Fußball? Nein Danke!

Hier gibt’s wirklich gar nichts zur EM.

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: Anna Mabo im Interview, ein Porträt über Elektro Guzzi und der Teaser für die heutige Sendung zum Wiener Produzenten Asfast. Außerdem: Leseempfehlungen für den Juni, 17 Kurz-Reviews zu Neuveröffentlichungen aus dem Ö-Untergrund – und garantiert kein Fußball-Content, olé olé!

Aber zuerst …

Grundrauschen zum Tag

Ich stoß wahrscheinlich ein bisserl spät zur Party, aber: Die erste Person, die mir erklärt, warum die Welt NFTs braucht (nicht was sie sind, das lässt sich googeln – es ist »digitales Zeug«, das man tatsächlich besitzt), bekommt von mir einen originalen (schwör!) Linkin-Park-Drumstick, den mein pickliges Möchtegern-Ich 2007 auf einem Konzert in Graz gefangen hat. Also for real! Was ist das Problem, das man mit NFTs lösen will? Oder was macht diese virtuelle Kunst zur Lösung?

Warum erzielt ein verpixeltes Cryptopunk-Etwas bei einer Versteigerung von Sotheby’s zuletzt 11,8 Millionen Dollar, während bei derselben Auktion ein ziemlich durchdachtes NFT-Konzept (sobald die globale Erwärmung zwei Grad Celsius erreicht, verbrennt sich das NFT von Terra0 selbst) gerade mal für 37.800 Dollar unter den digitalen Hammer kommt?

Zu dieser Frage habe ich mich bei Google sogar auf die zweite (!) Seite gewagt. Ich will aber keine aktualisierte NFT-Abhandlung über Walter Benjamins »Kunstwerk«-Aufsatz lesen, sondern eine Erklärung bekommen für das PROBLEM, das Crypto-Art zu lösen versucht. In einer Sprache, für die man keinen Abschluss in Maschinenbau braucht. Wer was weiß, hit me up!

Anna Mabo im Interview

»Wir haben unsere Jugend in Stanniolpapier verpackt«, singt Anna Mabo. Die Wiener Regisseurin und Musikerin veröffentlicht mit »Notre Dame« ihr zweites Album, das mit Leichtigkeit beginnt und nach der Apokalypse endet. Eine Platte wie eine Sammlung an Wienerliedern ohne Wiener*innen – ein Abend beim Heurigen als Vibe, der sich dem Instagram-Blickwinkel verstellt. In einem Ausschnitt aus dem Interview (bei mica erschienen) erklärt sie, warum sie »erfolgreich« in Wien aufgewachsen ist.

Anna Mabo: Ja, ich wollte als Kind immer ein Bub sein. Lustigerweise hatte mein Bruder immer lange Haare. Dabei waren meine Eltern schon eher konservativ – das würden sie sicher auch über sich selbst sagen – aber im Gender-Bezug hatten sie eine hippieske Einstellung! Wir durften anziehen, was wir wollten. Ich lief zum Beispiel eine Woche mit einem Shirt rum, auf dem stand: Schule gefährdet die Gesundheit. Mit sieben wünschte ich mir einen rosafarbenen Ski-Overall. Den bekam ich aber nicht, weil meine Mutter wusste, dass ich ihn im nächsten Jahr nicht mehr gut gefunden hätte.

Die Mama! 

Anna Mabo: Ja! Sie hat mir auch Bücher von Christine Nöstlinger gegeben. Die Geschichten vom Franz fand ich toll. Gretchen Sackmaier auch. Das sind Geschichten über ein Mädchen, aber es ging um den Umgang als Frau und nicht um die Voraussetzung, die das ganze Leben als Frau beeinflusst.

Das ganze Interview liest du drüben bei mica.

Weiterlesen, weiterdenken

Grundrauschen-Teaser: Asfast im Porträt

Der in Wien lebende Musiker Leon Leder feiert seine eigenen Messen. Allein. Im Dunklen. Am besten mit drei Litern Messwein und den Geistern der Vergangenheit. Als ASFAST gräbt sich der gebürtige Grazer seit Jahren durch dunkle Nischen der Wiener Elektronik-Szene. Er brachte Platten auf dem Paradelabel für untergründliche Experimente, Ventil Records, und zuletzt auf dem deutschen Düster-Rausch-und Nebel-Label Denovali raus.

Auf »Earth Walk With Me«, seiner neuesten Veröffentlichung, die im vergangenen April erschien, David Lynchelt es nicht nur von Namen her gewaltig. Sondern auch im Vibe und in der Stimmung des für Post-Corona-Zeiten überhaupt nicht hedonistisch angelegten 23-Minuten-Epos.

Ich habe im vergangenen April mit Leon gesprochen. Eingeladen hat er mich – getestet und auf Abstand – in sein eigenes Wohnzimmer, das gleichzeitig als Studio herhält. Wir haben lange geplaudert und viel theoretisiert, weil das gut geht mit Künstlern, die ihre Arbeit auch als Konzepte verstehen und das allerliebste Wörtlein »Post-Club« nur dann in den Mund nehmen, wenn es darum geht, es in seiner Anwendung zu hinterfragen.

Das Porträt hörst du heute Abend bei Grundrauschen auf Radio Orange.

Das Interview mit Asfast liest du drüben bei mica.

»Trip«: Elektro Guzzi im Porträt

Zum Frühstück serviert man Rührei und Orangensaft. Die perfekte Kombination. Und eine Erinnerung an Zeiten, in denen man frühmorgens aus dem Club stapfte, um sich das Breakfast for Champions klarzumachen – reichlich Fett und genügend Elektrolyte. Wenn Elektro Guzzi kurz nach halb zehn Uhr in einem Wiener Café von ihrem »Trip« sprechen, ist das Erlebnis im Club so weit entfernt wie die Österreich vom Europameistertitel. Das gerne mal als »Techno-Band« bezeichnete Trio um Bernhard Breuer, Jakob Schneidewind und Bernhard Hammer hat eine neue Platte produziert, die so heißt: »Trip«.

Das Porträt zu Elektro Guzzi liest du drüben im DJ-lab.


Kennst du jemanden, der am Newsletter von Grundrauschen interessiert sein könnte? Cool! Dann leite ihn gerne weiter. Wir rauschen dann gemeinsam! Und heute ab 21 Uhr auf O94!

Wien-Stream

  • David Krieger legt bei Booth Hub auf

  • vlan.radio hat aus dem Wiener Fortuna gestreamt – mit Welia, Kobermann und Akrüül

  • Die neue Sendung von DiaspoRa-dio auf Res.Radio ist online

  • Und O-Sounds sendet am 20. Juni über feministische Utopien für Clubkultur


Was diesen Monat rauscht

17 Veröffentlichung aus dem Ö-Underground.

Abby Lee Tee – »At The Beaver Lodge I«

Die Biber sind los. An der Donau. In Linz. Von Abby Lee Tee zu einer hörbaren Rudelbildung aufgescheucht. Wenn Österreichs Parade-Field-Recorder das Mikro in den Bau hängt, stimmt die ganze Bande mit ein. So schön natschelt niemand am Treibholz.

alllone – »Something Wrong« (s/r)

Wie wobbelt Dubstep 2021? Genau so! alllone, ein Producer-Trio aus Graz und Wien, schnippelt vier Bänger aus dem Woofer. Wer die Teile am Badestrand auf der Drahtlosen pumpt, lässt Unterhoserln schlackern und Köpfe rollen. So was von no Fux given!

ZERFRANZT – »Turing« (s/r)

Der Synthesizer-Opi aus Tirol, ZERFRANZT, hat ein Konzeptalbum über Alan Turing produziert, das sich so anfühlt, als würde man Mathematik tatsächlich checken. Applaus für diese Traumatherapie.

Jimi Tenor – »Music For Elevators« (Music for Elevators)

Quatschkopf und Elevate-Festival-Stamm-Dilettant Jimi Tenor schickt finnische Grüße nach Graz. Wer keinen Bock hat, bei der Hitzen den Schloßberg raufzukräuen, lauscht zukünftig im Dom-im-Berg-Aufzug seiner Vorstellung von zeitgemäßer Zahnartzwartezimmermukke. Hier als downloadbare Klingeltöne.

Kobermann – »Monochrome Vol.1« (s/r)

Darf man eigentlich schon vom Kobermann-Stil sprechen? Man sollte! Das grau-grindige Niemandsland, das der gute Mann aus Wien in beständigen Abständen vertont, liegt irgendwo zwischen Actress’ 88er-Mixtape und der theoretischen Abhandlung von Ben Frosts Maschinenpark. Rau wie kleinkörniges Schmirgelpapier.

Rudi Ae, MF Tom – »Ein Paar Tracks« (s/r)

»Du brauchst einen Beat und eine Stimme als MC, einen Namen brauchst du nur für die Musikindustrie.« Damit ist alles gesagt. Ob die Stimme nun Rudi Ae, Pablo Pikachu oder sonst wem gehört – scheißegal. Auf »Ein Paar Tracks« rieselt mehr Vibe als durch Yung Hurns linkes Nasenloch. Stabile Seitenlage, das!

Ein Gespenst – »Ich tanze nur aus Höflichkeit« (s/r)

Alle wissen: In Wien wird nicht getanzt. Ein Gespenst, der neue Irgendwas-mit-Indie-Double-Whopper aus Wien, schunkelt wenigstens aus Höflichkeit mit. Auf eineinhalb Füßen: Poetry-Slammer Elias Hirschl. Deshalb kommt das Ganze auch so, als hätte man die FM4-Redaktion zwei Wochen lang in ein Soziologie-Seminar gesteckt, um den Berufsjugendlichen vom Künigl die Wokeness auszutreiben. Nais.

Max Zaloudek – »Vom Statisten« (s/r)

Wenn man sich von einem Album in den Schlaf wiegen lässt, was ist das dann? Eine Platte für Träumelinchen? Oder eine Sammlung an Wiege-Liedern? Max Zaloudek, der in Wien lebende Gitarrero mit der Virtuosität dreier Fluchtachterl nach dem Besuch beim Heurigen in Grinzing, sediert mich seit drei Wochen aufs Neue. Im allerbesten Sinne.

Zukunftsstadt – »Fear & Repulsion 2015 / 2020« (Five by Five publishing)

Hat hier jemand Sommeralbum für Synthie-Fetischist*innen gesagt? Zukunftsstadt vercheckt es gerade in superpersonalisierter Minimalauflage. Als Tape. Mit DIY-Artwork. Das klingt in den besten Momenten so, als hätten sich Kraftwerk mit Vangelis auf ein Packl gehaut, um sich mit Chiptuning, Autobahnfahrten und Casio-Anleitungen auseinanderzusetzen.

Restless Leg Syndrome – »Ya Nass // Hammasichanimmada« (Little Beat More)

Na bumm! Die Restless Leg Syndrome-Crew hat die Bänger ihres Debut-Albums von 2013 ausgeräumt – und auf eine schicke orange Seven Inch geritzt. So viel Groove gabs das letzte Mal beim Magic-Life-Cluburlaub in Antalaya. Ciao!

Keji Otarii – »Mixtape ´94« (s/r)

Den ganzen Tag im Wiener Prater sein Taschengeld verprassen, beim Autodrom raven, im Tagada zu den Coolen gehören, und sich irgendwann im Spiegelkabinett die Nase brechen – als Vibe.

Winkelschleifer – »Tiramigiù« (s/r)

Maurizio Massaro, der zur Mensch-Maschine mutierte Winkelschleifer der Wiener Krach-Bums-Zisch-Szene zerfetzt wieder Mal seine Gitarren-Saiten, um sie in einem elektronischen Nadelwald so lange feedzubacken, bis sich im Unterholz ein Riss auftut. Das Ende der Welt? Oder doch nur der Geschichte?

čatta – »Helle Verwirrung« (s/r)

Bester Ambient, den ich im Juni aus Österreich gehört hab. Punkt.

Johnny And The Rotten – »Foam Party« (s/r)

Irgendwann die falschen Pillen geschluckt, zack – schon wacht man mit Trompetenhosen in den 70ern auf, säbelt an der Elektrischen rum und macht irgendwas mit Liebe, Schaum und guter Laune.

Nino Šebelić – »End of City Pt. 1« (s/r)

Nino Šebelić aus Wien produziert Techno von der Sorte: Gerade raus, ohne Umwege. Vier Tracks für eine Kieferneujustierung kurz vor halb Sechs am Mainfloor. Und einer für den Kaugummi danach.

Kanoi – »Come in Alone (A My Bloody Valentine Cover) (s/r)

Von My Bloody Valentine gibt’s circa fünf Millionen Cover-Songs. Davon sind drei nicht absolut beschissen. Einer kommt von Kanoi, der Ein-Mann-Space-Maschine aus Wien. Seine Version von »Come In Alone« ist Kosmonauten-Gold und vielleicht die einzige Hommage an Kevin Shields, die es braucht.

Bevor wir auseinandergehen …

ein paar SuMmeR-VIbEs von Sakura aus Wien.

Kennst du jemanden, der am Newsletter von Grundrauschen interessiert sein könnte? Cool! Dann leite ihn gerne weiter. Wir rauschen dann gemeinsam! Und heute ab 21 Uhr auf O94!

Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hallo« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

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