Heute denken wir an früher

Weil früher auch nicht alles besser war

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat neues aus dem österreichischen Underground, bespreche aktuelle Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: kritische Nostalgie zwischen Viva-Videos und dem einzigen R-Wert, der zählt: Rave. Außerdem: Die Fitten Titten + Mermaid & Seafruit im Interview. Und Neuveröffentlichungen aus der Dunkelkammer.

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Der Sommer rauscht vorbei wie ein Regionalexpress an Korneuburg. Von Sommerloch soll also keine Rede sein, was zählt, ist die Frische. Deshalb verabschiede ich mich. In den Urlaub. Nach Italien. Heute Abend hört man sich trotzdem. Zur gewohnten Zeit. Ab 21.00 Uhr. Wer will, bekommt was auf die Lauscher. Von den Fitten Titten, die endlich ihren Wisdom auf zwei Vinylseiten gepresst haben. Von Matte/Glossy, die in Wien bald kein Geheimtipp mehr sein wird. Und vom neuen Wilhelm show me the Major Label-Sampler, der zwischen Stonerkrach und Hymnenbumms zwei Kathedralen abfackelt.

Außerdem linsen wir nach Berlin. Genauer gesagt: in die Paloma Bar. Die Taubenfänger vom Kotti haben viel neue Musik von Freund:innen und Bekannten veröffentlicht, zu der man – Stichwort Sommerplatte, jetzt aber echt – das ein oder andere Aperölchen wegrüsseln mag.

Generell rauscht heute viel experimenteller Kram. Aus Wien. Österreich. Der Welt. Nachdem wir im Juli noch den »Endless Summer« beschworen haben, baumeln wir im August zwischen zwei Bäumen im Vorhof des komatösen Powernaps, noch nicht ganz weggezischt, aber auch nicht mehr ganz da. MSYLMA klackert für Éditions Appærent mit den Synthis. Wir träumen mit dem superpolar Taïps-Label von Detroit in Köln und naschen mit dem Peach-Pals-Sampler in Gedanken vom Pfirsichkuchen.

Apropos Pfirsich: Weil ich mich fürs DJ-Lab in den letzten Monaten durch unzählige alte Viva-Videos und YouTube-Finds von Ravereien aus der Vergangenheit klicken durfte, musste ich oft an früher denken – Pfirsichnektar aus dem Tetrapak mit knickbaren Plastikstrohhalmen schnüffeln und Nachmittage vor der Playsi verbringen. Zwischen Tanz und Tekken ließen sich mindestens drei Verbindungslinien ziehen. Warum, das klären wir vielleicht ein andermal.

Schließlich wirkten die unzähligen Stunden an VHS-Footage von Warehouse-Raves, der Loveparade oder den Gasometern für mich wie ein nostalgischer Anker. Einer, den ich auswerfe, um die Gegenwart anzuhalten. Mich neu auszurichten. Und das Zukunftsgeplapper für drei Sekunden zu vergessen. Vor einigen Monaten las ich Shannon Lee Dawdys Buch »Patina. A Profane Archaeology« von 2016. Darin schreibt sie zwar über die Hurrican-Katastrophe in New Orleans. Ihre Überlegungen und Unterscheidungen zwischen reflexiver und kritischer Nostalgie lassen sich trotzdem ziemlich gut auf gegenwärtige Phänomene übertragen.

Der reflexiven Nostalgie, so schreibt Dawdy, sei eine Gegenüberstellung zwischen past and present inhärent. Durch sie könne die Vergangenheit auf utopische Alternativen in der Gegenwart befragt werden. Damit kommt der Ausformung von Nostalgie ein progressives Momentum der Vergangenheit in der Gegenwart gleich. Man blickt zurück – nicht um sich in der Vergangenheit zu verlieren oder sich nach ihr zu sehnen, sondern um ihre Potenziale am Standpunkt der Gegenwart zu messen. Das geht mit einer Trauer um den verunmöglichten Fortschritt einher, der sich an den Idealen des Modernismus misst, was nicht zwangsläufig zu einer Romantisierung der Vergangenheit führen muss, sie aber begünstigt.

Die reflexive Nostalgie trägt damit Züge, die in sich traditionalistisch wirken, weil sie eine Zukunft verstellen, die in der Wiederholungsschleife der Nostalgie eine absolute Gegenwart hervorbringt. Man tritt in einen Zustand der Geschichtslosigkeit ein, der jede Form von auf eine Zukunft gerichtetes Emanzipationsbewusstsein abhandengekommen ist. »The dead are a creative force in ongoing life« – das Gewesene besitze schöpferische Kraft in der Gegenwart. Nichts endet, gleichzeitig beginnt nichts neu.

Im Vergleich dazu, will Dawdy ihrem Neologismus der kritischen Nostalgie eine aktivere Rolle der Rezipierenden einschreiben und umschreibt das am Begriff der Patina. Patina sei nicht nur eine politische Ästhetik, sondern eine politische Kraft, die durch moralische und materielle Kreisläufe fließe. Die Affirmation der Patina birgt politisches Potenzial, das weder »gut« noch »schlecht« sei. Das ist der Grund, wieso Dawdy Benjamins Theorie des dialektischen Stillstands im Bild auf jene der Artefakte, Objekte und Orte ausweiten will.

Im dialektischen Bild, so Benjamin, komme es zur Koexistenz von Bewegung und Stillstand. Das Gewesene drängt sich sprunghaft in das Wesen des Jetzt ein, tritt aus ihm heraus, während es still steht. Wo also das Denken zum Stillstand kommt, erscheint das dialektische Bild, weil die Dualität der Pole zu einer Spannung führt, in der Gewesenes und Jetzt gleichzeitig anwesend sind. Das ist eine Zäsur in der Denkbewegung, weil das Denken nicht mit dem Betrachten zusammenfällt – ich denke nach, und nicht während des Betrachtens.

Folgt man diesem Schluss, tut sich der Konnex zum Begriff der kritischen Nostalgie auf. Durch sie erkennen wir die progressive Kraft der Vergangenheit, während die reflexive Nostalgie das Erkennen verstellt. Die politische Kraft der kritischen Nostalgie geht aus der Aufmerksamkeit hervor, sie ermöglicht das Erkennen. Im dialektischen Stillstand tritt das Objekt hervor, offenbart seinen Abdruck, wirkt nach im Wesen des Jetzt. Man »liest« das Objekt, wie Benjamin schrieb. Es ist das »Herauslesen« aus den Objekten, das dieses Nachleben, in einem Abdruck hervorbringt. In ihm entsteht so etwas wie ein anachronistischer Denkraum, innerhalb dessen sich verschiedene Zeitlichkeiten überlappen und eine Aura entwickeln. Ein Abdruck gehört dadurch der Vergangenheit wie der Gegenwart an. Er erzeugt eine visuelle Form in einem Wechselspiel zwischen Berührung und Entfernung, ist materialisierte Gewesenheit zu einem bestimmten Moment in der Jetztzeit, aus der das Nachleben wirksam wird.

Dawdy zeigt das u.a. anhand ihrer Beschreibungen von Parfum und dessen Bedeutung zu New Orleans. Parfums (oder generell Gerüche) aus der Region können Erinnerungen »triggern« – sowohl bei Menschen, die in New Orleans leben, als auch bei Touristen, die nach New Orleans reisen. Dawdy sieht den Unterschied in der Vergangenheit, die das Parfum auslöst – als geerbtes Gewesenes, das an einen Moment in der Kindheit erinnert oder als Souvenir, das eine »exotische« Vergangenheit hervorruft, die man nie erlebt hat.

In beiden Fällen wirkt die Erinnerung chronotopisch, man reist durch die Zeit, überspringt räumliche Grenzen, die sich trotzdem immer in Bezug auf eine Vergangenheit – ob man sie nun erlebt hat oder nicht – beziehen, sie durchdringen und in die Jetzt-Zeit des Erlebnisses beamt. Vielleicht ließe sich das als die Immanenz der Gegenwart bezeichnen. Ein Moment, das ihr eingeschrieben ist wie die Verbindung zu einer Vergangenheit oder ihrer Fragmente.

Nennt mich also einen verklärten Träumer – ich glaube in den Videos von einem Mayday-Set aus 1994, einem Technokeller in Minneapolis der 2000er oder Aphex Twins Freak-Geballer von 1993 etwas gefunden zu haben, das sich nicht mit Kommentaren wie »Früher war alles besser« in ein depressives Tal der Tränen wirft. Ich empfand beim Sehen vielmehr etwas, das man nicht erlebt haben muss, um es tatsächlich zu fühlen. Eine Hoffnung, die aus der Tatsache entsteht, dass alles vergeht – aber gerade deswegen immer auch weiter geht. Man schaut zwar zurück. Nicht aber, um sich eine Welt wie früher zu wünschen, sondern um eine politische Ästhetik zu erkennen, in der politische Wirkkraft zu finden sei. Diese Kraft entspringt der Aufmerksamkeit, die man Dingen entgegenbringt. Und die einen zeitlichen Raum öffnen, in dem etwas passiert.

Mein Blurb (mit den Videos!) zu den Rave-Videos der 90s und 00s ist bei DJ-Lab erschienen.

Neuzugang im dänischen Bettenlager

Die Fitten Titten im Interview

Die Fitten Titten sollte man nicht googeln. Man muss sie sehen, um sie zu begreifen. Das von Julia Riederer und Claudia Lomoschitz gegründete »Lo-fi-Electro-Pink-Punk«-Projekt grätscht seit 2017 mit Titeln wie »Zahnmedizin« oder »Koks« in Wiener Gürtellokale und stellt Boys wie Toys in die Ecke. Inzwischen hat sich das Irgendwas-mit-Kunst-Ding zu einer Band entwickelt. Ihre Shows sind Séancen für Food-Fetischistinnen, Happenings für Angewandte-Strizzis und ein Fest für alle, die einen Knall haben.

Die Leute sollen sich ruhig Mühe geben, eure Musik zu hören.

Claudia Lomoschitz: Ich habe die Platte bisher mit Dates angehört. Alle wollten danach eine haben.

Julia Riederer: Mein Plattenspieler ist kaputt. Ich habe mir deshalb extra ein Tinder-Date bei jemandem mit Plattenspieler ausgemacht, um die Platte hören zu können.

Anna Barbieri: Ich habe sie bis jetzt nur einmal gehört. Das war schön.

Claudia Lomoschitz: Nur einmal?

Anna Barbieri: Ich kenn die Lieder ja schon! Aber ich würde allen empfehlen, sie anzuhören.

Das vollständige Interview ist bei mica erschienen.


Zwischenrauschen

Kennst du jemanden, der an Grundrauschen interessiert ist? Cool! Dann leite es gerne weiter. So bleibt das Ding am Leben. Und wir rauschen gemeinsam!


Mermaid & Seafruit im Interview

Magdalena Chowaniec und Markus Steinkellner produzieren Musik, die reinfährt wie drei Runden im Tagada. Stehend in Buffalo-Sneakern. Bauchfrei zum Ritalin-Entzug. Irgendwo zwischen Gabber-Revival und Laser-Show ballern die beiden mit dem Spirit der 90er, der Ästhetik der Nuller- und der Wut der Zehnerjahre auf die Realität der 2020er. »Screens are my new clothes« heißt das auf Ashida Parks erschienene Album – weil Bildschirme längst zur Bühne wurden und unsere Identität widerspiegeln.

Die Pandemie hat euch sanft gemacht?

Magdalena Chowaniec: Es gab einen Wunsch nach Sanftheit. Nach Berührung. Und es entstand die Frage der Isolierung, die ich als Tänzerin nicht gewohnt bin. Das Album heißt nicht ohne Grund „Screens Are My New Clothes“. Als Tänzerin war ich während des Lockdowns gezwungen, meine Kunst in andere Medien zu übersetzen. Ich musste mich online präsentieren, Filme drehen und all das, was die Live-Performance ausmacht, hinterfragen. Die Screens wurden zu unseren Bühnen, zu unseren neuen Persönlichkeiten. Das hatte ich satt, weil das Dazwischen mit dem Lockdown wegfiel. Es konnte – wenn überhaupt – nur über Distanz entstehen. Das echte Dazwischen aber, das für unsere Denkweise so zentral ist, war weg. Gleichzeitig redeten alle von einem Zurück zur Normalität.

Genau, warum eigentlich immer zurück?

Magdalena Chowaniec: Ja, eben! Die Normalität war davor schon unfair und ungleich für so viele.

Markus Steinkellner: In welche neue Normalität man gehen möchte, hat sich kaum jemand gefragt. Die meisten wollten zurück zu dem Davor. Von einer Chance auf Veränderung hat niemand gesprochen.

Das vollständige Interview ist bei mica erschienen.

Weiterlesen, weiterdenken

  • Tristan Bath hat einem Nachruf auf Peter Rehberg verfasst

  • Sebastian Fasthuber hat mit Shilla Strelka gesprochen

  • Und Shilla Strelka mit mir über ihr Unsafe+Sounds Festival

  • Berfin Silen war bei der Pressekonferenz vom angesagten abgesagten Nova Rock

  • Martin Ho(ho) will in der Mahü einen Club als Candybar eröffnen.

  • Max Fritz spricht mit Ellen Allien in einem Interview, das erahnen lässt, wohin sich techno capitalism bewegen wird

  • Kristoffer Cornils schreibt über die »größte Fußnote der Musikgeschichte«, Conrad Schnitzler

  • Beim letzten Salon skug wurde mit Zapatista-Vertreter:innen getalked – das Gespräch gibt’s zum Nachhören

  • Amira Ben Saoud hat über Lil Nas X eine Glosse geschrieben

  • Detroit-(in dem Fall wirklich)-Legende K-Hand ist gestorben. Claus Bachor mit einem schönen Nachruf

Was diesen Monat rauscht

Dino Spiluttini – »Live Versions« (smallforms)

Wo Dino draufsteht, ist Spiluttini drin. Der Wiener Producer ballert neun Millimeter große Löcher in die Zuckerwattemaschine, schlitzt den Kaugummiautomaten auf und kapert das Autodrom – um Hymnen zwischen Trance-Party unter der Tangentenauffahrt und außerkörperlichen Erfahrungen im Rauschzustand zu machen.

Der Mann mit dem Colt – »Alle Angaben ohne Gewehr« (s/r)

Hip-Hop aus Wien. Kann schiefgehen. Der Mann mit dem Colt würde aber sogar Roger Moore die Anzughose runterziehen. Mit Coltlines. Crack Ignaz-Feature. Und Corleone-Beats von Kapazunda. Sheesh.

Toad – »Frog« (Vienna Underground Traxx)

Vienna Underground Traxx ist Dauergast in diesem Newsletter. Aus Gründen. Einen davon liefert Toad mit sechs Tracks, die das UK vor Garage streichen und mit Wien, Oida ersetzen. Wer mit Subbässen derart sanft das Bauchi streichelt, darf hier alles. Hoffentlich gibt’s davon mehr!

Matte/Glossy – »La Soledad es mi Palacio« (s/r)

Faustregel: Der Sommer endet, wenn man den Sommerhit erfolgreich vermieden hat. Wer bei 40 Grad im Sprühnebel steht, soll zwar keinen Blödsinn labern. Als Fata Morgana können diese Scheibe aber selbst Wüstenhunde nicht abtun. Die in Wien lebende Sängerin Matte/Glossy hat eine Oase eröffnet, die auf den Namen »La Soledad es mi Palacio« hört und mehr Abkühlung bringt als das kommunale Klimaschutzprogramm von Wien. C U im Pop-up-Pool!

jschanghal – »#0c4a0d« (s/r)

Apropos Abkühlung. jschanghal, ein Krach-Duo aus Wien, schlittert mit ausgestreckten Beinen in die Tiefkühlabteilung – und zupft auf Violine und Gitarre einen Marsch, bei denen Feedback-Fetischist:innen sogar die Metal Machine vergrämen. So geil wie Letscho auf der ungarischen Seenplatte.

INAWHIRL (Graewe / Kowal / Dieb13) – »Streugebilde« (Trost)

Sara Kowal, Dieter Kovačič und Georg Graewe – so etwas wie die heilige Trinität der modernen Improvisation. Allesamt Chefität:innen im eigenen Fach zwischen Harfe, Turntable und Piano. Und eine Kombo, die fähig ist Geräusche zu erzeugen, deren Echo direkt in den Ursprung des eigenen Seins führt.

Blasser Kyren – »Butter&Stress« (Numavi)

Fünf Guys, die Indie-Rock tröten und in hochgekrempelten Röhrenjeans posieren klingt nach Horror-Flashback – silberne Denims, die 2000er, eine schlimme Zeit. Was da auf Numavi das Licht des Plattentellers erblickt ist aber wert, zumindest einen Lauscher zu kalibrieren und Low zukünftig ohne Fi zu buchstabieren.

Ensemble Kuhle Wampe – »Kuhle Wampe Extended« (Waschsalon Records)

Die wunderbaren Leute von Waschsalon Records filettieren wieder Morgenjournals und ZIB2s. Um mit Fusion aus der Jazzecke drüberzuprusten, Kuraz (sic!) aufs gegelte Haupthaar zu scheißen und den »Kuhpitalismus« auszurufen. Mehr! Hurtig! Bitte!

Various Artists – »Just Friends and Covers« (Wilhelm Show me the Major Label)

Für acht Euro bekommt man zwei Krügerl im Käuzchen, 240 Seiten von Richard David Prechts geistigen Verwirrungen – oder den neuen Label-Sampler von Wilhelm show me the Major Label. Fairer Deal. Kaufen.

Bevor wir auseinandergehen …

… chillen wir noch ein bisschen im Elend.


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Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hi« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

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