Endloser Sommer

Crap! Crapidi! Crap Crap!

Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zur Radiosendung auf Orange 94.0. Hier bespreche ich einmal im Monat Neues aus dem österreichischen Underground, verlinke zu aktuellen Veröffentlichungen und lass es rauschen.

Heute im Newsletter: »Endless Summer« von Fennesz wird 20. Der endlose Sommer in »Crap« von Scott McClanahan. Ein Interview mit Rausch- und Reinigungsmaestro Robert Schwarz, Kultursommer-Highlights und Festival-Ausblicke. Außerdem: Rezensionen von Die Fitten Titten, Vienna Underground Traxx – and more!

Grundrauschen zum Tag

Schlechte News für alle Berufsjugendlichen, die ihre Sommerfrische in St. Pölten gebucht haben – das Frequency fällt aus. Wer auf zwölf Dosen Inzersdorfer und zwei Paletten luluwarmen Pittinger sitzen bleibt, preppt schonmal für den nächsten Lockdown. Bei Infektionszahlen, die schneller steigen als das Thermometer in der Altbauwohnung und einer Gesellschaft, die lieber ihren Alltagsrassismus hochhält, als sich ein Jaukerl in den Oberarm zu schießen, ist der eh nur eine Frage der Zeit.

Apropos L-Wort: Auf YouTube bekommt man derweil Werbung für einen Sommer wie früher reingespült. Soll heißen: Rimini und Strada del Sole für alle Badebomben, die sichs nach eineinhalb Jahren Pandemie noch leisten können. Der Rest darf mit oder ohne grünen Pass irgendwo zwischen Sprühnebel und Betonlandschaft in Wien herumbrutzeln. Leiwand!

Da hört man sich vom Bundes-Basti natürlich gerne an, dass die Pandemie – hört, hört! – für all jene vorbei sei, die eine Impfung haben. Alle anderen dürfen sich spuren. Wer sich jetzt noch ansteckt, sei selber Schuld. Gernot streichelt von hinten über die Schulter, das Problem ist gelöst. Wer hätt gedacht, dass es so einfach sein könnte!

Übrigens: Die Birkenstock-Thatcher und ihre Bio-Bobos aus der grünen Parlaments-Parzelle halten der neoliberalen Slim-Fittisierung natürlich nichts entgegen. Das ist nach den letzten Monaten zwar keine Überraschung, weh tuts trotzdem … da kann man sich noch so lange unter die Freiluft-Dusche auf der Hauptallee stellen.

Anyway: Wir ham aber besseres vor, als die ganze Zeit herumzusudern. Immerhin ist es Dienstag – der Tag für rauschende Ohren und ein bisserl was fürs Herz. Im Sommer umso mehr. Deshalb springen wir direkt ins Vergnügen und holen uns den endlosen Sommer zurück.

20 Jahre »Endless Summer« von Fennesz

Vor 20 Jahren, als Christian Fennesz’ Signature-Album erschien, stand Sommer noch für Frische. Mittlerweile klingt der Titel wie eine Drohung – endloser Sommer, für immer Schwitzen. Anlässlich des Jubiläums hab ich fürs HHV-Mag über die Platte geschrieben. Hier gibt’s den Cold Cut, heute Abend in der Sendung den hotten Shit.

»Endless Summer« ist computerisierte Musik für Hundstage. Es saugt mit der zerhäckselten Kraft von Gitarren-Akkorden, die aus den Saiten in die Software fließen, zu Daten werden, nur Bits ausspucken und immer wieder in Daunendecken einhüllen, während sie einem gleichzeitig Eiswürfel in den Nacken stecken.

Früher war »Endless Summer« eine Platte, die man sich kaufte, weil man das mit dieser experimentellen Musik jetzt auch mal ausprobieren wollte. Mittlerweile besitzt man sie, weil das Ding in der restlichen Sammlung aus Knister-Knarz-und-Rausch-Musik wie ein zweiwöchiger Pauschal-Urlaub am Mittelmeer wirkt – und damit so etwas wie das coole Guilty Pleasure für Leute ist, die sonst nur in der Dunkelkammer ihre Erfüllung finden.

»Endless Summer« ist eine Erinnerung, die jede*r in sich trägt. Eine, die nie gleich ist und sich wandelt wie Patina an den Wänden von Clubs. Gerade durch die Kombination der beiden Wörter – »Endless« und »Summer« – erhalten sie eine gemeinsame Bedeutung, die ihre Wirkkraft nicht verdoppelt, sondern potenziert – und sie mit einer Aura auflädt, die die Präsenz der Absenz betont. Das Gefühl des endlosen Sommers. Und die Einsicht, dass er doch vergehen muss, um nicht verloren zu gehen.

Der endlose Sommer ist unsere Geschichte. Seine Vergangenheit steht genauso wenig fest wie seine Zukunft. Eben weil er eine perfekte Geschichte erzählt, ohne sie jemals zu Ende zu erzählen. »Endless Summer« ist der Reisebegleiter, die Reise und ihre Geschichte. Alles, was davon übrig bleibt, löst sich im Hören auf. Und setzt sich in unseren Köpfen neu zusammen.

»Crap!«

Aber: Der endlose Sommer ist immer auch eine Drohung. Dass alles so bleibt, wie es ist. Totaler Stillstand. Bei Temperaturen wie in der Betonwüste im Sechsten.

Das ist für mich kein Ausblick. Sondern das Symptom von Ausweglosigkeit. Man erzählt eine Geschichte, die niemals endet. Die sich immer weitererzählen muss. Und dessen Ende aufgeschoben wird wie das Versprechen nach einem besseren Ich.

Das kann zu nichts führen, außer der Einsicht, dass alles beschissen bleibt. Dass alles um uns herum so bleiben muss. Und sich niemals verändern wird.

Für mich hat dieses Gefühl zuletzt niemand besser eingefangen als Scott McClanahan. Ein US-amerikanischer Autor aus der Einöde von West Virginia, der auf die literarische Konvention scheißt, weil es eh schon wurscht ist. In seinem Buch »Crap«, das der österreichische Autor Clemens Setz ins Deutsche übertragen hat, porträtiert er sein eigenes Leben. Und damit auch das seiner Familie. Er erzählt von durchgeknallten Verwandten, die alle Selbstmord begingen; von Unglücken, die ganze Ortschaften auslöschten; und von einer Jugend, die Harmony Korine schon mal so ähnlich in »Gummo« gezeigt hat.

In »Crap« trifft Armut und Perspektivlosigkeit auf White Trash und Rassismus. Das eigene Leben ist beschissen. Aber man weiß, dass es anderen noch beschissener geht. Das hilft nicht nur dem Protagonisten durch den Tag. Sondern hält das ganze Werkl am Laufen. Darin schwingt pure Selbstaufgabe mit. Das Leben erscheint nicht zu kurz, sondern endlos. Wie der Sommer, von dem wir sprachen. Crap!

Interview: Robert Schwarz

Normalerweise quakt, zirpt und zwitschert es in den Stücken von Robert Schwarz. Seine Field Recordings führen um die ganze Welt. Inzwischen betreibt der Wiener Musiker auch andere Projekte. Allein in den letzten Monaten kamen mit Augsburger Messer, PRIVAT, She was a Visitor und L/R vier weitere dazu.

Robert Schwarz: Es ist lustig, selbst meine Freunde verlieren inzwischen den Überblick über meinen Output.

Weil du deine Spuren verwischst.

Robert Schwarz: Ja, das ist ganz angenehm. Mir sind die einzelnen Projekte wichtiger als ein Name, den man zuordnen kann. Bis vor zwei Jahren habe ich nur unter meinem eigenen Namen produziert. Das hat mich zunehmend eingeengt – vor allem, weil das bisherige Projekt so spezifisch an Field Recordings gebunden war. Gleichzeitig habe ich viele andere musikalische Leidenschaften. Manche verirrten sich in dieses Projekt. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass ich für jedes musikalische Konzept einen eigenen Kanal habe, in dem diese Leidenschaften hineinpassen. Das macht mein ursprüngliches Projekt frei von dem Drang, es zu sehr musikalisch aufzuladen.

Das gesamte Gespräch ist bei mica erschienen.

Weiterlesen, weiterdenken

  • Die Auschwitz-Überlebende und Microphone Mafia-Frontfrau Esther Bejarano ist gestorben. Kerstin Kellermann mit dem Nachruf

  • Die IG Kultur Wien lädt am 21.07. zum »Fair Pay« Zoom-Gespräch. Ein Überblick.

  • Peter Tschmuck analysiert die Einkommenssituation von österreichsichen Musiker*innen während Corona

  • Über die Dominanz patriarchaler Strukturen im Stadtraum spricht Ania Gleich mit dem Elsa Plainacher Kollektiv in Wien

  • Trishes schreibt über die Entwicklungen von österreichischem Hip-Hop der letzten 15 Jahre

  • »Kann Kunst die Welt verändern« fragt Sandro Nicolussi

  • Kulturanthropologin Bianca Ludewig sieht den Club als Druckventil

  • Wie es dem DasWERK am Donaukanal nach eineinhalb Jahren Pandemie geht, hat Alfred Pranzl gefragt

  • Und Shilla Strelka hat mit Matthias Kranebitter vom Black Page Orchestra gesprochen

Weil du es dir wert bist

Mit Dino Spiluttini. Am 7. August @ Volkspark Laaerberg. Alle Infos

See You @ the Festival-Sommer

Der Wiener Kultursommer findet noch bis 16.8. an verschiedenen Locations in Wien statt. Eine unvollständige Liste an Must-Sees >>>

ausgesprochen: neu (Nev.) – live (23.07.)
Antonia XM und BrunoKaos – Clubs closed down forever, so we’re having a sleepover (23.07.)
Elizabeth Ward – Phototropism & Dance (24.07.)
Ein Gespenst – Ich tanze nur aus Höflichkeit (24.07.)
Yvonne Moriel – live (25.07.)
Sakura (05.08.)
ZINN – Lethargie, dich wollt ich nie (08.08.)
Wipeout – total wipeout (08.08.)
Restless Leg Syndrome (15.08.)

Mehr Feeling als Festival

Hyperreality Festival am 28. bis 29. Juli in Wien – u.a. mit Dopplereffekt, Lucrecia Dalt, Schacke und und Rosa Anschütz
Elevate Festival in Graz von 04. bis 08. August in Graz – u.a. Anna von Hauswolff, Asfast und Dr. Rubinstein
Unsafe+Sounds Festival 2021 am 18. und 19. + 26. und 27. August – u.a. mit Lucy Railton, KMRU, Puce Mary und Gischt
Heart of Noise von 03. bis 05. September in Innsbruck – u.a. mit Die Sterne, François J. Bonnet/Steven O’Malley und Robert Henke
JazzWerkstatt Festival von 12. bis 18. September in Wien – u.a. mit Manu Mayr, Rojin Sharafi und Beate Wiesinger
Donaufestival am von 01. bis 03. + 08. bis 10. Oktober in Krems – u.a. mit Arooj Aftab, Deena Abdelwahed und Ghostpoet

Was diesen Monat rauscht

Die Fitten Titten – »Die Fitten Titten« (s/r)

Wer schon mal bei einer Show von Die Fitten Titten war, den Namen gegoogelt oder generell etwas für genialen Dilettantismus übrig hat, muss diese Platte kaufen. Am besten direkt in den nächsten Media Markt rennen und nach den Fitten Titten fragen. Irgendein »Kollege« in der Spülmaschinenabteilung wird davon gehört haben, trust me!

Various Artists – »Schwitzen in der Kernzone 100« (Vienna Underground Traxx)

Genau das, was man an Hundstagen braucht, während man in einer überfüllten U-Bahn mit hunderten schwitzenden Teenagern gefangen ist, die sich morgens mit einer Dose Axe Africa duschen. Acht Tracks führen vom Donaukanal zum Gürtel. Melodien verschwimmen, die 909er galoppiert wie Lipizzaner auf Speed. Eine Platte als musikgewordener Sprühnebel!

Mermaid & Seafruit – »Screens Are My New Clothes« (Ashida Park)

»Wir wollten Gabber sanft machen«, sagt Magdalena Chowaniec über Mermaid & Seafruit – ein Projekt, bei dem sie mit Markus Steinkellner seit Mitte der 2010er zu Hardstyle über den Beton shuffelt. Ob ihr damit wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!

Elisabeth Harnik – »Superstructure / Holding up a Bridge« (Trost Records)

Elisabeth Harnik kann Musik komponieren, die einem den Teufel austreibt. Von vorne und hinten. Für zwei ihrer Stücke haben das All Ears Area Ensemble und die blasenden und schlögelnden Kolleg*innen vom Studio Dan den Mephisto gemacht. Big up für den oder die Ersten*, die das auf der Bluetooth-Box am Karlsplatz pumpen!

Kontrollierter Absturz – »Heute ist der Tag« (s/r)

»Heißer als Helene, geiler als Gabalier, ärger als die Ärzte – und mindestens so kool wie Kraftwerk auf zu viel Acid. Techno-Toys: Watch out for the B-Seite!

Spiral Joy Band – »I Was Born Under A Wandrin‘ Star« (Feathered Coyote Records)

Die Sonne geht unter, die Wüste heult – yours truly Feathered Coyote Records aus Wien wischt sich das Salz aus den Augen. Und schmeißt mit den US-Dronisten um Spiral Joy Band eine luziden Wachtraum ins Kassettenfach. Und verpufft wie eine Fata Morgana.

Lowlands – »Total Fun« (s/r)

Schrammel, Krach, Bumm, Peng. All said!

HORIZONT – »kunst-mordend« (s/r)

Als hätte der Wilde Westen an einem Peyote-Kaktus genutschelt und in die falschen Schaltkreise gegriffen, um danach in einen langen, erschöpfenden Schlaf zu fallen. Das Kollektiv HORIZONT belasst es jedenfalls nicht bei Rauchzeichen, sondern pustet den vielleicht besten Rausch rüber, den man im Juli inhalieren kann.

Anna Lerchbaumer – »Falling Objects« (smallforms)

Ein Akt die Treppe herabstürzend, zwei Akte die Treppe herabstürzend, drei Akte die Treppe herabstürzend. Anna Lerchbaumer lässt für smallforms einiges fallen. Es scheppert und deppert. Halleluja Hurra!

NADESHDA – »Das Haus des Teufels« (beach buddies)

Andreas Haslauer quetscht Musik aus Tapes, die keine ist, aber genau deswegen so gut funktioniert. Blind gekauft.

Isabella Forciniti – »Music for Churches and Bicycles« (s/r)

Mit dem Velo in die Kirche dem Pfaffen drei Rosenkränze runterpfeifen und heimlich den Tabernakel plündern. Huch. Isabella Forcinits Klangexperimente lösen in mir das bildungsbürgerliche Paradeequivalent von drei Litern Messwein aus.

Modecenter – »mode für jung und alt« (Numavi)

Schuhe, Socken, Bluse, Hemd und Hose, fertig ist das Mondgesicht. Oder das Firmoutfit für alle, die zwischen Parndorf und Großenzersdorf gefälschte Guccis (Gutschis) im Hinterkammerl des Modecenters suchen, aber nur überteuerte Sneaker gegen Verstärker treten. Brüll!

Rolltreppe – »s/t« (Bachelor Records)

Post-Punk. Rolltreppe. Linke Seite. Stehend. Wer die Band nicht kennt, war noch nie im Venster (sollte das aber dringend nachholen!).

Peppy Pep Pepper – »Forced Distance« (Modern Tapes)

Violet Candide, die Synthpop-Queen aus Wien, liest für das New Yorker Modern Tapes-Label eine Séance. Wer sich im Dunstkreis der Schönbrunnerstraße 6 rumtreibt (oder rumgetrieben hat, als das noch öfter ging), kennt Violet auch als bessere Hälfte von Mitra Mitra. Als Peppy Pep Pepper zeigt sie uns, wo der Pfeffer wächst. Ha. Blöder Schmäh. Aber gute Musik. Ciao.

… bevor wir auseinander gehen

Summer Vibeeees!


Kennst du jemanden, der am Grundrauschen interessiert ist? Cool! Dann leite ihn gerne weiter. So bleibt das Ding am Leben. Und wir rauschen gemeinsam! Heute ab 21 Uhr auf O94!

Christoph Benkeser ist freier Journalist, Redakteur und Radio-Moderator. Du findest ihn auf LinkedIn oder Twitter. Sag »Hi« via E-Mail oder schreibe ihm für eine Zusammenarbeit.

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