wahrlich Fuck You Du Sau« oder: Danke für nichts, 2020

gebenedeit sei die Wut unseres Lebens – Interview mit Lydia Haider und ihrer Familienkapelle sowie neues aus dem Ö-Underground.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter, der einmal im Monat zur gleichnamigen Sendung auf Radio Orange 94.0 erscheint. Hier bespreche ich Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Lieblingsstücken und lass Gedanken rauschen, die in der Sendung zu kurz kommen.


Grundrauschen zum Tag

Er ist wieder da: der Flachmann! Das kleine, glänzende Survival-Tool für gepflegten Alltags-Alkoholismus erfährt während nachmittäglicher Regenerations-Ausflüge eine kleine Renaissance in Brust- und Manteltaschen. Schließlich fetzt der Kinder-Punsch To-Go mit zwei, drei Schlucken Inländer einfach besser und schmeckt nicht nur nach ausgelassenem Weihwasserbecken und dem Angstschweiß von Messdienern.

Wer weder mit verzuckertem Wein noch mit kirchlichen Transpirationen was anzufangen weiß, starrt in diesem Jahr mit passiv-aggressiver Charme-Offensive in einen Laptop-Bildschirm und weiß nicht, ob man jetzt den Ikea-Katalog durchblättert oder eh nur dem verschissenen Kollegen ins Wohnzimmer spechtelt. Weil’s eh schon wurscht ist, köpft man noch zwei Flaschen Schampus, prostet Menschen zu, die »immer positiv bleiben« sagen, because »haha«, und nimmt sich fest vor, zum Jahreswechsel statt Raketen nur sich selbst ins Jenseits zu schießen.

Das ist natürlich kein Aufruf zum stumpfen Besäufnis. Sondern eine Empfehlung zur besinnlichen Reflexion. Wer dieses Jahr die Zwangsbesuche mit der Familien-Bagage aus solidarischen Sicherheitsgründen abbläst, hat den ganzen lieben Tag sowieso nichts Besseres zu tun. Und allen anderen, die sich beim Massentest den Freifahrtschein zur Totaleskalation in der Shopping City lösen, sei schon heute ein besonders nettes Platzerl in der Hölle reserviert.

Dass das Feuer dort besonders flauschig lodert, können die lieben Engerln von gebenedeit, der »literarisch-liturgischen« Familienkapelle aus Wien, nicht wissen. Als mit der Wahrheit Gesalbte sprengen Lydia Haider, Josua Oberlerchner und Johannes Oberhuber allen Ungläubigen den Schmalz aus den Ohrwascheln, kippen Messwein nach und verstopfen den Schaß mit zwölf Semestern im Priesterseminar. Deren Debüt-Platte »Missgeburt. Macht eine Messe« erschien zuletzt auf Problembär Records – unter anderem mit dem wunderbar paradigmatischen Stück »Die Viren sollen krepieren«. Ab 21 Uhr hören wir ein Gespräch mit den drei gebenedeiten, das ich gemeinsam mit dem Innsbrucker Journalisten und Germanisten Benjamin Stolz aufgezeichnet habe.

Schwenkt den Weihrauch, holt euch die letzte Salbung. Bei Grundrauschen wird heute zur Selbst-Kasteiung geladen!


»Der Stephansdom ist schwer zum Anzünden« – Interview mit gebenedeit

»Die Viren sollen krepieren, die Leichen sollen sich schleichen.« gebenedeit, ein amtsbekannter, ketzerischer Familienchor aus Wien, liefert zum Jahresende den passenden Gottesdienst für ein beschissenes Jahr: Bachmannpreisträgerin und Chefpredigerin Lydia Haider mimt die fluchende Edelfeder, Lebenspartner Josua Oberlerchner und Schwager Johannes Oberhuber lassen mit monotonen Drums und Synthies Mark E. Smith und The Velvet Underground wiederauferstehen. Zwischen den Tracks riecht es nach Diskurspunsch und Schwefel. Sängerknaben werden aus der Manson Family rekrutiert und das Weihwasser in Salpetersäure verwandelt. Spätestens beim Sanctus (»Falsche Sau«) erkennt man, dass Blasphemie auch heute noch Spaß macht. Hell yeah!

Den Ausdruck »gebenedeit« kennt man aus dem »Ave Maria« und verbindet man mit kirchlichem Zeugs. Wie passt ihr da rein? 

Lydia Haider: Ich war katholisch. Da weiß man das eh. 

Josua Oberlerchner: Ich komme aus dem protestantischen Eck. Mein Vater war Pfarrer und ist jetzt im Ruhestand. Im Protestantischen ist das differenzierter, ohne Rituale. Da wird man subtil Gehirn gewaschen, dafür effektiver und nachhaltiger. 

Johannes Oberhuber: Ich decke dafür den freikirchlichen Bereich ab, der ähnlich ist wie der protestantische und sehr auf die persönliche Beziehung zu Gott abzielt. 

Wann kam die Abkapselung? Mit dem ersten Mal Punk? 

Josua Oberlerchner: Eher Black Metal. 

Black Metal hat auch etwas Religiöses.  

Josua Oberlerchner: Ja, aber es deckt die komplette Gegenseite ab. Das ist pubertäres Aufbegehren. Natürlich sucht man sich da das Extremste raus. Das ist halt norwegischer Black Metal mit Kirchen anzünden und so. Schirche Covers, verkehrte Kreuze und überall die 666. Da war sie irgendwie aufgelegt, die Rebellion. 

Lydia Haider: So einfach ist es zu rebellieren. 

Johannes Oberhuber: Früher war das einfach. 

Mittlerweile schert das niemanden mehr.

Lydia Haider: Naja, wenn man eine Kirche anzündet schon. Generell, wenn man etwas anzündet. 

Josua Oberlerchner: Der Stephansdom ist so schwer zum Anzünden. Der ist aus Stein.  

Lydia Haider: Aber darum geht es uns ja gar nicht. Wir wollen weder etwas anzünden noch irgendwas gegen etwas machen. Wir sind die Überhöhung des Ganzen. Wir sind das Christliche. 

Also die totale Überaffirmation. 

Lydia Haider: Von außen kann man das so beschreiben, aber innen ist es anders. 

Wie ist es innen? 

Lydia Haider: Innen ist es die Wahrheit, dieses im Volk, im Christlichen sein. Zu diesem Ausbreiten auf alle anderen, die den Funken noch nicht haben oder spüren – dazu könnte man vielleicht ‘anzünden’ sagen. Natürlich wollen nicht alle die Erlösung. Aber die sind selber Schuld. 

Wieso wollen manche Leute keine Erlösung? 

Lydia Haider: Warum wollen die Leute nicht dorthin abbiegen, wo’s richtig wäre, warum biegt die Menschheit immer wieder falsch ab? Vielleicht braucht das der Mensch, weil es sonst zu leicht wäre. Man geht lieber den steinigen Pfad. 

Zum Beispiel in einer Messe. Die ist nicht nur religiöser Ritus, sondern auch ein musikalisches Kunstwerk. Wie mächtig sind Form und Inhalt, speziell in eurer Musik?

Josua Oberlerchner: Ich finde Form extrem wichtig. Wir haben das ganze Album live aufgenommen – mit Orgel und Schlagzeug. Den Aufbau und das Rituelle kann man nur live mitbekommen. 

Lydia Haider: Dass man Inhalt und Form trennt, stört mich generell. Das ist etwas typisch Männliches, etwas typisch aus der Geschichte so Übernommenes. Wir vereinen beides. Ich arbeite daran, dass man die Trennung von Inhalt und Form überhaupt nicht mehr denkt. 

Johannes Oberhuber: Ich glaube auch nicht, dass man das trennen kann. Bei einem Kirchengebäude geht das eine ohne das andere nicht. Die Sachen gehören zusammen und sind nur so zu verstehen. 

Lydia Haider: Kein Gebäude ohne Messe und keine Messe ohne Gebäude. 

Johannes Oberhuber: Die Form muss eine Autorität vermitteln und die inhaltliche Ebene genauso. Dort, wo die Form filigraner wird, kommt der Inhalt stärker durch. Das changiert hin und her und ist in Summe eine sehr mächtige Erscheinung. 

Was changiert bei euch? 

Lydia Haider: Da changiert gar nichts, bei uns ist alles eins. Man muss das viel mehr mit Emotionen angehen und nicht mit Verstand, muss das Ganze in der Emotion verstehen und sich darin weiden und baden, als würde man ein gerade geschlachtetes Schaf aufmachen und sich hineinlegen. Es geht gar nicht mehr darum, was wichtiger ist – das Schaf oder ich –, weil da ist man eins. 

Josua Oberlerchner: gebenedeit ist sehr inklusiv und offen für alle, nicht exklusiv wie die Kirche. Jede*r kann kommen.

Das vollständige Interview mit gebenedeit gibt’s ab 21 Uhr bei Grundrauschen auf Radio Orange 94.0 zu hören und demnächst bei mica zu lesen.


Was diesen Monat rauscht

Conny Frischauf – »Die Drift« (Tapete Records)

Die beste Platte von 2021 schon jetzt hören, geht nicht? Doch, doch, das geht. Mit Conny Frischaufs »Die Drift« erscheint im kommenden Jänner ein Album auf Tapete, das man trotz Eh-scho-Wissen am liebsten in aller absurden Verspieltheit abbusseln würde. Roulette am Morgen, Roulette am Abend. Mehr Liebe geht nicht!

Bydl – »It’s Not Over Till You’re Under//Ground (Ternär)

»Anti-diskriminierende« Musik verspricht Bydl, ein aus Vorarlberg stammender Schla-Wiener, mit seiner Debüt-EP – und schießt eine Platte raus, die aus freien Stücken in den Abgrund springt. Oder den Abgrund aufmacht. Ihn schließt. Ach was, der Abgrund ist! Techno, so düster wie Heim-Quarantäne im Souterrain.

Lowlands – »Recording Studio« (s/r)

Sechs Tage, sechs Lieder, ein Mikrofon – die guten Buben rund um die Wiener Schrammelgruppe Lowlands haben sich vergangenen Sommer ins »Recording Studio« verzogen. Fuck the sun, und so. Sonst aber alles ziemlich edgy, was Gregor Tischberger, Wolfram Leitner und Stephen Mathewson irgendwo zwischen dem heimlich huschenden Doppelgänger von R. Steevie Moore und der besten Suicide-Platte, die Alan Vega niemals aufnahm, an ihren Gitarren raushobeln.

Various Artists – »Soundpharmacy Tape Compilation« (Vinylograph)

Die lieben Leute von Vinylograph haben wieder mal ein Tape gemacht und die Wiener Underground-Haserln im Dunstkreis der Schönbrunnerstraße aufs Band … gebannt. Darf man sich ohne Genier ins Regal für kritische Theorie stellen.

Nicholas Hoffman – »The Word of Daucus« (s/r)

Hörbuch, Kopfkino, Radioessay – keine Ahnung, was das hier ist. Vielleicht eine opulente Operetten-Revue? Oder Teambuilding für arbeitslose Crossover-Orchester? Der in Wien lebende US-Künstler Nicholas Hoffman stellt sonst im mumok oder in der Kunsthalle aus. Mit »The Word of Daucus« erzählt er eine Geschichte. Ein Spoken-Word-Drama. Und irgendwie auch eine Reise. Wohin? Keine Ahnung. Aber: »Does it even matter anymore?«

Jupiter Himself – This Secret World (s/r)

Der Wiener Elektroniker Dominik Caudr produziert Ambient – ziemlich einfach, ziemlich schön, ziemlich verträumt. Als Jupiter Himself veröffentlichte er im Dezember vier kurze Cuts, die zwischen Lullaby für gestrandete Seelen und Seelentrips für Strand-Afficionados durchgehen. Zum in den Himmel schauen, diese geheime Welt!

Kutin – A C H R O N I E (Ventil)

Peter Kutin muss man nicht vorstellen. Wer mit den vielen Projekten und Werken des österreichischen Klangkünstlers unvertraut ist, darf über die Weihnachtsfeiertage nachsitzen. Gibt eh nix zu tun, da kann so ein bisschen AI-Adorno zu Kafkas Schloss unterm Weihnachtsbaum nur gut tun. Der Rest: Brachiale Experimental-Übungen im Maschinenraum, Rauschen für drei Studenten-WGs und ein Grunzen und Grölen, bei dem sich mongolische Kehlkopfsänger mit den Sängerknaben verbrüdern.

Martinz / D’Alessio / Ferenci – »Bringer of Evil« (s/r)

Am Modular-Synthi rumschrauben, mit dem Sax drübertröten und Trump-Samples mit dem Schlagzeug zusammenknüppeln, bis nichts mehr übrig bleibt als polyrhythmische Gesäßverrenkungen – »Bringer of Evil« halt. Alexander Martinz, ein in Klagenfurt geborener Klangkünstler und Dozent an der Angewandten in Wien, hängt drei Kugeln an den Baum und lässt es glitzern. Experimenteller wird’s im Kraut-Jazz nicht mehr.

Lucy Dreams – »Everything Comes In Waves« (s/r)

Lucy träumt für uns, Lucy träumt für alle. Dabei existiert Lucy gar nicht. Hashtag Sad, weil igendwas mit Künstlicher Intelligenz. Irgendwo bei Pink Floyd und Kraftwerk falsch abgeoben, hört man. Tja, 2020 hätte so schön werden können. Aber was der Computer ausspuckt, klingt so, als hätte man die FM4-Charts mit zwei Liter Lean abgefüllt, zwei Xanax nachgeworfen, um mit einem Upper für Stabilität im Leben zu sorgen. Alles easy, tschau!

Disconnected – »EP2« (Duzz Down San)

Endlich wieder mal ein Beat-Tape! Disconnected besteht aus den vier Producer*innen Testa, Pirmin, Mo Cess und Spinelly. Alle vier kommen aus Zams und basteln sich die Brettljause in Wien zusammen. Soll heißen: Beats aus der Bundeshauptstadt mit Zurück-zum-Ursprung-Garantie.

Lukas Lauermann – »INprogress« (s/r)

»IN« ist ein AOTY für Leute, die keine AOTY-Listen sammeln. Mit »INprogress« sitzt Lauermann, der Parade-Cellist, im Fortbildungskurs für semiotische Subversion, um das Konzept seiner heuer veröffentlichten Platte weiterzutreiben. Schleifen gehen über in Schleifen, bis nichts mehr übrig bleibt, außer der Loop. Ambient für Wonneproppen und alle, die gerne Wonneproppen sagen.

Combat Beach – »Either Way, Why Worry« (s/r)

Sonic Youth und die Pixies haben angerufen: Sie wollen die 90er zurück! Bandleader Moritz Irion hat genug ins Mikro geschrien, ab jetzt gibt’s Power-Pop mit Riffs, bei denen man das verwaschene Festival-Shirt vom Frequency 2001 aus dem Schrank kramt. So oder so ziemlich geil.

Sundl – »Sundl« (Cut Surface/Wilhelm Show Me The Major Label)

Über acht Tracks schießt »Sundl« die Sonne ab, quetscht die letzten Strahlen aus und vierteilt das Monstrum, um an seiner Stelle ein schwarzes Loch aufzuhängen. Wer genug hat von lebensaffirmativen Shopping-Schrott in vorweihnachtlichen Corona-Höllen, findet mit »Sundl« einen düsteren Heiland.

NAYYBA – »Yz250« (Clipp-Art)

Ritsch, ratsch, die Kick marschiert – wir blasen den Subwoofer durch. Nayyba produziert an den Schaltkreisen zwischen Bicep und Shed. Call it Techno, call it House. Mit der Veröffentlichung auf dem australischen Label clipp.art releast man wieder mal ein paar Endorphine.


Weiterhören, weiterlesen, weiterdenken

»Opfer, Prekariat, Konsum und viel Schokolade« sollen helfen, die aktuelle Krise zu begreifen. Passt, kriegen wir hin! Jens Buchholz hat im Mausoleum der Spex herumgegraben, alle männlichen Knochen zusammengesetzt und für das skug-Magazin einen ungemütlichen Text über Opfernarzissmus, die Corona-Krise, postautoritären Pop und – eh kloar – Kapitalismus geschrieben. »In den Neunziger-Jahren schien uns die Postmoderne ein neues Paradies zu versprechen, in dem alles und jeder sein kann, wie er will und was er will. Jetzt sind wir am Unhappy End der semiotischen Guerilla angekommen.« Es hat sich also was getan, verändert, zum Beschissenen verdreht, könnte man meinen. »Und so könnte es tatsächlich sein, dass der Markt die Demokratie rettet. Kein entfesselter Markt, sondern ein Markt, der sich seiner demokratischen Verantwortung bewusst ist.« Sollte man lesen, das.


… bevor wir auseinander gehen


Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.